04. April 2015

Deutschland 2030 Im Nachkriegsjahr

Ein Land reinigt sich

Dossierbild

Blickt man dieser Tage flüchtig auf die Fassade Deutschlands, zeigt sich ein potentes Land an der Spitze Europas. Deutschland ist auf diesem Kontinent wirtschaftlich führend, gibt den politischen Ton an und steht auch im übereuropäischen Vergleich gut da. Made in Germany ist noch immer gefragt, gerade auch wegen des viel bewunderten deutschen Innovationsgeistes. Der Fleiß und die Zuverlässigkeit seiner Bürger wird Deutschland noch immer nachgesagt.

Ein Blick hinter die Fassade aber legt das ganze Bild frei. Im politischen Spektrum haben Umverteiler das Ruder fest in der Hand. An der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich sei der böse ausbeuterische Raubtierkapitalismus schuld. Kein Tag vergeht, an dem nicht von sozialer Gerechtigkeit gefaselt wird, die nun unbedingt durch die staatliche Gewalt herzustellen sei. Das „Wir“ habe dabei Verantwortung für die darbenden Armen zu tragen. Von „solidarischen Beiträgen“, die zu leisten seien, wird schwadroniert. Am Ende ist Zwangssolidarität aber eben keine Solidarität.

Bisweilen rückt auch das Portemonnaie des durchschnittlichen Steuer-Michels immer mehr in den Fiskus-Fokus. De facto liegt es bereits beim Finanzamt; zur scheinbevollmächtigten Finanzierung des großen Staats-Hokuspokus. Dass sich der Staat über direkte und indirekte Steuern schon circa 70 Prozent des Einkommens seiner Bürger einverleibt und damit die vorgeblich bekämpften Wohlstandslücken erst erschafft, ist nicht einmal Randnotiz. Nun soll Wohlstand auch per Gesetz geschaffen werden. Ja, was die EU kann, kann Deutschland schon lange: totregulieren. Gesetzlicher Mindestlohn, Mietpreisbremse und vielleicht bald schon das Lohngerechtigkeitsgesetz machen’s möglich! Für die Geschlechtergerechtigkeit sorgt derweil die Frauenquote – natürlich nur für Aufsichtsratsposten, nicht aber im Kanalsanierungsgewerbe. Heuchelei at its best.

Womit wir auch schon beim Gender-Mainstreaming wären. Mittlerweile wird in diesem Land steuergeldfinanziert „wissenschaftlich erforscht“, wie mit den Geschlechtern von heute politisch korrekt zu verfahren sei, ja sogar, wie viele Geschlechter es überhaupt geben soll! Möglicherweise gibt es bei denen, auf deren Zutun die Neusprechfabrik der GenderpäpstInnen gebaut wurde, in Bezug auf diese Fragestellung und beim Blick in die eigene Hose oder unter die Bluse keine Möglichkeit des eindeutigen Erkenntnisgewinns. Aber richtig, es wäre ja Diskriminierung, diese Leute mit biologischen Fakten zu verwirren.

„Vater“ und „Mutter“ war somit gestern. Heute spricht man von „Elter 1“ und „Elter 2“. Traditionelle Geschlechterrollen sind verpönt. Geschlechtsneutrale Sprache ist das Mantra dieser Tage. Die Gleichstellung treibt bunte Blüten. Wir werden uns an diese Zeit erinnern als die Ära, in der man hilflos nicht mehr sicher zu trennen wusste, was Satire war und was nicht.

Angesichts so mancher Absurditäten könnte man meinen, wir hätten all unsere großen existentiellen Probleme und Abgründe hinter uns gelassen. Doch während die Gutmenschenkaste ihre selbstgefällig verwirrten Phrasen drischt und dabei Probleme schafft, die es gar nicht gibt, ist die Zwei-Billionen-Schuldenmarke der Bundesrepublik seit geraumer Zeit geknackt. Nicht mitgezählt sind die Haftungen Deutschlands über einen dreistelligen Milliardenbetrag für Schulden anderer EU-Länder. Eines dieser Länder im Südosten der EU wird diese Garantien wohl in naher Zukunft in Anspruch nehmen müssen, womit die ersten 70 Milliarden Euro futsch wären. Der Euro ist folgerichtig seit vielen Monaten auf Talfahrt. Die Parität zum Dollar ist nahe. Innereuropäische Spannungen zwischen Schuldnerländern und Garantiegeberländern wachsen – Stichwort „Friedensprojekt Euro“. Noch dazu lässt die staatliche Datensammelwut sogar Orwell im Grab erblassen, während bürgerliche Freiheitsrechte mehr und mehr der vermeintlichen Schaffung von Sicherheit weichen müssen.

Als sei das nicht genug, findet eine militärische Auseinandersetzung im Osten Europas statt, die das Potential hat, sich zum Flächenbrand auszuweiten. Sollte der ukrainische Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen eskalieren, wäre eine Ausweitung des Krieges auf den Rest Europas ein Szenario, das so realitätsfern nicht ist. Der Kalte Krieg droht nicht. Er ist längst zurück.

