18. Mai 2015

Witold Pilecki Ein Katholik im Widerstand gegen zwei Diktaturen

Vortrag von Michael Leh über einen polnischen Helden

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Bildquelle: Wikipedia Pilecki: Wichtiger Zeitzeuge des Holocausts

„Niemand, der das Buch ‚Freiwillig nach Auschwitz‘ gelesen hat, wird Witold Pileckis Bericht je vergessen.“ Mit diesen Worten beschrieb der Journalist Michael Leh („Die Tagespost“ und andere) in seinem Vortrag beim Berliner Landesverband der Christdemokraten für das Leben (CDL) seine Eindrücke von der Lektüre eines einzigartigen Zeitdokuments – eines Augenzeugenberichts aus dem KZ Auschwitz, verfasst von dem polnischen Offizier Witold Pilecki, der bis zu seiner Flucht im April 1943 mehr als zweieinhalb Jahre dort eingesessen hatte – und das aus eigenem Entschluss. Der Landesvorsitzende der CDL Berlin, Stefan Friedrich, würdigte in seiner Einladung Pilecki als einen großen Helden und Märtyrer, dessen Schicksal eine größere Bekanntheit gerade in Deutschland verdiente.

Im Sommer 1940 war Witold Pilecki Offizier der im Untergrund agierenden polnischen „Heimatarmee“ (Armia Krajowa). Als er gerüchteweise von einem großen Internierungslager erfuhr, das die Deutschen im Süden des besetzten Polen errichtet hätten, entwickelte er den Plan, sich dort einschleusen zu lassen, mit dem doppelten Ziel, unter den Häftlingen eine Widerstandsgruppe aufzubauen und die Greueltaten der Besatzer zu dokumentieren. In Verfolgung dieses Plans ließ er sich am 19. September 1940 bei einer Razzia in Warschau mit falschen Papieren verhaften und kam ins Lager Auschwitz. „Er konnte damals noch nicht wissen, was ihn dort erwartete“, betonte Michael Leh in seinem Vortrag. „Es gab zu diesem Zeitpunkt das Außenlager Birkenau noch nicht, noch keine Gaskammern, noch keine massenhafte, systematische Ermordung von Häftlingen – von alledem erfuhr Pilecki nach und nach, während er im Stammlager Auschwitz I einsaß. Er wird aber von vornherein nicht damit gerechnet haben, in ein ordnungsgemäßes, den Bestimmungen der Genfer Konventionen entsprechendes Kriegsgefangenenlager zu kommen. Dafür war die Brutalität der Besatzungstruppen bereits zu bekannt.“

Unter den zahllosen Insassen des Lagers Auschwitz existierten mehrere Widerstandsgruppen, die aus politisch-ideologischen Gründen teilweise in Opposition zueinander standen. Immer wieder gab es Ausbruchsversuche, die zum Teil erfolgreich waren: Unterschiedlichen Schätzungen zufolge gelang zwischen 150 und 300 Auschwitz-Häftlingen die Flucht. Zumeist zog dies jedoch grausame Vergeltungsmaßnahmen der Lagerleitung nach sich, weshalb Pileckis Widerstandsgruppe Fluchtversuche ablehnte. Man hoffte stattdessen auf eine Befreiung des Lagers von außen, sei es durch die polnische Heimatarmee oder durch die Alliierten. Erst als Pilecki einsah, dass eine Befreiung des Lagers in absehbarer Zeit nicht zu erwarten war, entschloss er sich zur Flucht. „Dass ihm diese Flucht gelang, und dass er überhaupt so lange im Lager überlebt hatte, ist ein großes Glück“, betonte Michael Leh. „Andernfalls wäre uns ein unschätzbares Zeitzeugnis verlorengegangen.“ Pileckis Bericht aus Auschwitz, der seit 2013 auch in deutscher Übersetzung als Buch erhältlich ist, zählt zu den bedeutendsten Dokumenten über den Holocaust.

Wie Michael Leh in seinem Vortrag hervorhob, wird der „zeitlose Mut“, den Pilecki bewies, indem er freiwillig nach Auschwitz ging, nur vor dem Hintergrund seines christlichen Glaubens begreiflich: Der 1901 geborene Witold Pilecki war Zeit seines Lebens tiefgläubiger Katholik und polnischer Patriot, der „Gott, Ehre und Vaterland“ als die Leitbilder seines gesamten Lebens benannte. Ein tiefes Gottvertrauen, das unter anderem von der Lektüre der „Nachfolge Christi“ des deutschen Mystikers Thomas a Kempis aus dem 15. Jahrhundert beeinflusst war, bestimmte sein Handeln. In seinem Auschwitz-Bericht schildert Pilecki auch mit großer Bewunderung das Martyrium Pater Maximilian Kolbes.

