13. Mai 2015

Gedenktage rund um das Kriegsende Russischer Phantomschmerz

Stalin hat niemanden befreit

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Bildquelle: shutterstock Fast schon bedrohlich: Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow

In der Straße des 17. Juni in Sichtweite des Brandenburger Tores steht das Denkmal für die gefallenen Soldaten der Roten Armee. Der Berliner Senat hat 200.000 Euro zur Verfügung gestellt, damit es frisch restauriert anlässlich der Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Kapitulation Nazideutschlands erstrahlen kann.

80.000 sowjetische Soldaten fielen noch in der sinnlosen Schlacht um Berlin. Einige Tausend sind bei diesem Ehrenmal beerdigt. Das Gedenken an die Toten der Kriege, Achtung und Respekt für die Opfer aller Nationen, darin unterscheiden sich zivilisierte Völker, die aus dem Gemetzel der letzten Jahrhunderte gelernt haben, dass Kriege töten, Millionen töten, ohne Unterschiede zu machen zwischen Freiwilligen und in die Uniform gepressten jungen Männern. In diesem Sinne ist das Denkmal im Berliner Bezirk Tiergarten eine Kriegsgräberstätte wie viele Tausende, die allein in den beiden Weltkriegen fast in der ganzen Welt vom vielleicht blutrünstigsten Jahrhundert zeugen, das die Menschheit je erlebt hat.

Noch mächtiger, ja schon wieder bedrückend ist das sowjetische Ehrenmal im Berliner Bezirk Treptow. Auch es soll an die sowjetischen Opfer der deutschen Aggression erinnern. Aber mit seiner Wucht und Größe wirkt es auch schon wieder bedrohlich – symbolisiert die Unterwerfung unter den Sieger Sowjetunion. In der DDR, jenem Moskauer Vasallenstaat, bezeichnete es die Führungsriege des SED-Regimes als ein Zeichen des Dankes für den aufopfernden Kampf der sowjetischen Armee, um Nazi-Deutschland zu überwinden. Bei den Fackelaufmärschen der DDR-Jugend aber wurde bei den Schwüren auf die ewige Verbundenheit das Denkmal als Zeuge und Größe der unüberwindlichen Kraft der Sowjetunion verherrlicht.

Eine für mich bizarre Debatte rund um die Gedenktage anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager und der Kapitulation der Nazidiktatur bestimmte wochenlang die Nachrichten und Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der Radioprogramme. Bizarr, weil Täter und Opfer je nach Nationalität und Datum unterschiedlicher Bewertungen unterzogen werden, weil Mördern mehr oder weniger Verständnis entgegengebracht wird, je nachdem, welcher Weltanschauung sie zuzuordnen sind. Und weil Mord nicht mehr gleich Mord ist, Unterdrückung nicht mehr gleich Unterdrückung und Befreiung mit Freiheit verwechselt wird, ist es möglich, eine breite Spur der Verwirrung zu hinterlassen, die es möglich macht, für Unterdrückung auch in Europa wieder Verständnis zu zeigen.

Unser Kontinent wurde im letzten Jahrhundert geprägt von zwei Massenmördern, deren verbrecherische Bösartigkeit jede menschliche Vorstellung übersteigt: von dem Deutschösterreicher Adolf Hitler und dem russenaffinen Georgier Josef Stalin. Sie waren Kreaturen, die aus zwei menschenverachtenden Ideologien entstanden, dem Faschismus und dem Kommunismus, die der eine, Hitler, mit deutscher Gründlichkeit und Effizienz in eine industrielle Menschenvernichtungsmaschine umwandelte und der andere, Stalin, mit der Grausamkeit russischer Potentaten zu neuen Superlativen der Unmenschlichkeit trieb. Gemessen an der Zahl ihrer Opfer, sind sie ungefähr gleichwertig. Über der Wahl ihrer Methoden können nur Zyniker über eine Bewertung streiten. Was ist verachtenswerter: Millionen verhungern zu lassen, oder sie in Gaskammern zu töten? Nein, darüber kann nicht diskutiert werden – sie waren Massenmörder, gnadenlose Bestien. Es gibt nur ein Thema, sich mit ihnen zu beschäftigen: „Wie konnten sie an die Macht kommen, wie konnten sie ihr Mordgeschäft so lange betreiben, und wie können wir es verhindern, dass dies jemals noch einmal in der Welt geschehen kann?“

