21. Mai 2015

Staatliche Ernährungspolitik Korporatismus im Windschatten der Steuermilliarden

Wie der Staat eine artgerechte Ernährung des Menschen verhindert

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Bildquelle: shutterstock Staatlich finanzierter Ernährungsexperte: Zweifelhafte wissenschaftliche Qualität

Ein Lebensbereich, in den sich der Staat neben vielen anderen einmischt, ist die Ernährung. Im Rahmen des staatlichen Gesundheitssystems geschieht dies schon lange auf eher latente Art. In letzter Zeit werden jedoch politische Forderungen nach stärkeren offenen Eingriffen laut. Neben zum Beispiel Steuern auf fette Nahrungsmittel ist der neueste Schrei im Rahmen der Volkserziehung die Einführung von sogenannten „Veggie Days“.

Aus freiheitlicher Sicht stellen sich hier mehrere Fragen: Kann es überhaupt gerechtfertigt sein, dass der Staat in die Ernährung der Menschen eingreift? Und was sind die Ursachen und Folgen staatlicher Eingriffe in die menschliche Ernährung? Dieser Beitrag betrachtet hierzu zunächst, inwieweit die politischen Forderungen mit der wissenschaftlichen Faktenlage im Einklang stehen, und widmet sich danach der Geschichte und dem Prozess staatlicher Ernährungspolitik. Wir stoßen dabei auf ein lehrbuchmäßiges Beispiel für staatlichen Interventionismus, sich selbst ausweitende Bürokratie und Korporatismus.

Wer heute an einer der typischen sogenannten Zivilisationskrankheiten – also Diabetes, Übergewicht, erhöhtem Blutdruck, Atherosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankung, Schlaganfall, zusammen auch als „Metabolisches Syndrom“ bezeichnet, oder auch Krebs – leidet, wird von Ärzten, gesetzlichen Krankenkassen und von diesen finanzierten Ernährungsberatern häufig dazu angehalten, den Weg einer gesünderen Ernährung einzuschlagen. Als gesund wird üblicherweise eine Ernährung propagiert, die vor allem auf einem hohen Anteil Kohlenhydraten und weitgehendem Verzicht besonders auf tierisches Fett basiert. Im Sinne der gesundheitlichen „Prävention“ wird in der öffentlichen Diskussion konsequenterweise auch gesunden Menschen laufend der Verzicht auf Fleisch und alles Tierische als erstrebenswert dargestellt.

Sieht man sich die medizinische und ernährungswissenschaftliche Faktenlage an, kommen jedoch schnell Zweifel an den Weisheiten, die hier verbreitet werden. Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten des deutschen Ernährungswissenschaftlers Nicolai Worm und des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Gary Taubes. Sie haben unabhängig voneinander fundiert die Grundlagen einer artgerechten Ernährung des Menschen herausgearbeitet. Ihre Argumentation genügt Aspekten der Biochemie, empirischen Befunden und der Evolution.

Unter den Ursachen aller Zivilisationskrankheiten kristallisiert sich als zentrales Element ein entgleister Kohlenhydratstoffwechsel heraus. Dabei besteht ein Teufelskreis aus hohem Kohlenhydratkonsum und einer immer stärkeren Insulinresistenz, die zu mangelnder Fähigkeit zur Zuckerverwertung bis hin zur Diabetes führen. Es ist ein Irrglaube, dass fettes Essen fett mache. Tatsächlich werden im wesentlichen die überschüssigen Kohlenhydrate aus der Nahrung als Körperfett gespeichert. Evolutionär gesehen ist dies ein nützlicher Prozess unter der zu Urzeiten herrschenden häufigen Nahrungsknappheit. Da der Körper benötigten Zucker zudem jederzeit aus Eiweiß selbst herstellen kann, sind Kohlenhydrate im übrigen kein essentieller Nährstoff. Eine Ausnahme bilden allenfalls Leistungssportler.

Ganz anders sieht es mit einigen Aminosäuren (Eiweißbausteinen) und Fettsäuren aus. Außer als Energielieferant dienen diese unter anderem auch dem Aufbau von Muskulatur, der Bildung von Enzymen und Hormonen sowie als Baustein für das Wachstum und die laufende Regeneration des Körpers. Sie kommen vor allem in tierischen Nahrungsmitteln vor. Anders als vielfach geglaubt, enthält Fleisch im übrigen vor allem ungesättigte und wenig gesättigte Fettsäuren. Erwähnt werden müssen vor allem die insbesondere in Kaltwasserfisch enthaltenen Omega-3-Fettsäuren, die Blutdruck und Herzschlag regulieren und entzündungshemmend wirken. Das gefürchtete Cholesterin ist ein wichtiger Ausgangsstoff unter anderem für die Bildung von Steroidhormonen. Wer seinen Cholesterinspiegel senken will, kann damit ungewollt sein hormonelles Gleichgewicht schwer aus dem Lot bringen. Was volkstümlich als schlechtes (LDL) und gutes Cholesterin (HDL) bezeichnet wird, sind tatsächlich sowieso eigentlich Lipoproteine, Transportmoleküle für Fett. Eine Ursache der genannten Zivilisationskrankheiten ist nicht deren absolute Höhe, sondern dass ihr Mengenverhältnis aus dem Ruder gerät. Dafür ist, man kann es ahnen, nicht übermäßiger Fettkonsum, sondern übermäßiger Kohlenhydratkonsum verantwortlich. Eine eigene Erwähnung wert ist an dieser Stelle noch das unter Einfluss von UVB-Strahlen der Sonne aus Cholesterin gebildete Vitamin D. Es stärkt die Knochen und das Immunsystem, wirkt positiv auf den Zuckerstoffwechsel und den Kreislauf. Außerdem ist Vitamin D krebshemmend, da es den programmierten Zelltod steuert. Der Rat, nur mit UV-Schutz an die Sonne zu gehen, kann also langfristig zu schweren gesundheitlichen Problemen führen. Es ist besser, ohne Sonnenschutz an die Sonne zu gehen – gerade so lange, wie dies möglich ist, ohne einen Sonnenbrand zu bekommen.