Doch das Land schläft und kloppt sich bei Pegida und Anti-Pegida fröhlich die Pappschilder um die Ohren. Es gibt Probleme, die gibt es gar nicht. Unbemerkt zieht derweil im Hintergrund ein höchst existentes Unwetter auf, aber kaum jemand hat es auf der Uhr. Gerade der gemeine Gutmensch neigt dazu, Scheinprobleme hochzustilisieren, moralisierend Vorwürfe zu erheben und dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. Am liebsten kritisiert er Symptome einer Politik, die er selbst befürwortet. Mit seinem selbstgefälligen – meist sozialistischen – Geblubber produziert er fortwährend neuen politisch korrekten Datenmüll, der den Unbedarften die Sicht vernebelt und den Blick auf das große Bild verhüllt. Selbsternannte Problemlöser haben die Deutungshoheit über Gut und Böse erlangt.

Über die Jahrzehnte hat sich Unrat angesammelt; gutmenschlicher intellektueller Denkschrott einerseits und staatsfinanzierter Wirtschafts- und Schuldenmüll andererseits. In beiden Bereichen ist eine Marktbereinigung schmerzlich überfällig.

Deutschland auf dem Weg ins Jahr 2030

Die Verkennung der Realität – der wirklichen Abgründe dieser Zeit – bleibt nicht ungestraft. Die tatsächliche Fallhöhe unseres Landes besteht nicht in raubtierkapitalistischer Kälte, egoistischen Ausbeuterunternehmern und mangelnder Solidarität in der Gesellschaft. Sie besteht erstens in den Folgen gutmenschlicher und damit sozialistischer Politik, zweitens in dem ungezügelten Drang von Regierungen und Parlamentariern, weitreichende Kontrolle zu erlangen und Einfluss auszuüben, und drittens im mangelnden Mut zu außenpolitischer Unabhängigkeit von fremden Machtinteressen.

Punkt eins wird mittelfristig zur Pleitewelle unter den europäischen Staaten und damit zum weitreichenden Verlust der bürgerlichen Ersparnisse und des Wohlstandes führen. Punkt zwei hat die weitere Ausweitung der Marktverzerrung, die Gängelung und Überwachung der Bürger sowie die Verrohung der Sitten und die Etablierung des Denunziantentums zur Folge. Punkt drei wird uns kurz- bis mittelfristig in einen Krieg zwischen dem Westen und Russland verwickeln, in dem Europa als Schlachtfeld, Bollwerk und Spielball zwischen den Rädern der großen Geopolitik zermahlen wird.

Dieses Szenario bringt handfeste Vorteile für jene, die diese Umstände zu verantworten haben – die Politiker. Schließlich ist die große Masse kaum imstande, in den Wirren, Sorgen und Nöten des Krieges allzu sauber Ursachen, Symptome und Verantwortungen im Konglomerat von Politik, Wirtschaft und Finanzen auseinanderzuhalten. Gerade die sich schon seit geraumer Zeit am Horizont abzeichnenden wirtschaftlichen Verwerfungen, die auf der desaströsen Schulden- und Regulierungspolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte erwachsen sind, können von den Verantwortlichen somit scheinheilig auf die Folgen „kriegerischer Schicksalsschläge“ und „verbrecherischer Militärschläge der Aggressornationen“ geschoben werden, ohne dass die Masse allzu kritische Fragen stellt. Im Angesicht des Abgrundes ist die große Masse der Menschen am ehesten bereit, den Verlust von Hab und Gut in Kauf zu nehmen. Es zählt das nackte Überleben. Man fügt sich zur vermeintlichen Verhinderung des Schlimmsten in das kollektive Kriegsfolgen-Schicksal.

Der Krieg selbst sowie der damit einhergehende oder darauf folgende Zusammenbruch des Staatsschuldenkarussells werden schließlich zu einer großen Bereinigung führen.

Einerseits werden die durch die enormen Mengen billigen Geldes verursachten Fehlallokationen des Kapitals und verschleppte Insolvenzen offenbar. Abschreibungen auf Staatsschulden und der damit verbundene Verlust von Ersparnissen und Eigentum lassen sich in einem solchen Umfeld schließlich am ehesten diffus als die Folge „äußerer Umstände“ verkaufen. Der „Lochfraß“ in der EU wird zu diesem Zeitpunkt derart fortgeschritten sein, dass die politische Institution EU unter ihrem eigenen bürokratischen Gewicht zerbricht.