Ich bin in Deutschland geboren, Sohn deutscher Eltern, die mit den Nationalsozialisten nichts zu tun hatten. „Der Adolf geht gegen den Herrgott“, hat meine Mutter gesagt – so hat sie mir später erzählt – und damit war die Position meiner Familie geklärt. Und trotzdem bin ich nur durch meine Geburt mit den Verbrechen der Nazis verbunden, die diese im Namen Deutschlands begangen haben. Als Austauschschüler in Dänemark 1960 habe ich mir vorgestellt, wie viel leichter das Leben wäre, wäre ich als Däne geboren worden. Da ich viel im Ausland gelebt und gearbeitet habe, empfand ich jenseits der Grenze das „Deutschsein“ gleichzeitig als Verpflichtung und Last. Und diese Last drückt. Ich habe kein Mitleid mit greisen SS-Wärtern, die erst jetzt vor Gericht gestellt werden. Es packt mich aber eine heillose Wut, wenn Fälle bekannt werden, wie die Nachkriegsgesellschaft Nazi-Verbrecher hat entkommen lassen, wenn die juristischen Spitzfindigkeiten deutlich werden, mit denen sich eine „bürgerlich gebildete Elite“ selbst von ihrer Verantwortung frei gesprochen hat. Und diese Wut wird mit den Jahren nicht geringer, sondern eher größer, weil ich immer mehr erkennen muss, wie sehr sich das nationalsozialistische Gedankengut in unserer „aufgeklärten“ Demokratie breit gemacht hat. Jedes Mal, wenn ich das Wort „Daseinsvorsorge“ höre, jenen Begriff, der im Dritten Reich erfunden wurde, der die Staatsmacht stärkte, die „Staatsvorsorge“ zum Prinzip erhob und damit die individuelle Verantwortung als Basis einer freiheitlichen Gesellschaft aufhebt.

Wie wenig wir aus dem Zusammenbruch des Nazireiches gelernt haben, wird aber vor allem seit dem Ende der zweiten Diktatur in Deutschland 1989 sichtbar. Wieder verzichten wir auf eine juristische Aufarbeitung, bleiben Richter und Staatsanwälte der kommunistischen Diktatur vor Strafverfolgung verschont. Wir suchen die Stasi-Spitzel, die für die Mächtigen der SED die Drecksarbeit geleistet haben, bezahlen der Nomenklatura aber ordentliche Renten. Die SED wurde nicht als kriminelle Vereinigung verboten, sondern konnte unter der geschickten Führung von Gregor Gysi ihre Wiederauferstehung als PDS feiern. Er selbst avancierte zum Lieblingsunterhalter der Talkshows und gibt nach der Pleite seines sozialistischen Modells jetzt im Parlament und den Medien Nachhilfeunterricht über die Fehler des westlichen Neoliberalismus. Und schlimmer noch: Er und seine Genossen, die in ihrer Sozialisierung schon im Kindergarten mit Spielzeugpanzern gegen den Klassenfeind in Stellung gebracht wurden, in den Fabriken Betriebskampfgruppen unterstützten und den Schießbefehl an der Mauer tolerierten, geben sich jetzt als die großen Friedensengel.

Bei der Berichterstattung in den Sendern über die Befreiung des KZ Buchenwald durch die Amerikaner wurde die Schieflage des geschichtlichen Wahrnehmungsbewusstseins deutlich. Ja, das war eine Befreiung. Und mit jedem Dorf, mit jedem Quadratmeter Land, das die Alliierten den Deutschen und ihren Verbündeten entrissen, war in Europa wieder mehr Freiheit gewonnen. Und die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, dass der Tag der Kapitulation, der 8. Mai, ein Tag der Befreiung war, ist für mich so selbstverständlich, dass ich mich immer noch wundere, warum diese Feststellung so außerordentlich wichtig gewesen sein soll. Aber die Befreiung von dem mörderischen, wahnsinnigen Naziregime hat für fast die Hälfte Europas nicht bedeutet, dass sie jetzt in Freiheit leben konnte.

Die amerikanischen Truppen haben im April 1945 das KZ Buchenwald befreit. Im Juli haben sie Thüringen geräumt und, wie in Jalta vereinbart, den Sowjets übergeben. Im August 1945 wurde das KZ Buchenwald als „Speziallager 2“ wieder – sagen wir – eröffnet.

Die Baracken füllten sich mit Sozialdemokraten, Bauern, Jugendlichen, die westlich eingestellt waren, mit Sowjetgegnern und ehemaligen Nazis. Bis 1950 war das KZ Buchenwald ein völlig von der Außenwelt getrennter Ort, in dem 28.000 Menschen dahinvegetierten, von denen 7.000 starben oder getötet wurden. Das entspricht so in etwa der Todesquote der Nazis. Bis 1989, dem Fall der Mauer, war die Weiternutzung von Buchenwald, ebenso wie die der anderen KZs in der DDR, ein Tabu. Darüber zu sprechen oder gar zu schreiben war verboten. Aber warum verschweigen dies die Tagesschau- und heute-Sendungen im Jahre 2015?

Als im Jahr 2001 ein Museum und eine Ausstellung über das Speziallager 7 eröffnet wurden, wie das KZ Sachsenhausen unter sowjetischer Regie hieß, kam es zu heftigen Protesten und einer offiziellen Erklärung des russischen Außenministeriums. Der Vorwurf: „die Verbrechen der Faschisten und die Handlungen der russischen Besatzungsmacht würden auf eine Stufe gestellt“. Soll das bedeuten, dass wir die Ermordeten in zweierlei Kategorien einteilen: „Ganz furchtbar, die Opfer der Nazis!“, und „Eher Pech gehabt, von den Sowjets umgebracht worden zu sein“? Wir Deutsche haben die Verpflichtung, jener Opfer zu gedenken und, soweit dies überhaupt möglich ist, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die im Namen Deutschlands vom Naziregime getötet und drangsaliert wurden. Aber das heißt nicht, die Millionen von Menschen vor allem in Osteuropa zu vergessen, die vom kommunistischen Regime unter der Führung der Sowjetunion getötet und versklavt wurden. Es ist die Tragik der Geschichte, dass die Westalliierten nur Westeuropa die Freiheit zubilligten, Osteuropa zwar von den Nazis befreit wurde, aber danach nicht die Freiheit erhielt. Dies geschah erst 1989.

Wenn wir aus der Kriegsgeschichte des letzten Jahrhunderts lernen wollen, dann ist die Aufarbeitung der Ursachen der entscheidende Schritt. Dann reicht es aber nicht, wenn Deutschland sich seiner Rolle und damit auch seiner Schuld bewusst ist, dass wir, die keine persönliche Schuld tragen, trotzdem die Last akzeptieren, mit der wir geboren sind. Dann dürfen die Verbrecher und die Taten anderer Diktaturen nicht zum Tabu erklärt oder beschönigt werden. In vielen Diskussionen werden auf allen Seiten immer wieder Versuche deutlich, die Verbrechen der einen mit den Verbrechen der anderen aufzurechnen. Hier die mörderischen SS-Horden, da die Bombenangriffe auf Wohngebiete und dann die Vergewaltigungen und Luftangriffe auf Flüchtlinge. Nicht eine Aufrechnung der Barbarei hilft vor erneutem Rückfall in Hass und Töten, sondern eine Addition, wobei jede Nation für ihre eigene Geschichte einstehen muss. Und eine Addition aller Kriegsverbrechen ergibt jene Verwüstung, die nicht nur in der Zerstörung Europas zu sehen war, sondern die auch das Denken der Menschen bis heute verwirrt.

Martialische Militärparaden als Symbol für die Befreiung vom Militarismus – was für eine irre Idee! Wie wäre es, wenn Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion sich mit seinem Imperialismus in der Sowjetzeit auseinandersetzen würde: mit der Okkupation der Balten, Annektierung von Teilen Finnlands, Polens, der Karpato-Ukraine und Moldawiens, mit seinem Einfall in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968.

Viele Westeuropäer waren erstaunt, als mit dem Beginn der Ukrainekrise bekannt wurde, dass in der ehemaligen Sowjetunion immer noch Lenin-Denkmäler stehen, so als ob nur die Stalin-Zeit eine verbrecherische Phase der eigentlich anzustrebenden Idee des Kommunismus sei. Die Identität zwischen russischem Imperialismus und kommunistischem Weltbeherrschungsanspruch ist nie aufgehoben worden und erhält durch Putins Äußerung, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei „das größte Unglück in der russischen Geschichte“ eine neue Bedeutung.