Die wichtigen Vitamine der B-Familie sind in nennenswerten Mengen nur in Fleisch enthalten und damit in der Natur nur zusammen mit tierischem Eiweiß und Fett zu erhalten. Zur Versorgung mit allen anderen Vitaminen sollte die Ernährung daneben aus Gemüse (fast alle Sorten sind kohlenhydratarm) und Obst (süß, dank der Ballaststoffe aber mit geringer Blutzuckerwirkung) bestehen.

Zusammenfassend lautet die Erkenntnis, dass vor allem Kohlenhydrate zu meiden sind, die einen schnellen und starken Blutzuckeranstieg bewirken (Zucker, Weißmehl, Reis, Pasta und so weiter). Eiweiß und Fett aus tierischen Quellen sind denjenigen aus pflanzlichen Quellen vorzuziehen. Die Verwertbarkeit ist in der Regel besser, und zum Beispiel einige Fettsäuren müssen erst von der pflanzlichen in die tierische Variante umgebaut werden.

Nicolai Worm und Gary Taubes haben dies in ihren Büchern mit hunderten von wissenschaftlichen Quellen untermauert, die dem Leser zur eigenen Überprüfung der Thesen zur Verfügung stehen.

Mittlerweile erhärten sich die Hinweise, dass auch Alzheimer beziehungsweise Demenz auf eine kohlenhydratreiche und fettarme Ernährung zurückzuführen sind. Bezüglich Krebs spricht die Tatsache fast schon für sich, dass sich Krebszellen ausschließlich von Zucker ernähren können.

Bei all diesen Erkenntnissen gilt weiterhin, dass jeder Mensch anders (in diesem Falle genetisch disponiert) ist. Weder Nicolai Worm noch Gary Taubes wären so vermessen, ihre allgemeinen Erkenntnisse auf jeden Einzelnen einfach zu übertragen. Jedem fallen spontan Beispiele von Menschen ein, die trotz augenscheinlicher Fehlernährung keinerlei gesundheitliche Probleme entwickeln, und solche, die trotz gesundheitsbewusster Lebensweise schwer erkranken. Vielmehr betonen diese seriösen Autoren, dass gerade in der Ernährung Zwänge nicht zum Erfolg führen. Warum sollte auch eine Ernährung artgerecht sein, zu der man die Menschen mangels Genuss per Gesetz zwingen muss?

Dies bringt uns zur jüngeren Geschichte staatlicher Ernährungspolitik. Die eingangs erwähnten öffentlichen Ernährungsempfehlungen gehen zurück auf die US-Senatskommission unter Leitung von Senator George McGovern und den 1977 veröffentlichten „Dietary Goals for the United States“. Die Kommission wurde im Jahre 1968 zunächst zur Behebung der Mangelernährung in den Vereinigten Staaten eingesetzt. Wie für bürokratische Institutionen nicht unüblich, erweiterte sie im Laufe der Zeit ihr Betätigungsfeld und griff die bis dahin rein akademisch geführte Kontroverse um die Frage einer gesunden menschlichen Ernährung politisch auf.

Eine zentrale Rolle in dieser akademischen Diskussion spielten die Studien des Biochemikers Ancel Keys, eines Anhängers der These, dass übermäßiges Nahrungsfett Herzerkrankungen fördere. Mit seinen angeblich bahnbrechenden Studienerkenntnissen schaffte es Ancel Keys zur Titelgeschichte im „TIME Magazine“, das den Thesen damit zu einer großen Verbreitung verhalf. Die wissenschaftliche Qualität war indes zweifelhaft: Ancel Keys hatte schlichtweg in Ländervergleichen nur die Zahlen herangezogen, die seine These bestätigten. Diejenigen Werte, die seine These widerlegten, hatte er verworfen. Organisierte Unterstützung kam durch die American Heart Association, die wiederum von der Pflanzenöl- und Margarineindustrie finanziell unterstützt wurde.