Andererseits werden „Luxusprobleme“ wie Gender-Mainstreaming, politisch korrekte Heuchelakrobatik und sozialistische Umverteilungströge auf das Maß zurechtgeschrumpft, das sie verdienen: die Nichtexistenz. In einer neuerlichen Nachkriegszeit wird es schlicht keine Kapazitäten für die Alimentierung jedes nächstbesten Solidaritätsempfängers geben. Wo nichts ist, kann auch nichts verteilt werden. Wo an jeder Ecke Mangel herrscht, gibt es wichtigere Fragen zu beantworten, als die, wie die nächstbeste Quote zu realisieren sei. Kriege sind verlustreich. Sie zerstören Leben, Eigentum und Wohlstand. Kriege sind Zeiten des Mangels; des Mangels an Gütern, Lebensqualität und Sicherheit. Kriege bringen aber zwischenmenschliche Werte, familiären Zusammenhalt und echte Solidarität zurück. Eine Gesellschaft, deren dekadentem, moralisierendem und traumtänzerischem Gutmenschentum von der Realität gerade ordentlich das Maul poliert worden sein wird, wird sich auf die höchst reale Frage besinnen müssen, ob der eigenen narzisstischen Gehirnakrobatik in der bitteren Not tatsächlich eine reale Nachfrage gegenübersteht.

Deutschland im Jahre 2030

Das Jahr 2030 wird ein Nachkriegsjahr sein; aber auch ein Jahr, in dem sich Deutschland vom Unrat seiner Vergangenheit befreit haben wird. Die Menschen werden aus den Nöten des Krieges gelernt haben. Die Prioritäten – also eine realistische Einschätzung dessen, was für ein gutes Leben tatsächlich notwendig ist und was nicht – werden wieder im rechten Lot sein. Der Mangel führt dem Menschen immer wieder vor Augen, was tatsächlich wichtig ist. Der Mangel des Krieges und der Nachkriegsjahre wird ebensolche Auswirkungen haben. Es wird das zählen, was effektiv dabei hilft, wieder auf die Beine zu kommen und das Segel in den Wind Richtung Zukunft und Wohlstand zu setzen. Dabei wird sich schnell die Spreu vom Weizen trennen.

Gefragt sein werden Realisten, Visionäre und Zupacker; Handwerker, Ingenieure und gute Geschäftsführer. Nicht gefragt sein werden: bigotte, scheinfromme Redenschwinger, schöngeistige Gesellschaftsklempner und staatsplanwirtschaftliche Zwangsbeglücker. Da sich der Staat die „Fürsorge“ im Jahr 2030 (noch) nicht wird leisten können, wird der familiäre Rück- und Zusammenhalt gestärkt sein, eigenverantwortliches Engagement erblühen. Es ist traurig, dass es die schweren und verlustreichen Jahre eines Krieges zu brauchen scheint, um zu solch hohen Werten und Erkenntnissen zurückzukehren.

Sicherlich wird es aber wieder gelingen, die eigentlichen Krisenursachen zu verschleiern. So wird es im Jahre 2030 weiterhin Zentral- und Notenbanken geben, die zu Beginn weniger, mit über die Jahrzehnte wachsendem Staatsschuldenstand aber immer mehr intervenierend eingreifen werden. Der Effekt der vergangenen Marktbereinigungen, die dadurch gesunkene Schuldenlast und die Rückführung staatlicher Alimentationen auf ein Mindestmaß werden Deutschland und seine findigen Menschen aber mit einem neuerlichen Wohlstandszuwachs belohnen, wie zuletzt zu Zeiten von Ludwig Erhard.

Wenn die Wirtschaft des Jahres 2030 auch liberalisiert wurde, so wird der Staat sich weiterhin nicht das Bildungsmonopol nehmen lassen. Der Vielfalt werden so weiterhin sehr enge Grenzen gesteckt.

Geopolitisch wird Deutschland weiterhin nicht unabhängig von fremden Interessen sein. Ich bin aber optimistisch, dass es sich einem weder faschistischen noch totalitären Bündnis anschließen wird. Die Menschen werden nach dem Fehlschlag der Sanktionspolitik im Vorlauf des großen Krieges immerhin begriffen haben, dass freier Handel und möglichst durchlässige Grenzen nicht nur gesellschaftlichen, sondern auch politischen Frieden sichern und Wohlstand ermöglichen.

Deutschland 2030: Es wird wieder blühen – aber Geschichte neigt langfristig dazu, sich zu wiederholen.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 151. In diesem Heft erwarten Sie ausführliche Hintergrundartikel zu unserem Schwerpunktthema „Welche Kultur entsteht hier? Das Internet zwischen Hoffen auf Freiheit und totaler Überwachung“. Dazu finden Sie in ef 151 charttechnische Hinweise zur Partnerwahl, eine detaillierte Analyse des Internationalen Klimavertrages 2015, einen Standpunkt zur Einwanderung in den Sozialstaat, einen Wegweiser durch den anarchokapitalistischen Gangsta-Rap, eine Klarstellung der Mietpreisbremse, einen Streifzug durch Moskauer Flaniermeilen, ein Lob des Handwerkers sowie Lifestyle, Musik, Autos, Film, Empfehlungen über ein sinnvolles Anlageverhalten während der lange nicht beendeten Finanzkrise und weitere Analysen aus ungewohnter Sicht. Dazu viele weitere Überraschungen und Informationen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden. Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich von einem erweiterten Angebot, haben Zugriff auf exklusive Online-Artikel, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Deutschland 2030

Mehr von Simon von Bülow

Über Simon von Bülow

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige