04. April 2015

Deutschland 2030 Wie ein verwundetes Tier

Ein Staat auf dem Drahtseil

Dossierbild

Ein neues Jahr bricht für die Deutschen an, eine Zeit des Umbruchs und der Erneuerung in einer neuen Legislaturperiode. Das Land stellt sich vereint den neuen Herausforderungen der Zeit. Konjunkturmaßnahmen und Vollzeitbeschäftigung ermöglichen nun einen wirtschaftlichen Aufschwung, welcher Deutschland wieder zu einer wohlhabenden Nation von geopolitischer Bedeutsamkeit heranwachsen lassen soll. Städte erblühten in dieser Ära der Prosperität und werden zu einflussreichen Handelszentren. Das Volk gedeiht prächtig unter einem starken und doch nachsichtigen Joch. In diesem „goldenen Zeitalter“ existiert kein Aufschrei im Herzen des Steuerzahlers, niemand träumt von Diebstahl, Mord oder Verbrechen, während die kürzlich abgehaltene Wahl zum 22. Deutschen Bundestag eindeutig die Regierung und deren Minister, bestehend aus den Volksparteien der Linken, SPD und der AfD, den Bundeskanzler Matthias Höhn und den Bundespräsidenten Marcus Pretzell bestätigt.

In etwa nach diesem Schema, nur noch viel länger, verlief die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten zu Beginn des Jahres 2030. Wie viele Menschen sie ungefähr live vor dem Fernseher verfolgen, kann zwar grob ermittelt werden, wer dem Gesagten jedoch noch ernsthaft Glauben schenkt, ist wieder eine ganz andere Frage. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es jedoch unter vorgehaltener Hand auch nicht weiter von Belang. Die Aufgabe der Nachrichtenabteilung war mehr von Unterhaltung und weniger von sachlicher Berichterstattung geprägt: Für das Publikum relevant war es vielmehr, noch einem angenehmen, geregelten Tageswerk nachzugehen oder zumindest von der großen Welt dort draußen einfach mal abschalten zu können. Wer die letzten Jahre außer Landes verbracht hat, als Komapatient nichts um sich herum erfahren hat oder aus anderen Gründen von der Gesellschaft isoliert war, der könnte meinen, dass ein ganzes Volk in Lethargie versunken ist oder Anzeichen von Depressionen zeigt. Er wird sich fragen, was hier geschehen ist, und nach Antworten in der Vergangenheit suchen.

Von irgendeiner großen Katastrophe wird er jedoch nichts finden. Der Geologe Marion King Hubbert präsentierte 1956 die heute als „Peak Oil“ bekannte Theorie eines globalen Ölfördermaximums.

Wann uns das Öl ausgehe, wurde wie der Weltuntergang immer wieder neu vorhergesagt und neu berechnet, aber der Termin über die Jahre immer wieder verschoben. Zwar konnten Staaten durch massive Besteuerungen und die Lieferanten durch Verknappung des Angebots die Preise für Benzin oder die allgemeine Mobilität steigen lassen, aber auch im Jahre 2030 noch sprudelt das Öl und dient zur Energiegewinnung. Aber selbst wenn sich das Zeitalter des billigen Öls dem Ende geneigt hätte, so hätte eine neue und effizientere Technologie wie die Kernfusion das Öl bereits 2020 ersetzt, so wie in der Urgeschichte die Steine mit der Verwendung von Kupfer und Eisen ihre Bedeutung verloren. Letztlich lässt sich jedoch jede Problemstellung durch genügend Energie lösen.

Können daher auf günstigem Wege größere Mengen an Energie nutzbar gemacht werden, garantiert dies Wohlstand und Fortschritt, ist es nicht mehr möglich, schrumpft die Wirtschaft und die Armut weitet sich aus.

Energieerzeugung ist jedoch ein Thema, das für unseren Fremden eher von Interesse sein dürfte.

Das Öl war nie ein Problem, dafür jedoch ein fanatischer Umweltaktivismus in Sachen fossiler Energie. Vor langer Zeit gab es mal ein Ozonloch, dann eine neue Eiszeit, dann ein Bienensterben und um die Jahrtausendwende herum eine neue Hitzeperiode im Kiosk der Apokalypse zu erwerben. Besonders auf letztere schienen besonders die Deutschen sich brennend zu fokussieren.