Sehr früh wurde die Diskussion auch bereits unter Aspekten der „sozialen Gerechtigkeit“ geführt. Der Verzicht auf Fleisch und eine pflanzliche Ernährung seien nicht nur gesünder, sondern auch die einzige Möglichkeit, die Weltbevölkerung zu ernähren und das Nord-Süd-Gefälle einzuebnen. Es darf an dieser Stelle nicht wundern, dass heutzutage auch behauptet wird, Fleischkonsum schädige das Klima.

Nach Veröffentlichung der „Dietary Goals“ wurde das Thema in der Folge durch das Department of Agriculture und die National Academy of Sciences aufgegriffen. Letztere widersprach den Thesen in einer eigenen Publikation („Toward Healthful Diets“). Doch diese Seite war aufgrund der Unterstützung und des Einflusses durch Unternehmen und Branchenverbände angreifbar. Gleichwohl galt dies für beide Seiten der Kontroverse. Letztlich konnten aber die Befürworter einer kohlenhydratreichen, fettarmen Ernährung die Befangenheit der Gegenseite besser für sich nutzen und behielten in der öffentlichen Wahrnehmung die Oberhand. Durch das Department of Agriculture wurden so die Empfehlungen der McGovern-Kommission schließlich zur offiziellen Regierungspolitik erhoben. Damit war eine staatlich erwünschte Meinung etabliert. In der Folge wurden von staatlicher Seite Studien beauftragt und finanziert, deren Ziel die Bestätigung dieser Meinung war. Nicht passende Ergebnisse wurden passend gemacht oder passend interpretiert. Im Jahr 1984 erklärten die National Institutes of Health die akademischen Differenzen schließlich für beigelegt. Eine unabhängige wissenschaftliche Forschung war damit zu einem Außenseiterdasein verurteilt.

Längst ist diese offizielle amerikanische Regierungspolitik auch über den Atlantik geschwappt. Was die „Dietary Goals“ empfehlen, findet in Deutschland seine Entsprechung in den Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Glücklicherweise gibt es noch genug Handlungsfreiheit für Ärzte und Ernährungsberater, von diesen offiziellen Empfehlungen abzuweichen. Doch häufig wird für die Kostenübernahme der Krankenkassen verlangt, dass Therapien mit den offiziellen Empfehlungen konform sein müssen. Zudem sind Ärzte und Ernährungsberater mittlerweile durch die Einseitigkeit der Lehre in Richtung der offiziellen Empfehlungen beeinflusst.

Profiteure sind in einem staatlich regulierten Gesundheitswesen Krankenkassen, Ärzte, Krankenhausbetreiber und auch die Pharmaindustrie, sowie die „siegreiche Seite“ der Nahrungsmittelindustrie. Die öffentlich wahrgenommene Existenzberechtigung einer gesetzlichen Krankenkasse als bürokratische Behörde steigt mit der Schwere und Kostenintensität von Erkrankungen. Die Arbeit eines Arztes oder Pharmazeuten dagegen rechtfertigt sich dadurch, Krankheiten als etwas weitgehend unabhängig von den äußeren Umständen Auftretendes zu betrachten, das der Behandlung durch einen Experten bedarf. Krankheitsprävention und -linderung durch eine angepasste Ernährung stehen da im Widerspruch zum eigenen Berufsbild. So werden viele Krankheitsfälle zu einer nicht mehr endenden Krankheitsgeschichte, da Symptome mit einem Mehr des Auslösers bekämpft werden. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass hier sozusagen eine Interventionsspirale an der Gesundheit des einzelnen erkrankten Menschen stattfindet. Der Nahrungsmittelindustrie winken dagegen Subventionen, sofern sie die „richtigen“ Nahrungsmittel produziert. Oder zumindest die Besserstellung gegenüber der Konkurrenz, die, wie bereits angedacht, mit neuen Steuern wie der sogenannten Fettsteuer bedacht wird.

Einmal mehr zeigt sich hier die destruktive Wirkung eines korporatistischen Systems. Staatliche Akteure mit paternalistischem Sendungsbewusstsein glauben besser zu wissen, was gut für die Menschen ist, als diese selbst. Sie lassen sich von gut organisierten Interessengruppen fördern und finanzieren. Diesen wiederum winken Vorteil und Rendite in Form einer ihnen gewogenen Gesetzgebung und Regulierung. Im Windschatten positionieren sich weitere Profiteure, denen Geld vom Staat winkt. Seien es Forschungsgelder, Subventionen oder eben Krankenkassenbudgets. Dabei handelt es sich natürlich ausnahmslos um zwangsweise eingetriebene Steuern und Abgaben sowie aus dem Nichts geschaffenes Fiat Money. Zuletzt dient das von der Politik geschaffene Problem als Rechtfertigung von neuen Steuern und Lenkungsmaßnahmen. Dass diese das Problem eher verstärken werden, ist absehbar. In der Ernährungs- und Gesundheitspolitik droht eine weitere sich immer stärker drehende Interventionsspirale. Und hier ist mit der Gesundheit der elementarste Aspekt der menschlichen Existenz betroffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Mises Institut Deutschland.


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