14. April 2015

Die griechische Tragödie Parteiideologen und Salonkommunisten

Der zerstörerische Kampf der Linken

Dossierbild

Ein neuer Frühling beginne in den Beziehungen zu Moskau, verkündete der gutgelaunte griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras am 8. April in der russischen Hauptstadt. Das impliziert, dass zwischen Griechenland und Russland vorher ein kalter Winter herrschte. Beides ist so nicht richtig. In kaum einem anderen Staat, der zur NATO und der EU gehört, gab es so enge Beziehungen zu den jeweiligen Herrschern in Moskau, wie in Athen. In der Zarenzeit kämpften die orthodoxen Russen gegen die osmanischen Unterdrücker und hatten so einen wesentlichen Anteil an der Befreiung Griechenlands. Seit der Gründung der kommunistischen Partei in Griechenland 1918 war diese treu erst Lenin und dann Stalin ergeben. Sie kämpfte mit brutaler Gewalt gegen die italienische und deutsche Besatzung, dann aber auch im Bürgerkrieg gegen die königstreue westlich orientierte Armee, die sich dagegen wehrte, dass die Partisanen Griechenland als Vasallenstaat der Sowjetunion auslieferten. Die offizielle griechische kommunistische Partei, die KKE, ist bis heute stalinistisch. Und seitdem Putin regiert, fühlen sich die verschiedenen linken Strömungen dem neuen russischen Zaren verbunden, gehören sie doch beide zum orthodoxen Kulturreich. Gleichzeitig gibt es kaum ein Volk in Europa, das Kommunisten so hasst wie die Griechen. Es kommt darauf an, auf welcher Seite der Einzelne in den blutigen Auseinandersetzungen stand, die im Bürgerkrieg zwischen 1944 und 1949 ihren mörderischen Höhepunkt hatten.

Tsipras gehört zu den Griechen, die in der Tradition des kommunistischen Denkmusters leben, die immer noch im sowjetischen Sozialismus die Zukunft sehen, die auf den einfachen Nenner gebracht lautet: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. Die alte Sowjetunion ist zwar untergegangen, aber das ist für überzeugte Kommunisten kein Grund, nicht weiter an die marxistische Heilslehre zu glauben. Tsipras hat in seiner Jugend in der Propagandaabteilung der kommunistischen Jugendorganisation gearbeitet und hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Kommunist ist und immer war. Von den 9.949.684 wahlberechtigten Griechen haben bei der letzten Wahl 2.246.064 für ihn und seine Partei gestimmt, das sind gerade mal 22,35 Prozent. Angesichts der verheerenden Politik der Altparteien und des skrupellosen Verhaltens der Elite ist es eher verwunderlich, dass nicht noch mehr Griechen die alten Gesichter leid waren und einem unkonventionell daherkommenden jungen Mann ihre Stimme gaben, der ihnen Wunder versprach. Aber auf solche Heilslehrer fallen nicht nur Griechen rein, wenn es ihnen nur dreckig genug geht. Auch das selbsternannte Volk der Dichter und Denker entschuldigt bis heute seine Wahl eines Massenmörders mit der schlimmen wirtschaftlichen Lage.

Tsipras war es zudem gelungen, eine bunte Mischung fast aller linken Strömungen, von den wohlhabenden Salonkommunisten wie seinem Außenminister Nikos Kotzias bis hin zum strammen Parteiideologen Panagiotis Lafazanis, der das Amt des Energieministers erhielt, in einem großen Bündnis zusammenzufassen. Vor der Finanzkrise 2008 hatten diese Splittergruppen 2007 gerade mal 5,04 Prozent und 2009 sogar nur 4,6 Prozent. Das waren weniger als bei den ähnlich strukturierten deutschen Linken, die aus dem Unterdrückungsapparat der SED hervorgegangen sind. Der rasante Aufstieg zeigt vor allem, wie verheerend sich die korrupte Schuldenpolitik der Eliten und die europäische „Rettungspolitik“ auf die Wähler ausgewirkt haben.

