23. April 2015

Horst-Wessel-Lied im Unterricht Wieso der ganze Skandal?

Man wird dadurch nicht zum Nazi, man wird lediglich gebildeter

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Bildquelle: Shutterstock Leicht zu bemerkender Einfluss auf die Psyche: Marschmusik

Ich stamme aus dem Münsterland, einer Region, in der es im Sommer an jedem Wochenende irgendwo ein Schützenfest gibt. Zwischenzeitlich wohne ich im Rheinland – auch hier gibt’s Schützenfeste, vor allem aber auch Karneval. Beiden gemeinsam ist, dass sie ohne Straßenumzüge nicht auskommen, meist begleitet von Marschkapellen. Wenn Sie in einer ähnlichen Region leben, machen Sie doch mal ein Experiment (wenn nicht, muss es eine CD tun). Versuchen Sie, wenn die Kapelle anstimmt, neben dem Zug herzulaufen, aber außerhalb des Taktes. Also, rechts neben Ihnen klingt es uffta-uffta-uffta, und Sie versuchen, zu „Feelings, nothing more but feelings“ zu laufen. Wetten, dass das nicht klappt?

Musik hat einen auch für Laien leicht zu bemerkenden Einfluss auf die Psyche und Physis. Wenn ich einfach so jogge, laufe ich rund 15 Sekunden pro Kilometer langsamer als wenn ich dabei Rockmusik auf den Ohren habe (über die tatsächliche Kilometerzeit hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens). Wer beim Autofahren Heavy Metal hört, verändert seinen Fahrstil. Mit der „kleinen Nachtmusik“ von Mozart können Sie vielleicht einschlafen, versuchen Sie das mal mit der Pastorale von Beethoven.

Jetzt hat eine Lehrerin in Berlin zur Besprechung von Bert Brechts „Kälbermarsch“ ihre Schüler das Horst-Wessel-Lied anhören, mitsummen und dabei mit den Füßen im Takt auftippen lassen. Das Horst-Wessel-Lied ist ursprünglich ein Kampflied der SA, später quasi die Parteihymne der NSDAP gewesen. Die Boulevardpresse hat aus dieser Begebenheit gemacht, dass eine Lehrerin ihre Schüler dazu aufgefordert habe, das Horst-Wessel-Lied anzustimmen und dazu zu marschieren (einige berichten zumindest etwas objektiver: „das Marschieren nachzuahmen“). Was dann folgt, ist klar: Anzeige, Untersuchungen wegen des Verdachts auf Verstoß gegen Paragraph 86a des Strafgesetzbuches („Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“). Mal ganz abgesehen davon, dass die Lehrerin in den kommenden Jahren unter Beobachtung der Schüler- und Lehrerschaft stehen wird wegen des Verdachts, irgendwie „rechts“ zu sein.

Die Ermittlungen, so wird heute berichtet, seien zwischenzeitlich eingestellt, da kein strafbares Verhalten vorliege. Zwar sei die Verwendung des Liedes seit dem Zweiten Weltkrieg verboten, unter bestimmten Bedingungen sei es aber erlaubt, nationalsozialistische Propagandamittel in Lehre, Forschung, Kunst oder Berichterstattung zu benutzen. Kein Geschichtsbuch käme heute ohne die Darstellung der Hakenkreuzfahne aus, so erscheint es nur logisch, dass es zu dem Gesetz entsprechende Ausnahmeregelungen gibt. Und trotzdem lässt die Kritik nicht nach, so zum Beispiel daran, dass es doch nicht notwendig gewesen sei, das Lied zu singen und dazu „den Marsch zu imitieren“, für das Verständnis von Brechts „Kälbermarsch“ reiche doch auch der Liedtext aus.

Also der Text:

„Die Fahne hoch!

Die Reihen fest (dicht/sind) geschlossen!

SA marschiert

Mit ruhig (mutig) festem Schritt

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,

Marschier’n im Geist

In unser’n Reihen mit

Die Straße frei

Den braunen Bataillonen

Die Straße frei

Dem Sturmabteilungsmann!

Es schau’n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen

Der Tag für (der) Freiheit

Und für Brot bricht an

Zum letzten Mal

Wird Sturmalarm (-appell) geblasen!

Zum Kampfe steh’n

Wir alle schon bereit!

Schon (bald) flattern Hitlerfahnen über allen Straßen (über Barrikaden)

Die Knechtschaft dauert

Nur noch kurze Zeit!“

Also, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, abgesehen vom Bezug auf die Nazi-Organisation der SA/Sturmabteilung strotzt der Text von nationalistischem, allerdings auch sozialistischem Pathos. Gemeinsam wird gekämpft, die Gestorbenen kämpfen im Geiste mit, Millionen schauen auf das Hakenkreuz, aus dem sie Hoffnung schöpfen (denen zur Erinnerung, die meinen, der Nationalsozialismus habe etwas mit dem Christentum zu tun – er war und ist eine Ersatzreligion!), man kämpft für die Freiheit und gegen Knechtschaft. Wie gesagt, aus heutiger Sicht pathetisches Geschwurbel, wie es im nationalen und internationalen Sozialismus und allen anderen Fundamentalismen Verwendung findet.

