12. April 2015

Kindergarten Blau eingefärbte Kinder

Der beste Ort für ein Kind? Warum eigentlich?

Dossierbild

Unser Paulus, jetzt vier Jahre alt, besucht den Kindergarten. Seit August wird er halbtags in der örtlichen katholischen Einrichtung betreut. Um es direkt vorwegzunehmen: Seine Erzieherinnen sind Gold wert, er ist ein zurückhaltender Bursche, seinem Vater in dem Alter sehr ähnlich, und hat direkt Zutrauen zu den beiden Damen gefasst. Und die Kindergartenleitung bemüht sich nach Kräften, für die Kinder ein adäquates Umfeld zu schaffen. Kein Vorwurf also an das Personal! Jedoch: Der Kindergarten wird fast seit Beginn seiner Zeit in der Einrichtung umgebaut; umgebaut als Familienzentrum, was am Ende heißt, dass zukünftig auch sogenannte U3-Kinder, also Kinder unter drei Jahren, dort betreut werden sollen.

Der Trend zur U3-Betreuung ist bundesweit mit gesetzlichem Kita-Anspruch nicht von der Hand zu weisen, und es wird sicher auch Kinder geben – so das immer wieder angeführte Argument –, denen es gut tut, zumindest ein paar Sunden am Tag im stabilen Umfeld eines Kindergartens statt im chaotischen Umfeld der Familie zu verbringen. Skeptisch geworden sind wir auch erst, als es hieß, möglicherweise könne seine kleine Schwester nicht mit einem Platz in der Einrichtung rechnen: Mit Beginn der U3-Betreuung wird die Zahl der zu betreuenden Kinder sinken und zunächst mal werden – daran hängen Fördermittel – mit Priorität Kinder unter drei Jahren aufgenommen. Wenn wir unsere Tochter bereits jetzt – mit zwei Jahren – in den Kindergarten gäben, wäre alles möglich, aber in einem Jahr? Keine Garantie!

Seitdem fragen wir uns, ob ein Kindergarten – auch ein „gut katholischer“ – überhaupt der richtige Platz für unsere Kleinen ist, jedenfalls unter den gegebenen Rahmenbedingungen, insbesondere solange wir nicht wissen, wie die Betreuung mit dem U3-Konzept in der Realität aussehen wird und – nicht ausschlaggebend, aber auch ein Argument – solange wir gezwungen sind, einen 45-Stunden-Aufenthalt pro Woche zu bezahlen, die Kinder aber bereits mittags wieder abholen und sie lieber nur zwei oder drei Tage in dieser Art betreuen lassen wollen. Unser Sohn mag die anderen Kinder, möchte sie immer mal wieder gerne einladen, er freut sich immer, wenn er die Erzieherinnen sieht, aber wenn man ihn fragt: „Möchtest du in den Kindergarten?“ lautet die beständige Antwort: „Nein, da will ich nie mehr hin!“

Nun kann man sein Kind nicht alles entscheiden lassen, man tut aber doch gut daran, die Gefühle des Kindes nicht zu ignorieren. Beispielhaft sei eine Begebenheit vom Palmsonntag berichtet, bei der die Kinder gemeinsam nach der Palmweihe in die Kirche eingezogen sind, um anschließend alle zusammen in den ersten Reihen bei ihren Erzieherinnen zu sitzen. Unser Paul entdeckte beim Einzug dann seine Mama und wollte direkt bei ihr sitzen. Der Kommentar einer der Erzieherinnen – aus ihrer Sicht durchaus nachvollziehbar: „Hätte der die Mama nicht gesehen, hätte er es geschafft, die Messe in der Gruppe zu feiern.“ Meine Antwort, die sich nach ein bisschen Überlegung einstellt, wäre: Sicher hätte er das geschafft, aber wieso sollte er das schaffen müssen? Kinder gehören in der Messe zur Familie – Ausnahmen mögen mal die Regel bestätigen, aber ich sehe keine Zielsetzung darin, mein Kind zu überzeugen, dass es besser wäre, nicht bei Mama und Papa zu sitzen!

