18. Mai 2015

Öko-Werbung Umweltschutz aus der Tube

Ein Trick, der immer funktioniert

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Sicherlich auch Folge der Umweltverschmutzung: Ejaculatio praecox

Sie wollen irgendwelches Zeug verhökern, das die Welt nicht braucht? Zum Beispiel vom „BUND“ zertifizierte Öko-Weihnachtsbäume? Jeans aus Bio-Baumwolle, die man für sechs Euro im Monat mieten kann? Oder Fressalien, die nicht unbedingt gut schmecken müssen, auf jeden Fall aber „aus der Region“ stammen sollten? Schreiben Sie in dicken Lettern „Umweltschutz!“ drüber. Und schwupps, sind Sie den Plunder los.

Der Dreh klappt inzwischen sogar mit Produkten, die ungefähr so umweltschonend hergestellt werden wie Leiterplatten von Smartphones.

„Umweltschutz für den Teint“ heißt ein als redaktioneller Beitrag daherkommendes Cremestück im Hamburger Kosmetikpröbchenträger „Brigitte“, der vor nicht sehr langer Zeit noch Spurenelemente eines lesbaren Frauenmagazins aufwies. Illustriert ist die Artikelattrappe mit einer ganzseitigen Collage, auf der eine hübsche Dame grässlichen Schwaden ausgesetzt ist, die Fabriken, Wohnanlagen, Fahrzeugen, Brennöfen und Glimmstengeln entweichen.

Im Lauftext schwurbelt es von Begriffen wie „starke Luftverschmutzung“,  „unsichtbare Feinstaubpartikel“ und „Ozongas, dessen Wert im Sommer sehr hoch sein kann“ und das „Schleimhäute und Atemwege“ reize. Unter den in Deutschland obwaltenden Bedingungen, die man sich offenbar als Kombination aus nordchinesischen Kohlebergwerken und Sydneys Sonnenstränden vorstellen muss, geschieht Furchtbares: Die Haut unserer Frauen altert schneller!

Das unterstellt nicht nur die Autorin; eine Schreibkraft, die diverse Frauenblätter regelmäßig mit Kosmetiktipps versorgt. Nein, das sagt auch Frauke Neuser (Verzeihung, Dr. Frauke Neuser), laut „Brigitte“ „wissenschaftliche Expertin der Firma Olaz“. Die Firma Olaz wiederum schenkt uns, wie man auf der nächsten „Brigitte“-Seite unter den Fotos formschöner Behältnisse („Die Neuen gegen den Umwelt-Stress“) erfährt, die „Total Effects Anti-Ageing Feuchtigkeitsspendende Tagespflege LSF 15“. Na ja, direkt verschenken tut Olaz die Creme nicht. Aber was sind schon zwölf Euro, wenn es um die Haut geht. An der Haut ist jede Frau zu packen. Jede!

Es werden noch weitere Zeugen für die Umweltstressthese aufgeboten, zum Bespiel ein „Dr. Wei Liu, Leiter der Dermatologischen Abteilung des ‚General Hospital of the Air Force in Peking’“. Denn, so weiß „Brigitte“: „Patienten im chronisch unter Smog leidenden Peking erkranken an Tagen mit hoher Luftverschmutzung deutlich häufiger an Nesselsucht, einem juckenden Hautausschlag.“

Wer mal in Peking war oder sonst ein bisschen in der Welt rumgekommen ist, könnte vielleicht einwenden, dass Deutschland von allen hoch industrialisierten Ländern zusammen mit Japan dasjenige mit der geringsten Luftverschmutzung ist. Dass selbst die Belastung mit Feinstaub und Stickstoffdioxid im Talkessel von Stuttgart, wo an bestimmten Tagen die höchsten Werte der Republik gemessen werden, weit davon entfernt ist, konkrete Gesundheitsschäden zu zeitigen, geschweige denn die Haut zu verhunzen. Schon gar nicht die Haut von Frauen, die bekanntlich im Bausektor oder in anderen Open-Air-Berufen eher selten wirken.

Kurz, man könnte auf den Gedanken kommen, dass hinter dem Versuch, mit Unterstützung von vor Kosmetikwerbung schier aus der Heftung platzenden Frauenquatschmedien eine veritable Hautalterungshysterie zu inszenieren, nichts, aber auch gar nicht anderes steht als der Wunsch der Kosmetikindustrie nach Profitmaximierung.

Aber halt, könnte nicht doch was an der Sache sein? „Grundsätzlich sind alle Produkte beziehungsweise Wirkstoffe sinnvoll, die zu einer Verbesserung der Hautbarrierefunktion führen und dem Eindringen von Schadstoffen entgegenwirken“, sagt Dr. Nils Krüger (ein Doktor ist in der Haut-Szene unabdingbar, wie es scheint). Der Doc ist laut „Brigitte“ „wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts Rosenpark Research in Darmstadt“. „Research“ klingt immer toll. Irgendwie nach Recherche, ja Investigation.

Wer „Rosenpark Research“ googelt, stößt auf ein laut Eigenauskunft „unabhängiges Forschungsinstitut im Zentrum Darmstadts“. Es schreibt auf seiner Website unter anderem: „Kooperationspartner von Rosenpark Research sind neben renommierten Pharma- und Kosmetikunternehmen auch CROs und zahlreiche ansässige Praxen in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main.“

So steht es da, ganz ungeschminkt. Im Netz, nicht in der „Brigitte“.

Zurückblickend kann man feststellen: Angefangen hat alles auf dem stillen Örtchen. Ende der 1970er, gerade begann sich die grüne Priesterkaste zu formieren, brachte eine Firma das graue, anfangs legendär kratzige Toilettenpapier „Danke“ auf den Markt. Es bestand angeblich zu 100 Prozent aus recyceltem Altpapier und ermöglichte Latzhosen tragenden Müsli-Mampfern Teilhabe an der Weltrettung durch ökologisch korrektes Arschabwischen.

Heute sind wir weiter. Mit der Latrinenparole „Umweltschutz!“ punktet man auch bei den Brigitten aus besseren Vierteln. Jetzt wären aber mal die Männer dran. Sind nicht vorzeitige Glatze, früher Bierbauch und Ejaculatio praecox irgendwie Folgen der Umweltkatastrophe? Dagegen muss es doch ein Mittelchen geben, das man sich auf die Haut oder in die Haare schmieren kann? Unabhängige Researchers aller Konzerne, an die Arbeit!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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