Sie glauben, dass sie die Welt retten würden, wenn sie sich lediglich auf Kleinkraftwerke mit Zufallsleistung als Energieerzeuger verließen. Das als „Energiewende“ bekannte Unterfangen entpuppte sich schließlich als Desaster. Als im Sommer 2023 erstmals die Hansestadt Hamburg vom Stromnetz genommen werden musste, um einen Zusammenbruch des ganzen Systems zu verhindern, wurde die Idee der grünen Energie schließlich begraben. Zahlreiche Unternehmen und Betriebe des Mittelstandes wurden jedoch bereits wirtschaftlich ruiniert oder lagerten ihre Produktion weiter ins Ausland aus. Die Folgen dieser teilweisen Deindustrialisierung des Landes sollten noch Jahre später spürbar sein. Der „Klimakollaps“ oder irgendeine andere Umweltkatastrophe fand entgegen allen Erwartungen nicht statt.

Um das Jahr 2010 herum sprachen auch viele Personen des öffentlichen Lebens immerzu von einer Euro-Krise und davon, dass bestimmte Länder der damaligen Währungsunion (oder vielmehr deren Banken) „gerettet“ werden mussten. Garantien und Bürgschaften wurden gegeben und diverse neue Behörden wie der ESM, der EFSM und die Troika mit zahlreichen Befugnissen wurden eingerichtet. Der Normalbürger wusste zwar nicht, was nun hinter welcher Abkürzung stand, aber dass der Euro nicht mehr lange existieren würde, darüber waren sich viele – besonders Anhänger des klassisch liberalen Lagers und der österreichischen Schule – einig. Der Euro muss als Papiergeldwährung ohne echte Werte gedeckt ja schließlich irgendwann untergehen.

Nun, irgendwann sollte jedoch nicht das Jahr 2030 sein, denn den Euro gibt es noch immer.

Griechenland und Portugal sind zwar nicht mehr Teil der Währungsunion, aber alle anderen Länder nutzen den Euro noch als festgeschriebenes Zahlungsmittel. Auch eine befürchtete Hyperinflation und ein Zusammenbruch der Währung, der Wirtschaft und der Aktienmärkte an einem nebulösen Tag X, blieb aus. Es gab durchaus auch offizielle Teuerungsraten im zweistelligen Bereich bis zu 15 Prozent im Jahr, aber noch keinen Währungskollaps. Es war vielmehr ein Zusammenbruch auf Raten. Er brachte die Menschen so wie schon zuvor um den Wert ihrer geleisteten Arbeit, war jedoch noch kein „Genickbruch“.

Die langsame Verarmung durch Inflation, Steuern, Sozialabgaben und staatliche Regulierungen und ein Mangel an Lebensqualität durch Auflagen wurden dem Kapitalismus angelastet, um den staatlichen Einfluss festigen zu können. Diese Methode hatte über Jahre hinweg Erfolg, sodass nie davon abgelassen wurde. Die Regierungen über die Jahre waren auch sehr geschickt darin, jedem Teilnehmer in diesem Machtspiel diverse Sonderrechte und Ansprüche zukommen zu lassen. Hier etwas staatliches Kindergeld für die Familie, ein paar Subventionen für den Unternehmer, noch etwas kostenlose Bildung für die Studenten – der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Der steuerzahlende Teil der Bevölkerung, der auch immer kleiner wurde, musste all dies selbsterklärend bezahlen, doch solange jeder seine teuer erkauften „Privilegien“ hatte, mochte kaum jemand das Risiko eingehen, sie zu verlieren. Der durchschnittliche Deutsche kann sich auch weiterhin das neueste Smartphone von Apple leisten, Urlaub auf Mallorca machen und die Dinge kaufen, welche er zum Leben braucht oder zumindest glaubt, darauf nicht verzichten zu können. Er wird zwar wissen oder merken, dass in diesem Land etwas in der Vergangenheit furchtbar schiefgelaufen ist und noch immer einiges im Argen liegt, genaue Probleme können jedoch auch weiterhin nicht genannt werden und wollen auch gar nicht mehr genannt werden. Viele werden – angetrieben durch psychischen Ballast und frühere Traumatisierung durch das staatliche System – sich einfach beugen und mitmachen bis zum letzten Atemzug. Solange man die Klippe langsam hinunterfällt, kann man schließlich noch die Aussicht genießen...

