11. Mai 2015

Forschung über Verschwörungstheorien Ein erster wuchtiger Stein

Sebastian Bartoschek mit empirischer Grundlagenarbeit

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Bildquelle: shutterstock Ein Anfang ist gemacht: Weitere Forscher sind gefragt

Als ich Ende letzten Jahres ein kleines Wattpad-Projekt zu Verschwörungstheorien startete, stellte ich etwas frustriert fest, dass es empirische – datengestützte – Arbeiten dazu fast nur im englischsprachigen Raum gab. Auf Deutsch gab und gibt es dazu zwar jede Menge Texte und Gedanken sowie auch historische Untersuchungen, aber leider sehr wenige psychologische Studien. Die Ehre seiner Zunft rettete da der Psychologe Sebastian Bartoschek mit seiner Doktorarbeit zum Thema „Bekanntheit und Zustimmung zu Verschwörungstheorien (VTn) – eine empirische Grundlagenarbeit“. Also bestellte ich diese gleich vor – und wurde nicht enttäuscht.

Bartoscheks Arbeitsmaterial ist sein breites Wissen über populäre Verschwörungstheorien, nicht zuletzt aufgrund seines jahrelangen Engagements bei GWUP und anderen Skeptiker-Bünden, und die Kenntnis bestehender psychologischer VT-Theorien von Graumann & Mosovici (1987) über Thomas Grüter (2006) bis zu Whitson & Galitsky (2008) – und schließlich vor allem ein ausführlicher (und in Testversionen vorbereiteter) Fragebogen, mit dem Bartoschek die Kenntnis und Zustimmung zu VTn mit anderen Faktoren in Beziehung setzen konnte. Letztlich konnte der Psychologe für seine Arbeit auf über 1.500 Antworten zurückgreifen.

Hohe Fachlichkeit

Die Arbeit von Bartoschek erfüllt die deutschen Standards von Wissenschaftlichkeit – ist also sehr kompliziert verfasst und ohne Grundkenntnisse in Psychologie und Statistik kaum zu verstehen. Dafür zieht der Autor sein Programm aber auch gnadenlos durch und hat bis zum Ende kein Problem damit, Hypothesen für gescheitert zu erklären oder „Probleme“ bei Fragenformulierungen oder Stichprobenauswahl einzuräumen.

In der Summe...

...kommt Bartoschek zu fünf Faktoren, die mit durchschnittlich (signifikant) erhöhtem Glauben an VTn einhergehen:

Erstens: politischer Extremismus,

zweitens: Religiosität,

drittens: jüngeres Alter,

viertens: formal geringere Bildung,

fünftens: weibliches Geschlecht.

In der Summe ergibt sich so eine deutliche Unterscheidung zwischen (häufiger männlichen und religiös-weltanschaulich skeptischen) „Kennern“ von VTn einerseits sowie von (häufiger weiblichen und auch religiös gläubigen) „Zustimmenden“ zu VTn. Dies lässt Bartoschek vermuten, dass Religiosität und Verschwörungsglaube gemeinsame evolutionäre Ursachen – wie die Bedürfnisse nach Mustererkennung, Sinn- und Strukturstiftung – haben könnten (vergleiche Grüter auf scilogs). Spannende Befunde ergeben sich auch daraus, dass Bartoschek die Zustimmung zu VTn nicht einfach mit Ja-Nein-Fragen abruft, sondern den Befragten die Möglichkeit von Wahrscheinlichkeiten gab. So konnte er im Vergleich zu „groberen“ Umfragewerten aufzeigen, dass Befragte im Sinne „sozialer Erwünschtheit“ dann stärker mit „Ja“ antworteten, wenn die jeweilige VT gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

(M)ein Lieblingszitat (S. 193-194): „Schon allein unter dem Aspekt der realen Existenz von Verschwörungen erscheint eine Forderung nach der Überwindung des Glaubens an VT wenig sinnvoll. Bezieht man zudem mit ein, dass der VT-Glaube wohl letztlich evolutionären Ursprungs ist, erscheint eine Überwindung zudem wenig durchführbar. Vielmehr erscheint ein gesundes, mittleres Maß an Skepsis und Misstrauen vernünftig, um sich vor realen Verschwörungen zu schützen. Doch sollte stets beachtet werden, dass eine Theorie nur solange Anspruch hat, ernst genommen zu werden, wie sie falsifizierbar bleibt.“

Kritik: „Probleme mit der Stichprobe“

Den Hauptkritikpunkt an den Befunden seiner Arbeit benennt Bartoschek selbst – es sind „Probleme mit der Stichprobe“. Obgleich die Zahl der Befragten recht groß ist, ergibt sich ein klar nicht-repräsentatives Bild der Beteiligten. So befinden sich nur wenige Menschen mit formal geringerer Bildung (drei Prozent Hauptschule, neun Prozent Mittlere Reife, aber 82,3 Prozent (Fach-) Abitur), nur wenige Verheiratete und sage und schreibe 69,8 Prozent Kinderlose unter den Antwortenden, ebenso nur 7,4 Prozent CDU-Wählende. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass er einerseits den (dominant männlichen) Skeptiker-Kreis und andererseits an Psychologie und Populärkultur besonders interessierte Frauen erreicht hat und befragen konnte. Tatsächlich weisen seine gefundenen Schwerpunkte interessante Überschneidungen zu den (zwei von fünf) Gruppen der „undifferientated sceptics“ und „undifferentiated believers“ einer neueren Studie aus Neuseeland auf – was ich (bei allen Einschränkungen im Hinblick auf allgemeine Repräsentativität) für durchaus spannend halte!

Bewertung

In der Gesamtbewertung komme ich zu dem Ergebnis, dass Bartoschek eine hervorragende empirisch-wissenschaftliche Arbeit vorgelegt und damit auch fehlende Forschungen gerade auch im deutschsprachigen Raum aufgezeigt hat – ohne dabei Schwächen und noch offene Fragen zu leugnen. Wer etwa an der Repräsentativität seiner Stichprobe mäkeln möchte, kann das tun – muss sich dann jedoch auch die Frage gefallen lassen, warum es bislang kaum größere und schon gar nicht bessere empirische Studien zu diesem (auch zum Beispiel politikwissenschaftlich) relevanten Feld gibt. Bartoschek hat einen ersten, wuchtigen Stein in den Fluss geworfen. Nun braucht es andere, die mit gleichem Drang und Mut auf diesen steigen und den nächsten werfen. Dann – erst dann – wird es irgendwann möglich sein, das Phänomen der Verschwörungstheorien auch psychologisch besser zu verstehen. Ich finde, dafür wäre es höchste Zeit, und Bartoschek hat einen wichtigen Schritt dazu getan. Künftige Forschungen dazu im deutschsprachigen Raum sollten an ihm nicht vorbeigehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Natur des Glaubens.


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