Warum dieses Lied funktioniert hat, lässt sich darum erstens nur verstehen, wenn man die geschichtlichen Zusammenhänge grob kennt, vor allem aber, wenn man zweitens den treibenden Marsch dahinter hört und den Kopf in einen gewissen Gleichschritt bringt. Warum sind mit diesem Lied auf den Lippen Millionen gestorben, haben Mörder mit diesem Lied auf den Lippen Millionen umgebracht? Aus dem Text alleine heraus ist das nicht zu verstehen, es braucht mehr als das, man braucht den Rhythmus, man braucht den „Marsch“.

Mich erinnert die Kritik am Vorgehen der Lehrerin an den Film „Die Welle“, in dem ein Lehrer seinen Schülern die Tendenz zum Faschismus nahebringen will über ein Experiment, dem er sich am Ende selbst nicht entziehen kann. Offenbar ist in uns Menschen etwas, das zur Vergemeinschaftung, zum Faschismus tendiert und explodiert, wenn man es zulässt. Insofern war das Vorgehen der Lehrerin nicht ohne Risiko: Was, wenn sich Schüler nachhaltig angesprochen fühlen von dem Lied? Was, wenn unter den Kindern welche mit der Tendenz zum Nationalismus sitzen oder aus einen solchen Elternhaus kommen?

Harald Martenstein hat im Berliner „Tagesspiegel“ einen prägnanten Satz zu dem Thema geschrieben:

„Ich habe Geschichte studiert, der Nationalsozialismus war eines meiner Schwerpunktthemen. Wie man sich intensiv mit den Nazis befassen kann, ohne Hitler gelesen und eine seiner Reden im Original gehört zu haben, ist mir ein Rätsel. Man wird dadurch nicht zum Nazi, man wird lediglich gebildeter.“

Man müsste ergänzend fragen: Wird man durch das Singen und Mittippen des Horst-Wessel-Liedes zum Nazi? Ich glaube: Nein, man wird, wenn man es mit wachem Geist tut, gebildeter, weil einem offenbar wird, welche faschistischen Tendenzen in einem selbst schlummern. Wissen, was im Horst-Wessel-Lied gesungen wird, kann man auch, wenn man nur den Text liest, erfahren, wie das Lied „funktioniert“ und sich bewusst werden, inwieweit man selbst durch Musik wie diese manipulierbar ist, kann man nur, indem man es „mitmacht“. Ersteres ist reines Wissen, letzteres ist Bildung.

So spiegelt auch der „Tagesspiegel“ die ganze Spannbreite der Interpretationen wider, die sich zwischen der Kurznotiz im Nachrichtenticker von gestern morgen, die wie folgt lautet:

„Nun ja, vielleicht geht’s in Zukunft etwas weniger anschaulich“,

und dem folgenden Fazit von Martenstein abspielt:

„Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ihr Vergehen darin besteht, eine besonders gute Lehrerin zu sein.“

Da stellt sich am Ende nur noch die Frage, wieso eigentlich der ganze Skandal? Wieso meinen Menschen, dass es nicht gut sei, in diesem Zusammenhang dieses unterirdische Lied zu summen und mit den Füßen mitzutippen? Vielleicht ist es das Misstrauen sich selbst gegenüber, vielleicht das Misstrauen allen anderen gegenüber, vielleicht das Misstrauen den Kindern gegenüber? Im letzteren Fall stellte sich aber auch die Frage, wieso man meint, dass unsere Kinder in frühester Jugend, fast noch als Kleinkinder, mit allen Spielarten der Sexualität konfrontiert werden sollen, man ihnen aber nicht zutraut, dem „Horst-Wessel-Lied“ zu widerstehen?

Vielleicht gibt es da auch einen Zusammenhang: Wer einmal erfahren hat, wie leicht er mit Mitteln der Musik und anderen Methoden zu manipulieren ist, der mag für die Zukunft geheilt sein von Versprechen des Glücks auf Erden im Namen irgendeiner Politik, von Fundamentalismen und Sozialismen, die seine Individualität unterdrücken und ihn zu einem Rädchen im Getriebe machen wollen. Hier finden wir uns – zugegeben – hart am Rand von Verschwörungstheorien wieder, aber: Vielleicht werden eines Tages auch Formulierungen wie „Das Wir entscheidet“ verboten sein? Ich halte grundsätzlich nichts von solchen Verboten, aber das wäre wenigstens konsequent!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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