Katholische Frömmigkeit, Patriotismus und Kampfgeist hatten in Pileckis Familie Tradition: Schon sein Großvater hatte 1863 am Januaraufstand gegen die russische Herrschaft teilgenommen und war darum für sieben Jahre nach Sibirien verbannt worden. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs schloss sich der noch nicht 18-jährige Witold den polnischen Selbstverteidigungseinheiten in Wilna (heute Vilnius/Litauen) an und kämpfte 1919/20 im Polnisch-Sowjetischen Krieg für die Unabhängigkeit seines Landes. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kommandierte Pilecki eine polnische Kavallerieeinheit und ging nach der Niederlage Polens in den Untergrund.

Unmittelbar nach seiner Flucht aus Auschwitz schloss sich Witold Pilecki erneut der Heimatarmee an, nahm im August 1944 als Freiwilliger am Warschauer Aufstand teil, geriet in Gefangenschaft und erlebte das Kriegsende in einem Kriegsgefangenenlager im oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Nach seiner Befreiung am 11. Juli 1945 schloss er sich dem Zweiten Polnischen Korps an, einer Truppeneinheit, die loyal zur in London ansässigen polnischen Exilregierung stand und im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Briten gekämpft hatte. Ab Herbst 1945 operierte Pilecki im Untergrund im nun sowjetisch besetzten Polen, um Nachrichten für den Westen zu sammeln und sowjetische Greueltaten gegen die polnische Bevölkerung zu dokumentieren. „Pilecki hat praktisch sein ganzes Leben lang gekämpft“, resümierte Michael Leh: „gegen die Russen, gegen die Deutschen, gegen die Kommunisten im eigenen Land“. Letzteres wurde dem unerschrockenen Offizier schließlich zum Verhängnis: Im Frühjahr 1947 wurde Pilecki vom kommunistischen polnischen Geheimdienst verhaftet und in einem Schauprozess, der als Teil einer Säuberungsaktion gegen Anhänger der Exilregierung zu betrachten ist, der Spionage beschuldigt. In der Haft wurde Pilecki schwer gefoltert – es heißt, man habe ihm die Fingernägel ausgerissen –, er verriet jedoch keine geheimen Informationen und machte keine belastenden Aussagen gegen andere Gefangene. Als Belastungszeuge gegen Pilecki tat sich besonders der spätere polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz hervor, der in Auschwitz sein Mithäftling gewesen war. Am 25. Mai 1948 wurde Witold Pilecki in Warschau durch Genickschuss hingerichtet. Der Verbleib seines Leichnams ist ungeklärt. Er hinterließ eine Witwe, die 2002 starb, und zwei Kinder, die noch heute leben.

Im kommunistischen Polen war Witold Pileckis Name tabu; erst 1990 wurde er rehabilitiert und erhielt in der Folge zahlreiche posthume Auszeichnungen. Heute gilt er in seiner Heimat als Nationalheld, ist aber außerhalb Polens weiterhin praktisch unbekannt. „Es ist eigentlich eine Schande, dass man diesen Mann bei uns schlicht nicht kennt“, bemerkte Michael Leh – wies allerdings darauf hin, dass Ähnliches beispielsweise auch für Oskar Schindler gegolten habe, bis dessen Leben von dem australischen Schriftsteller Thomas Keneally zu einem Roman verarbeitet wurde, den dann Steven Spielberg verfilmte. Über Pilecki gibt es zwar in polnischer Sprache mehrere Biographien und auch einen TV-Spielfilm aus dem Jahr 2006 (der sich allerdings weitgehend auf den Prozess gegen ihn und seine Hinrichtung konzentriert), aber nichts davon ist bisher ins Deutsche übersetzt worden. Zum Abschluss seines eindrucksvollen Vortrags, an den sich eine lebhafte Diskussion anschloss, gab Michael Leh daher der Hoffnung Ausdruck, dass sich einmal ein deutscher Verlag oder auch ein Fernsehsender dieser faszinierenden Gestalt annehmen möge.

Literaturempfehlung: 

Witold Pilecki, „Freiwillig nach Auschwitz“ (amazon.de).


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Tobias Klein

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