Gleich nach seinem Wahlsieg fuhr Alexis Tsipras in die nahe Athen gelegene Provinz Böotien zum Denkmal der 218 ermordeten Zivilisten von Distomo. Das war mehr als eine Verneigung vor den Opfern des Zweiten Weltkrieges. Das war für Tsipras eine Demonstration seines Weltbildes und damit seiner Politik. In Distomo wütete das 4. SS-Panzerregiment als Vergeltung für die Ermordung von drei deutschen Soldaten durch Partisanen und erschoss wahllos Greise, Frauen und Kinder. Griechenland ist übersät von Dörfern, in denen die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten der Besatzer und unterschiedlichen Partisanenverbände geriet und dabei rücksichtslos vertrieben, verschleppt und ermordet wurde.

Der Krieg, der von den Italienern angezettelt worden war, zeichnete sich in Griechenland nicht durch einen Frontverlauf, sondern durch eine erfolgreiche Verteidigung von Partisanen gegen die Besatzer aus, die nie ganz Herr der Lage waren. Gleich drei Armeen besetzten das Land. Den ganzen Nordosten bekamen die Bulgaren, die eine rücksichtslose Bulgarisierung ihres Gebietes betrieben, die Deutschen übernahmen Thessaloniki, die Region um Athen und Kreta und den großen Rest besetzten die Italiener.

Der Widerstand wurde von zwei weitgehend getrennt operierenden Partisanenarmeen organisiert. Da gab es einmal die Reste der königstreuen Einheiten, und es gab die kommunistischen Widerstandszellen. Die einen wurden von den Briten, die anderen von Moskau und dessen Statthaltern auf dem Balkan, in Albanien und Bulgarien, vor allem aber von dem Jugoslawen Josip Broz Tito beliefert.

In ganz Europa gibt es Beispiele für den Massenmord an Zivilisten. Viele Ortsnamen haben sich ins Bewusstsein deutscher Schuld gebrannt: Oradour-sur-Glane in Frankreich, Lidice in Tschechien, Kalavryta in Griechenland, dazu die vielen hundert Massaker in Städten und Dörfern, die nicht weniger brutal waren, aber in Vergessenheit geraten sind. Das Morden in Griechenland forderte, so schätzen die Historiker, 30.000 Todesopfer unter den Zivilisten, circa 60.000 Juden, die in die Vernichtungslager gebracht wurden, und etwa 100.000 Menschen, die verhungerten. Der Blutzoll ist furchtbar, aber nicht höher als in vielen anderen Staaten, die in dieser Menschheitskatastrophe umkamen – zum Beispiel in den baltischen Staaten, Polen, der Ukraine und Jugoslawien, um nur einige zu nennen.

Mit dem Besuch in Distomo aber machte Tsipras gleich zwei seiner politischen Zielrichtungen deutlich: Hauptschuldige am griechischen Elend sind die Deutschen, die vor 70 Jahren das Land ausgeplündert und verwüstet haben und die ihm, je nachdem, wie halsbrecherisch die Berechnung ausfällt, mal über 400, mal „nur“ 278 Milliarden Euro schulden, was das Land mit einem Schlag entschulden würde. Diese Forderungen lassen sich besser erheben, wenn sie mit den Nazi-Verbrechen der Deutschen in Zusammenhang gebracht werden. Die Zustimmung aller „Antifaschisten Europas“ sind ihnen dann sicher. Die Opferrolle Griechenlands wird damit in den Vordergrund geschoben, und wer sie anzweifelt, gerät in den Verdacht, deutsche faschistische Greueltaten zu verharmlosen.