Unser Sohn schafft die Tage im Kindergarten, er schafft es, von morgens bis mittags mit Baustellenlärm klarzukommen, er schafft es, mit 24 Kindern und zwei Erzieherinnen, von denen gefühlt die Hälfte der Zeit jeweils eine zur Weiterbildung, im Urlaub oder krank ist, den Vormittag zu verbringen. Er schafft das alles, wie es andere Kinder in seinem Alter auch schaffen … aber ist das erstrebenswert?

Namhafte Kinderpsychologen – nicht solche, die unsere sogenannte Familienministerin beraten – empfehlen, dass Kinder im Alter ab drei Jahren Sozialkompetenz durch Kontakt mit anderen Kindern erlernen – im Umfang von etwa drei Stunden pro Woche! Mehr ist nicht notwendig für die „Herzensbildung“ von Kindern, die in geregelten, ehemals normalen Verhältnissen aufwachsen, die mit Geschwistern aufwachsen, deren Mutter präsent ist und die sich auch darauf verlassen können, dass der Vater zu geregelten Zeiten zu Hause ist. Und einen solchen Umfang bekommt man auch familienintern mit Freunden sichergestellt, ohne auf einen Kindergarten zurückgreifen zu müssen. Eine Kinderbetreuung von 25 Stunden und mehr im Kindergarten ist lediglich dem Wunsch vieler Eltern – und der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – geschuldet, dass beide Elternteile berufstätig sind, viele müssen es auch aus finanziellen Gründen. Es gibt aber keinen einzigen Grund, Kinder in diesem Umfang aus einer intakten Familie fernzuhalten, der in der Entwicklung der Kinder begründet läge!

Dabei will ich nicht verschweigen, dass ich die Erziehung der Kinder auch überwiegend in unserer eigenen Hand sehen möchte. Ich habe da durchaus Zutrauen zu den bisherigen Erzieherinnen, die auch eine religiöse Grundbildung mitliefern. Aber wieso sollte man das auslagern? Unseren Kindern beibringen, was Ostern ist, auch was Karfreitag ist, was wir Weihnachten feiern und warum St. Martin kein Lichterfest ist – das schaffen wir auch selbst und lassen uns ansonsten in dieser Hinsicht gerne von anderen Familien inspirieren. Für diese wenigen „Events“ im Jahr ist eine ganzjährige Unterbringung in einem Kindergarten ebenfalls nicht notwendig. Erziehung ist also Elternsache, verfassungsrechtlich in Deutschland sogar zugesichert, weshalb eine Ganztagsbetreuung unserer Kinder ohnehin nie eine Option für uns war.

Bleibt noch der nicht von der Hand zu weisende Umstand, dass Kinder, die ohne Kindergartenaufenthalt in die Schule kommen, den Umgang mit einem Klassenverband nicht gewohnt sind. Auch hierzu gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass solche Kinder eher zurückhaltend sind, nicht allzu schnell Freundschaften schließen. Aber auch hier die Frage: Ist das so schlimm? Das wäre es, wenn sie in der Familie keinen Rückhalt hätten, sich nicht verlassen könnten auf Mama, Papa, Geschwister und den Rest der Familie. Wer aber familiär gestärkt auf ein unbekanntes Umfeld trifft, der ist auch in der Lage, damit umzugehen: Familiäre Bindungen sind das, was Kinder brauchen, nicht frühzeitige Abnabelung! Und – für Sozialingenieure vermutlich eher ein Dorn im Auge – Kinder mit intakter Elternbindung sind auch in der Lage, die Lehrinhalte kritischer zu bewerten. Das wird sicher noch mal spannend werden, wenn unseren Kindern schulisch fächerübergreifend nahegebracht werden soll, dass jede „Gender-Konstellation“ gleichwertig sein soll, wenn ihnen doch bereits klar ist, dass das Idealmodell das von Vater-Mutter-Kindern ist (ohne andere Konstellationen dabei zu verurteilen).