Wir können der Moskauer Führung nicht vorschreiben, wie sie ihre Geschichte aufarbeiten muss. Wir müssen aber nicht jenem vom Gedankengut der untergangenen Sowjetunion geprägten „Homo sovieticus“ folgen und die Verbrechen der Faschisten als Ausrede und Verharmlosungen für die Verbrechen anderer nutzen. Antifaschismus als Rechtfertigung zur Unterdrückung, das war und ist eine der ideologischen „Geschäftsgrundlagen“ der Linken aller Schattierungen. Das zeigt, wie wenig sie die Toten respektieren. Sie missbrauchen das Andenken an die Naziopfer, um daraus politisches Kapital zu schlagen, und gleichzeitig übergehen sie die Opfer der Kommunisten, die für sie ja keine Rolle spielen. Die Mauer mit Schießbefehl war ja für sie auch ein „antifaschistischer Schutzwall“. In den Talkshows und öffentlichen Erklärungen anlässlich der „Befreiung“ am 8. Mai und der Frage, wie sich die Deutschen da zu verhalten haben, zeichnet sich der „Homo sovieticus“ dadurch aus, dass er den Phantomschmerz des Verlustes seiner Weltordnung zeigt, indem er die Rolle Moskaus kritiklos übernimmt, dass die Sowjetunion mit einem ungeheuren Blutzoll die Nazis besiegt und damit die Völker Europas befreit habe. Der erste Teil des Satzes stimmt. Der zweite Teil ist die Geschichtsschreibung der Kommunisten und von Putins Moskau.

Der Auftrag aus dem letzten Jahrhundert, alles zu tun, damit sich eine solche Menschenvernichtungsmaschinerie nicht wieder in Gang setzen kann, bedeutet, sich der Vergangenheit zu stellen. Es geht dabei nicht um die verrückten Neonazis und deren Gewaltphantasien. Die befinden sich außerhalb der Gesellschaft. Es sind in Deutschland eher die Rechtskonservativen, die die Erniedrigung Deutschlands und den Verlust des Ostens mit den Naziverbrechen aufrechnen. Und es sind diejenigen, die zum Ehrenmal nach Treptow pilgern, nicht nur, um die gefallenen Soldaten zu ehren, sondern die in NVA-Uniformen dem Unrechtsstaat der DDR nachtrauern. Und die übersehen, dass auf dem Sockel des monumentalen Soldaten noch Zitate von Stalin eingemeißelt sind.

Wenn der russische Präsident Putin der kommunistischen Tradition folgt und jeden, der sich ihm entgegenstellt, als „Faschist“ bezeichnet, wie die jetzige gewählte Regierung in der Ukraine, dann schürt er in der Asche des zerstörten Europas, ob er nicht doch noch einen Brandherd findet, mit dem er wieder zündeln kann. Die Linke verbrämt dieses Spiel mit dem Feuer dann auch noch als Friedensaktivismus. In den vergangenen Wochen mit den Jahrestagen der KZ-Befreiungen und bedingungslosen Kapitulation hatte ihre Heuchelei wieder Hochkonjunktur.

Mit den sowjetischen Panzern in der Straße des 17. Juni und dem Denkmal in Treptow habe ich diesen Artikel angefangen. Im Vertrag mit der Sowjetunion Michael Gorbatschows zur Wiedervereinigung hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, alle Soldatengräber und Kriegsdenkmäler unangetastet zu lassen und zu pflegen. Leider haben wir damit auch Stalins Zitate gesichert. Aber es sollte verhindert werden, sie auch noch zu Wallfahrtsstätten aufzuwerten. Vielleicht bittet ja eines Tages eine Moskauer Regierung, diese Inschriften eines Massenmörders zu beseitigen. Auch das Denkmal im Tiergarten ist unantastbar, seine Panzer werden uns erhalten bleiben. Wir dürfen sie noch nicht einmal rosa streichen, um das Militaristische des Grabmals abzumildern. Aber niemand kann uns daran hindern, neben diesem Denkmal Stelen aufzustellen, auf denen festgehalten wird, dass diese Panzer auch daran erinnern, welche Demütigungen ein Volk ertragen muss, wenn es Größenwahnsinnigen folgt, die ein tausendjähriges Reich erbauen wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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