Tsipras baut seine Sicht auf der traditionellen kommunistischen Welterklärung auf: Zwar waren und sind es die Deutschen, die Griechenland im Krieg und jetzt in der Finanzkrise in das Elend gestürzt haben und deshalb die Verantwortung tragen, aber es gibt sie überall, die Reaktionäre, die die demokratischen Kräfte behindern und verfolgen. „Demokratische Kräfte“ bedeutet in der Sprache der Linken immer auch „sozialistische Retter.“ Diese Geste von Tsipras in Distomo, die in Deutschland, nicht nur bei den „Linken“, auf viel Verständnis traf, war zwar auch ein Signal an die Europäer und vor allem die Deutschen, wie er als Symbol für ein Europa der linken Erneuerung gesehen werden will. Es war aber auch ein sehr starkes Signal nach innen. Denn mehr Tote und Zerstörung als der Zweite Weltkrieg forderte der griechische Bürgerkrieg. Von einer Aussöhnung zwischen den Bürgerkriegsparteien ist die griechische Gesellschaft weit entfernt. Und so sehr sie zur Zeit die Wirtschaftskrise gemeinsam betrifft, so sehr verdeckt diese nur die Zerrissenheit dieser kleinen Nation.

Ein Beispiel dafür ist das Verhalten der KKE, der kommunistischen Traditionspartei, für die immerhin auch 328.138 Stimmen abgegeben wurden, das waren 0,97 Prozent mehr als bei der letzten Wahl. Die KKE ist ein ideologisches Relikt aus der Stalinzeit. Jede leichte Anpassung der Kommunisten an eine veränderte Welt ist für sie schon Hochverrat. Sie sieht sich in der direkten Nachfolge des Leninismus-Stalinismus und der Partisanenarmee. 1949 wurde sie verboten und erst nach dem Zusammenbruch des Obristenregimes 1974 wieder zugelassen. Ihre Führer kehrten aus dem Exil in der Sowjetunion und seinen Vasallenstaaten zurück und pflegten ihre reine Lehre. Gleichzeitig sagte sie allen Trotzkisten, Maoisten, Linkssozialisten und was es da sonst noch so gibt, den Kampf an. Konsequenterweise sehen sie in Tsipras natürlich einen Hochverräter der kommunistischen Sache, weil er überhaupt mit den Europäern spricht und sogar den Euro beibehalten will. Ein sofortiger Austritt aus der NATO wäre für sie das Mindeste, um mit Tsipras in eine Koalition einzutreten. Doch diese Harakiri-Politik hätte ihm alle Ambitionen eines europäischen linken Messias zerstört. Da hat er sich lieber mit den antisemitischen Nationalisten eingelassen, was ihm sogar seine linkssozialistischen Freunde in Deutschland nicht übelnehmen.

Warum ich so ausführlich über die Geschichte der kommunistischen Partei in Griechenland schreibe? Weil die ungelösten Probleme der marxistischen Sekten unter Tsipras jetzt die Politik des Landes beherrschen. Tsipras legt keinen Wert auf eine Aussöhnung des zerrissenen Staates mit seiner Vergangenheit, die mit der Staatsgründung 1830 dank britischer und französischer Unterstützung in einer Abfolge von Kriegen, Vertreibung, Eroberungen, Besetzungen und immer wieder einem Kampf von Griechen gegen Griechen begann, und sich nie zu einer stabilen, liberalen Demokratie entwickelte. Es gibt genug Jahrestage, an denen ein Besuch von Orten angebracht wäre, um an die Greueltaten der Nazis zu erinnern. Statt dem geschundenen Land Perspektiven einer Versöhnung zu eröffnen, irrlichtert er durch die unselige Geschichte. Das lässt nichts Gutes für Griechenland erhoffen, völlig unabhängig von seinen finanziellen Nöten.