Eine solche Stärke kritischen Denkens erlangen sie aber nicht in einem Verbund von mehr als 20 Kindergartenkindern, die schon alleine aus organisatorischen Gründen idealerweise gleich „ticken“. Diese Stärke erlangen sie zu Hause, wo ihnen beigebracht wird, andere Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion oder auch sexueller Orientierung zu respektieren und doch die Unterschiede zu sehen, die offensichtlich sind, aber nur zu gerne negiert werden. Und wo ihnen auch Respekt für ihre Belange und Meinungen entgegengebracht wird in einer Art, wie es Erzieherinnen im Kindergarten gar nicht leisten können. Auch hierzu haben wir in unserem Umfeld viele Beispiele, wie man das organisieren kann, in erster Linie dadurch, dass man auch schon kleine Kinder in die familiären Diskussionen einbezieht, für die sie sich dann ganz automatisch interessieren. Wie mir erst gerade ein Vater berichtete, der sein Kind nicht in den Kindergarten gegeben hat, war man in der Schule über die Allgemeinbildung des Jungen überrascht. Das wiederum überraschte den Vater, der meint, eigentlich machten sie in der Familie gar nichts Besonderes in dieser Richtung. Der Unterschied ist aber klar: Hat der Junge zu Hause eine Frage, bekommt er direkt eine Antwort, fragt er im Kindergarten, muss er sich bei 20 Kindern anstellen!

Das alles macht auch deutlich, woher die Intensität des gesellschaftlichen Drucks zur Fremdbetreuung von Kindern stammt: Betreuung in Familien mindert den Einfluss des Staates auf die Erziehung, Betreuung in Familien verstärkt den Familienverbund und die Unabhängigkeit von der „Masse“, Betreuung in Familien bedeutet möglicherweise sogar einen Bildungs-Startvorteil dieser intensiv betreuten Kinder, selbst in Familien, die nicht übermäßig gebildet wirken – für die Kleinen wird es in den allermeisten Fällen ausreichen. Betreuung im Kindergarten dagegen egalisiert all diese Effekte – und egalisiert unsere Kinder: Gleichheit als Ziel der Politik, das macht auch vor den Kleinsten nicht halt! Diese Effekte mögen in guten katholischen Einrichtungen nicht so gewollt sein, wirksam sind sie aber dennoch; dass die Kirchengemeinden sich mit dem staatlichen System der frühkindlichen Betreuung gemein machen, kann man (hoffentlich) nur mit gesellschaftlicher Kurzsichtigkeit erklären.

Auf Eltern, die sich diesem Trend – einem wirklichen Mega-Trend in der westlichen Welt – entziehen wollen, lastet aus diesen Gründen ein gehöriger Druck. Es ist, als würde eine Regelung, die für Kinder und Familien einfach nicht ideal ist – Loslösung statt Bindung, Trennung statt familiärer Gemeinschaft –, zum Standard erhoben, um dann das eigentliche Ideal zu problematisieren. Oder bildhaft: Alle Welt scheint den Kindern über genetische Manipulationen eine blaue Hautfarbe verpassen zu wollen, und Eltern, die sich dieser Entwicklung entziehen, werden erstaunt gefragt, ob sie nicht meinen, ihre Kinder würden doch damit zu Außenseitern?

Darum, bei allem guten Willen, bei aller Wertschätzung für die aufopferungsvolle Arbeit der Erzieherinnen in „unserem“ Kindergarten, bei aller Anerkennung des Bemühens vieler Einrichtungen, eine möglichst ideale Umgebung für Kinder jeden Alters zu schaffen, bei allen in Betracht zu ziehenden Optionen, die Kleinen vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, in dem die Bindung zu den Eltern schon stärker ausgeprägt ist, doch noch mal in eine geeignete Einrichtung unter geeigneten Bedingungen zu geben: Kindergärten sind immer nur die maximal zweitbeste Lösung für unsere Kinder, und das Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten. Das wird nicht einfach werden, und auf viel gesellschaftliches Verständnis darf man nicht hoffen, aber: Unser Sohn darf sich jetzt auf viel mehr gemeinsame Zeit in der Familie freuen, in den Kindergarten werden wir ihn nicht mehr zwingen.

Und: Unsere Kinder werden wir nicht blau einfärben!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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