04. Mai 2015

Rendite von Staatsanleihen Eine wunderbare Welt mit negativen Zinsen

Sparer werden noch schneller enteignet

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Bildquelle: shutterstock Sich reich konsumieren können: Ein Irrglaube

Die seit 2007 mal offen auflodernde, mal leise vor sich hin schwelende Finanzkrise und die grotesken Bemühungen, sie zu beenden, haben inzwischen zahlreiche Absonderlichkeiten hervorgebracht. Dazu gehören die endgültige Abschaffung von unternehmerischem Risiko und Haftung für Großbanken, die Vergemeinschaftung von Schulden, die mehr und mehr hemmungslos betriebene direkte Staatsfinanzierung durch die Notenbanken und nicht zuletzt massive Marktmanipulationen auf allen Ebenen. Auf der wichtigsten Ebene, der Zinsebene, wurde inzwischen eine neue Eskalationsstufe erreicht. Was eigentlich völlig unvorstellbar war und in Zeiten geistiger, gesellschaftlicher und ökonomischer Gesundheit bestenfalls mitleidiges Lächeln und Kopfschütteln hervorgerufen hätte, schickt sich an, Teil der neuen Realität zu werden: negative Zinsen.

Die Schweiz begab kürzlich eine zehnjährige Anleihe mit negativer Rendite, Australien folgte wenig später. Der Bundfuture – der sich an zehnjährigen Bundesanleihen orientiert – erreichte die letzten Monate ebenfalls so schwindelnde Höhen, dass die Zinssätze de facto negativ waren. Selbst Unternehmen wie Nestlé kommen plötzlich ebenfalls in den Genuss von negativen Zinsen. Den Vogel aber schoss kürzlich die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ab, die 70 Jahre nach Kriegsende zwar längst nichts mehr aufzubauen, aber dank der Steuerzahler immer genug Kapital zum Verbrennen hat – es sei in diesem Zusammenhang nur an die Pleite der Deutschen Industriebank (IKB) erinnert. Jene KfW also bereitet sich laut ihrem Vorstandssprecher auf die Einführung von negativen Zinsen für ihre Kunden vor. Man fragt sich unwillkürlich, was kommt als nächstes? Geld vom Bäcker für die frisch gebackenen Brezeln?

Negative Zinsen für Staatsanleihen sind ja schon verrückt und völlig jenseits dessen, was an freien und nicht manipulierten Märkten möglich wäre, aber bei genauerem Nachdenken doch irgendwie noch einzuordnen: Die Zinsen werden von den Zentralbanken nicht zuletzt durch die Ankaufprogramme für eben jene Anleihen massiv nach unten manipuliert. Dank staatlicher Regulierungswut wie Basel II+III werden institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Lebensversicherer dazu gezwungen, in jene angeblich risikolosen Papiere zu investieren. Als Resultat kann dann bei den Anleihen der wenigen Staaten, die noch über Bestbewertung verfügen, wie eben beispielsweise die Schweiz oder Australien, als Folge der Zinssatz negativ werden. Die negativen Anleihezinsen markieren wie auch die absurd niedrigen Zinsen für Pleitestaaten wie Spanien die Endphase der über 30 Jahre laufenden Hausse der Anleihen – die Anzeichen für eine Blase, die alle bisher gekannten in den Schatten stellt, sind hier unübersehbar.

Negative Zinsen für alle aber treiben den keynesianischen Irrglauben, man könne sich reich konsumieren, auf die Spitze. Dieser Irrglaube war bereits einer der wichtigsten Antriebe für die Finanzkrise. Dass man immer noch nichts gelernt hat, zeigt, wie tief verwurzelt dieser Irrglaube einerseits ist, und andererseits, wie viel Marktverzerrung und -manipulation möglich ist und vor allem wie weit und lange es der Politik im Allgemeinen und den Zentralbanken im Besonderen dank des staatlichen Geldmonopols und Papiergeldsystems möglich ist, sich jenseits der ökonomischen Gesetze zu bewegen.

Bereits jetzt sind die Konsequenzen, die der niedrige, gegen alle Regeln des Marktes durchgesetzte Zins hat, verheerend – massive Fehlallokationen, Blasenbildungen in diversen Märkten, Enteignung der Sparer und so weiter und so fort.

Dauerhaft negative Zinsen werden diese Entwicklung schneller vorantreiben – mit ihnen einher gehen dann aber auch immer massivere Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte: Kapitalverkehrskontrollen dürften ebenso flächendeckend implementiert werden wie ein Bargeldverbot. Wer plötzlich auf sein Kapital Zinsen zu entrichten hat, wird versuchen, es in Sicherheit zu bringen, und sei es nur unter sein Kopfkissen.

Selbstredend pumpt sich dann die Eigenheimblase noch größer und schneller auf – Eigenkapital bedarf es schließlich logischerweise nicht mehr. Als traurige Nebeneffekte werden die Sparer noch schneller enteignet und Rentenversicherer gehen reihenweise pleite, was aber nicht weiter tragisch ist. Schließlich nimmt man in der wunderbaren Welt der negativen Zinsen einfach einen Kredit auf, und schon hat der Schuldner für sich einen anhaltenden Cash-Flow generiert. Ja, auch arbeiten gehen an sich lohnt sich eigentlich unter solchen Bedingungen nicht mehr...

Wer nicht gerade Zentralbanker, Parlamentarier oder SPD-Mitglied ist, dem dürfte völlig klar sein, dass ein solches völlig absurdes System auf Dauer nicht bestehen kann und entweder in einer Hyperinflation, also der kompletten Vernichtung der Kaufkraft des Geldes, endet oder aber irgendwann durch das Platzen der Blase am Anleihenmarkt beendet wird.

Dass die zweite Möglichkeit, allen Manipulationen und Eingriffen der Zentralbanken zum Trotz, gar nicht so unwahrscheinlich ist, zeigte die letzte Woche: Innerhalb von nur zwei Tagen (Donnerstag und Freitag) verdoppelte sich der Zinssatz für die zehnjährige Bundesanleihe – zugegebenermaßen von extrem niedrigem Niveau, aber die Geschwindigkeit, mit der dies geschah, in einem Markt, der normalerweise von extremer Behäbigkeit geprägt ist, zeigt, wie fragil alle bisher unternommenen Maßnahmen das System erst gemacht haben. Je mehr versucht wird, das System mit mehr Geld zu stabilisieren, desto mehr wankt und schwankt es, und – das ist das eigentlich Tragische – mit jedem Rettungsversuch wächst auch die Fallhöhe.

Anstatt diese ebenso hilf- wie aussichtslosen Versuche, ein System zu stabilisieren, das sich nicht mehr stabilisieren lässt, fortzuführen, müssen endlich die wahren Ursachen und Gründe für die immer wiederkehrenden Wirtschafts- und Finanzkrisen laut und deutlich adressiert werden.

Besagte Ursachen sind im Zentralbankwesen, im Teilreservesystem und schließlich in unserem Geldsystem an sich zu suchen und zu finden. Sie sind Teil des Problems, nicht der Lösung, wie die Ergebnisse der Zentralbankpolitik nicht zuletzt in Form der gigantischen Blase am Anleihenmarkt nachdrücklich belegen.


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