Die meisten Provinzen entlang der Grenzen Bulgariens, Mazedoniens und Albaniens haben nicht die Syriza-Partei von Tsipras gewählt, sondern sind den Konservativen treu geblieben. Das legt zwei Vermutungen nahe. Eine Erklärung könnte sein, dass aus dieser wirtschaftlich ärmsten Region die meisten Gastarbeiter nach Deutschland kamen. In den Dörfern des Nordens leben jetzt Tausende von Heimkehrern von ihren deutschen Renten. An ihre Zeit im Ruhrgebiet oder in München haben sie positive Erinnerungen, und es geht ihnen vergleichsweise gut. Selbst eine Rückkehr zur Drachme würde sie nicht stören. Ihre Renten beziehen sie weiterhin in Euro.

Eine zweite Erklärung ist, dass diese Regionen besonders hart unter dem kommunistischen Terror des Bürgerkrieges gelitten haben. Ganze Landstriche waren 1949 entvölkert. Die Kommunisten zwangen erst bis zu 30.000 Kinder, die sie meistens gewaltsam den Eltern abnahmen, über die Grenze in die kommunistischen Nachbarstaaten. Später, als deutlich wurde, dass sie den Krieg nicht gewinnen konnten, evakuierten sie die Dörfer samt dem Vieh nach Albanien, Jugoslawien und Bulgarien und brannten sie dann nieder. Nur vage sind noch immer die Angaben über die Zahl der Opfer dieser Verwüstungen. Es gibt Zahlen von 150.000 bis 750.000 Ermordeten und Vertriebenen. Das sind weit mehr Opfer, als der Weltkrieg gefordert hatte. Zur Wahrheit gehört, dass die königstreue Armee auch ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung Krieg führte und Dörfer schon mal mit Napalm bombardierte. Aufgearbeitet wurde der Bürgerkrieg nie.

Im Mythos der Linken kämpfte damals die „Demokratische Armee“, so nannten sich die Kommunisten und so versuchen sie bis heute, die linke Partisanenarmee zu verherrlichen, gegen die königstreuen Faschisten. Zwar hatten die deutschen, bulgarischen und italienischen Faschisten besiegt das Land verlassen, aber die Kommunisten kämpften weiter. Dieses Mal gegen die reguläre Armee und Kampfeinheiten der Briten. In Griechenland schafften es die von der Sowjetunion unterstützten Agitatoren, die britischen Befreier als Faschisten zu denunzieren. 1947 zogen sich die erschöpften Briten zurück, und die Amerikaner versorgten nun die rein griechische Armee mit Material und Kapital.

Zum Verständnis der verschiedenen griechischen kommunistischen Gruppen gehört die Verwirrung, die unter den Aufständischen herrschte. Was sie nicht wussten, ist, dass Churchill sich mit Stalin geeinigt hatte, dass Rumänien und Bulgarien der Sowjetunion überlassen werden, Griechenland aber zum Interessensgebiet der Briten gehörte. Stalin unterstützte deshalb die Partisanen gerade so viel, dass der Bruderkrieg in Griechenland kein Ende fand. Die Versorgung der Kommunisten überließ er seinen Balkanstatthaltern. Als der Jugoslawe Tito mit Stalin brach, war auch die totale Niederlage der griechischen Kommunisten besiegelt, denen sich damals viele dem internationalen Sozialismus verpflichtete Kämpfer angeschlossen hatten, vor allem Slawen. Bis 1945 vertrat die KKE auch noch den Standpunkt, dass aus den nordgriechischen Regionen Thrazien und Mazedonien zusammen mit den bulgarischen und mazedonischen Gebieten ein eigener sozialistischer Staat im Herrschaftsbereich Moskaus entstehen sollte.

Nach dem Exitus der Partisanen kam es innerhalb der kommunistischen Kämpfer zu einer Welle von gegenseitigen Beschuldigungen. Viele „aufrechte“ Kommunisten wurden bei Stalin von ihrem Vorsitzenden Nikolaos Zachariadis als Verräter denunziert, entweder weil sie angeblich nicht genug,  oder aber für den falschen Kommandanten gekämpft hatten. Zachariadis übernahm mitten im Bürgerkrieg 1945 wieder die KKE, nachdem er aus dem Konzentrationslager Dachau befreit worden war. Dank seiner Beschuldigungen landeten Tausende kommunistischer Griechen im sibirischen Gulag. Andere wurden im ganzen Sowjetblock verteilt und dort zur Zwangsarbeit herangezogen.