Wer in dieses Land zurückkehrt, wird hinter der schon bröckelnden Fassade daher ein ziemlich marodes Mauerwerk erblicken. Jedoch nicht nur deshalb, weil die Menschen dahinter Stück für Stück verarmten und den Wohlstand vergangener Tage aufzehrten, ihr Lebensmut schien schon lange vorher schwächer zu werden. Die durchschnittliche Geburtenrate 15 Jahre zuvor lag bei etwa 1,38 Kindern pro Frau. Im Vergleich zu 2030 war diese Zahl sogar noch vergleichsweise hoch. Nun gibt es ein Menschenrecht auf Sozialhilfe bei Arbeitsunfähigkeit, die potentiellen Nachkommen werden alle staatlich erzogen und die eigene Rente werden sie auch nicht zahlen. Da gibt es kaum noch eigene Anreize, Kinder in die Welt zu setzen. Überhaupt: Wird man trotz Auflagen und Lizenzen erfolgreich, so zahlt man Spitzensteuersätze und das Volk hasst einen. Scheitert man, so kriegt man die soziale Hängematte und Freigeld für alles. Unter diesen Umständen ist es am Ende irgendwo auch irrelevant, ob man nun mit oder ohne Kinder sein Leben führt. Das führte schließlich dazu, dass diverse Regierungsvertreter es 2023 in Erwägung zogen, Verhütungsmittel systematisch manipulieren zu lassen, um den Geburten etwas auf die Sprünge zu helfen, was jedoch zuvor publik wurde. Wenn der Staat an etwas Hand anlegt, wird es jedoch – wenn überhaupt – eher schlimmer als besser, was auch hier nicht anders war. Die Geburtenzahlen wurden nicht besser und die Demographie traf besonders die ländlichen Regionen hart. Die Arbeitsplätze waren rar und für junge Leute gab es kaum noch Anreize, dort zu verweilen. Die Stadtflucht sollte viele Kommunen vor enorme Probleme stellen, manche wurden über die Zeit auch aufgegeben und ihre Gebäude dem Verfall überlassen und neue Geisterstädte entstanden.

Ein Fremder wird sich vielleicht noch an Bilder der Stadtteile Detroits erinnern können, und er wird überrascht sein, solche Zustände auch in Deutschland immer häufiger zu finden. Diese Kommunen haben in den letzten Jahren keinen Krieg gesehen, keine Umweltkatastrophe oder einen Kollaps der Wirtschaft oder der Sozialsysteme. Es brauchte kein Katastrophenszenario, um beschauliche Orte im Grünen und bald komplette Industriestandorte komplett zu ruinieren. Ein paar Wahlberechtigte und ein Staat, dem sie alle folgen, waren völlig ausreichend.

Aufgrund dieser Umstände verwundert es auch nicht weiter, dass Untergrundwirtschaft, Schmuggel, andere Arten des Widerstands gegen Tyrannei, aber auch das Verbrechen wieder aufblühen.

Zumindest der Schwarzmarkt hat die DDR noch Jahre am Leben erhalten, und so ist es auch hier nicht anders. Wie ein verwundetes Tier balanciert auch dieser Staat am Ende zwischen Leben und Tod – zwischen einem verkrüppelten Rest von Marktwirtschaft und dem todbringenden Sozialismus –, und kann dadurch noch einmal richtig gefährlich werden, wenn eine Clique von eingefleischten Politgenossen ihrem Ende entgegensieht. Menschenhandel, Todesstrafen und Hinrichtungen sahen für jeden totalitären Staat am Ende doch recht freundlich aus, wenn es um die eigene Selbsterhaltung ging.

Ein neues Jahr bricht für die Deutschen an, in der Tat...

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Dossier: Deutschland 2030

Autor

Sebastian Schmitz

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