Doch auch Zachariadis endete in Sibirien. 1956 nach dem Tode Stalins wurde er von seinen im Exil lebenden griechischen Kommunisten im zentralasiatischen Taschkent abgesetzt und hinter den Ural geschickt. Dort beging er 1973 Selbstmord. Für die Geflohenen und Verschleppten war eine Rückkehr ausgeschlossen, weil Griechenland die Grenzen zu den kommunistischen Nachbarstaaten dicht gemacht hatte und keinen in die Heimat zurückkehren ließ. Es wollte auf keinen Fall einen ehemaligen Partisanen ins Land lassen.

Wer diese Traumata verstehen will, die in Griechenland nie aufgearbeitet wurden, sollte dringend das Buch von Nicholas Gage lesen. Der Geburtsname von Gage ist „Nikolaos Gatzoyiannis“. Als Fünfjähriger wurde er bei einer Flucht aus dem verminten kommunistischen Herrschaftsbereich heraus geschmuggelt und überlebte deshalb. Er wuchs bei seinem Vater in den USA auf, wo dieser seit Jahren als Arbeiter den Lebensunterhalt der Familie verdiente. Gage machte Karriere bei der „New York Times“, wo er Chef der Auslandskorrespondenten wurde. Die Geschichte seiner Familie ließ ihn nicht los. Denn seine Mutter war von den Kommunisten, wie die meisten Dorfbewohner, gefoltert und ermordet worden. Er kündigte bei der „NYT“ und recherchierte drei Jahrzehnte später die Geschichte seiner Mutter. Das Buch heißt „Eleni“ und wurde zu einem weltweiten Bestseller. In Großbritannien erhielt es den ersten Preis der British Royal Society. Es war nach seinem Erscheinen auch kurz in den deutschen Bestsellerlisten.

Es ist die Beschreibung der noch ziemlich archaischen griechischen ländlichen Gesellschaft, deren politische Entwicklungen bis hin zum Zweiten Weltkrieg, den verschiedenen Besatzern, dem Bürgerkrieg bis zur völligen Zerstörung der Region führten. Wer von Griechenland mehr erfahren will als warmes Badewasser, den Besuch antiker Stätten und ein All-inclusive-Hotel, sollte sich aufmachen in die Provinz Igoumenitsa in die Dörfer der Lia-Region an der albanischen Grenze. Außer einer atemberaubenden Berglandschaft findet er dort das Haus von Eleni, ein kleines Museum und die zerstörten Dörfer. Für mich war dies ein eindrucksvolles Erlebnis. Da oben in den Bergen wurde mir deutlich, dass es keinen noch so abgelegenen friedlichen Platz auf der Erde gibt, der vor der Zerstörung durch fanatisierte Ideologen und ihre hirnleeren Mitläufer sicher ist.

Nicholas Gage reiste nach Griechenland, nachdem die Diktatur der Obristen 1974 zusammengebrochen war. Die Rückkehrer aus dem Exil, wie der konservative Konstantinos Karamanlis aus Frankreich und der linke Andreas Papandreou aus Schweden und den USA einigten sich, nicht zuletzt aus ihrer eigenen leidvollen Erfahrung als Asylanten, dass alle Griechen aus dem Ostblock wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren dürfen. Damit wurde auch ein endgültiger juristischer und politischer Strich unter die Verbrechen des Bürgerkrieges gezogen. Eine großzügige Geste. Aber wie immer, wenn politische Verbrechen mit einer Generalamnestie beerdigt werden, bleiben tiefe Narben. Gage zum Beispiel hat den Mörder seiner Mutter gefunden. Er lebte als wohlhabender angesehener Mann in Kozani und zeigte nicht den geringsten Hauch von Reue oder gar Mitleid. Gage hatte eine Pistole dabei und wollte ihn eigentlich erschießen. Er schaffte es aber nicht.

Die große Geste von Konstantinos Karamanlis, einen Schlussstrich unter die blutige Geschichte Griechenlands zu ziehen, hat Tsipras bei seinem Amtsantritt nicht wiederholt. Er spielt wieder die faschistische Melodie, die die Kommunisten als Retter verherrlicht. Sein Refrain: Es sind immer die Deutschen, die das griechische Volk drangsalieren. Siehe Merkel mit Hitlerbart, Schäuble als Panzer, dieses Mal unterstützt von den Handlangern der Troika und mit ihnen ihren Knechten in Athen, den korrupten und antisozialen Politikern der Vergangenheit. Dabei wächst er zu einer europäischen Lichtgestalt heran. Er ist Ministerpräsident, hat eine Wahl gewonnen und ist damit viel weiter als all die anderen Kommunisten und Linkssozialisten in Europa. Er wird zu einem Anführer einer neuen politischen Korrektheit, die da lautet: Das griechische Volk hat gewählt, und da müssen sich alle Staaten fügen. Die Obdachlosen und Hungernden von Athen sind nicht mehr Opfer einer hemmungslosen Schuldenpolitik und einer Wirtschaftsform zwischen Oligarchie und Monopolen, sondern Opfer der faschistoiden kapitalistischen Clique.

Bei der Einweihung des neuen EZB-Gebäudes in Frankfurt wurde die neue Arbeitsteilung sichtbar. Die Linke feiert Tsipras in Berlin wie einen der ihren, jedenfalls ein Vorzeigesozialist, dem die EZB-Bank die Milliarden verwehrt, die er für seine Experimente braucht. Und die gleiche Linke organisiert dann die Protestdemonstrationen in Frankfurt dagegen, dass es überhaupt eine EZB gibt. Dass die Krawalle dann aus dem Ruder laufen, ist für die Linken zwar ärgerlich, aber eine absehbare Notwendigkeit, bei dem Massenaufgebot von Polizei, die durch ihre bloße Anwesenheit ja schon eine Provokation darstellt.

In den Talkshows sitzen dann Attac-Griechen, die linken Parteifreunde von Tsipras aus Berlin, die sympathisierenden Grünen, die in Griechenland ja auch zum Bündnis von Syriza gehören, und „verständnisvolle“ Unabhängige, die natürlich alle über die Not in Griechenland entsetzt sind.

Noch scheint es Tsipras und seiner Partei nicht zu gelingen, die vielen menschlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Griechen zu beschädigen. Trotz der antideutschen Schmähungen und verstörenden Finanzforderungen nimmt der Tourismus in Griechenland zu, besonders aus Deutschland. Gott sei Dank hat sich noch niemand daran erinnert, dass es zwischen 1967 und 1974 viele Boykottaufrufe gegen Urlaub in Griechenland gab, um die Obristen zu ärgern. Und vielleicht erinnern sich ja auch viele aktive Athener Politiker, wer ihnen während der Obristendiktatur Asyl gewährt hat. Und wie wir gemeinsam gefeiert haben, als Otto Rehhagel „Rehakles“ die griechische Fußballmannschaft zur Europameisterschaft führte, und wie wir alle mitgeschluchzt haben, als Udo Jürgens seine Ballade über den griechischen Wein gesungen hat.

Das Parteiprogramm der Syriza verspricht die Verstaatlichung aller wichtigen Unternehmen. Dafür steht der Betonkommunist Panagiotis Lafazanis, der jetzt als Minister diese Aufgabe im Kabinett wahrnimmt. Was also erwarten die „Berufseuropäer“ von Tsipras? Dass er seine Wirtschaftspolitik um 180 Grad ändert? Reicht es, wenn er ein Steuereintreibungspaket vorlegt und gleichzeitig den Beamtenapparat vergrößert? Damit haben sich bisher alle sozialistischen Regierungen bei den Wählern beliebt gemacht. Wenn wir die Idee Europas nicht bei allen Nichtsozialisten diskreditieren wollen, dann müssen diejenigen jetzt Widerstand leisten und gegen eine weitere Unterstützung einer Volkswirtschaft stimmen, die alle Regeln missachtet, die zu einem Erfolg führen könnten. Wir müssen den Kommunisten Tsipras nicht nett finden, nur weil er jung und ohne Krawatte daherkommt. Er ist die illegitime Frucht einer falschen Wirtschaftspolitik, aber die ist mindestens so giftig wie die, die uns bisher aus Athen serviert wurde.

Tsipras hat einen neuen Frühling mit Moskau ausgerufen. Der britische „Economist“ veröffentlichte dazu eine treffende Karikatur: Tsipras und Putin schütteln sich die Hände, und Putin ermuntert seinen griechischen Besucher mit den Worten: „Vergiss nicht – wann immer die Griechen es satt haben, unter der europäischen Tyrannei zu leiden – dann bist Du immer willkommen, Dich an einer soliden altmodischen russischen Tyrannei zu erfreuen.“  Wen kann denn diese Moskaureise wirklich irritieren? Da biedert sich ein „Reformkommunist“ – ich weiß immer noch nicht, was das ist – einem Präsidenten an, der sein Land in einen semidemokratischen Zustand versetzt, dessen Wirtschaftsform aus Nepotismus und Oligarchie besteht – übrigens das Gegenteil von Sozialismus –, und der kaum noch Freunde in der Welt hat. Geld hat er übrigens auch nicht mehr so viel. Das alles sollte eine auf Freiheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit beruhende Gesellschaft nicht irritieren. Das kann höchstens Verwirrung stiften, wenn die Putin-Entschuldiger zusammen mit den wertefreien Wirtschaftslobbyisten auch noch ein irrlichterndes griechisches Großmaul zu einem neuen politischen Helden für ganz Europa erklären oder auch nur hinnehmen.

Alexis Tsipras ist nicht Griechenland. Wenn die Europäer ihre westlichen Werte nicht vergessen, dann wird er eine Fußnote in der langen Geschichte des griechischen Weges in die europäische Völkergemeinschaft bleiben. Ich lasse mich ja auch nicht von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine dazu verleiten, die beiden mit Deutschland gleichzusetzen – auch wenn die Talkshows sich alle Mühe geben, einen solchen Eindruck zu vermitteln.

Fahren Sie nach Griechenland in den Urlaub und genießen Sie die Herzlichkeit eines Volkes, das es nicht leicht in der Geschichte hatte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 151. In diesem Heft erwarten Sie ausführliche Hintergrundartikel zu unserem Schwerpunktthema „Welche Kultur entsteht hier? Das Internet zwischen Hoffen auf Freiheit und totaler Überwachung“. Dazu finden Sie in ef 151 charttechnische Hinweise zur Partnerwahl, eine detaillierte Analyse des Internationalen Klimavertrages 2015, einen Standpunkt zur Einwanderung in den Sozialstaat, einen Wegweiser durch den anarchokapitalistischen Gangsta-Rap, eine Klarstellung der Mietpreisbremse, einen Streifzug durch Moskauer Flaniermeilen, ein Lob des Handwerkers sowie Lifestyle, Musik, Autos, Film, Empfehlungen über ein sinnvolles Anlageverhalten während der lange nicht beendeten Finanzkrise und weitere Analysen aus ungewohnter Sicht. Dazu viele weitere Überraschungen und Informationen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden. Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich von einem erweiterten Angebot, haben Zugriff auf exklusive Online-Artikel, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Griechenland

Mehr von Günter Ederer

Über Günter Ederer

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige