26. Mai 2015

Großbritanniens Grenzen Einwanderungsland mit Vorbehalten

Historisch eher die Regel als die Ausnahme

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Bildquelle: shutterstock Very british: Schotten dicht

Großbritannien gehört in der Europäischen Union heute zu den Staaten, die offenen Grenzen eher skeptisch gegenüberstehen, weniger Flüchtlinge aufnehmen als andere Länder und eine Quotenregelung zur Verteilung der Flüchtlinge ablehnen. Um diese Position zu verstehen, muss man wissen, dass das Vereinigte Königreich seit der Jahrtausendwende ein bevorzugtes Ziel von Einwanderung gewesen ist und nach der Jahrtausendwende sehr viel offener gegenüber Einwanderern war, als das bei anderen europäischen Ländern der Fall war. Anders als Deutschland und Frankreich hatte Großbritannien nach der Osterweiterung der EU den freien Zugang zu seinem Arbeitsmarkt für die Neumitglieder nicht verzögert.

Offene Grenzen in der Ära Blair

Die Ära von Premierminister Tony Blair war durch einen breiten Zustrom von Zuwanderern nach Großbritannien aus vielen Teilen der Welt gekennzeichnet. Die Einwanderer kamen aus Polen, Russland, Somalia, Simbabwe, Afghanistan, dem Irak, Südafrika, Australien und auch aus Frankreich und Deutschland. Insgesamt waren das etwa 1,3 Millionen Menschen. In der Mitte der 2000er Jahre war die Muttersprache der Hälfte der Londoner Schulkinder nicht die englische Sprache. 

Ökonomische Vorteile und gesellschaftliche Probleme

Großbritannien hat nach den vorliegenden Zahlen aufs Ganze gesehen ökonomisch von der Einwanderung – insbesondere aus Osteuropa – profitiert, es gab aber auch Schattenseiten, und der ökonomische Nutzen der Einwanderung war ungleich verteilt. Gemeinden beschwerten sich über die zusätzlichen Bürden im Bereich der Sozialunterstützung und des Erziehungswesens und fühlten sich dabei von der nationalen Politik oft allein gelassen.

Ein wachsendes Bedürfnis nach Stabilität

In modernen Gesellschaften scheinen sich Phasen relativ offener Grenzen mit Phasen größerer Skepsis gegenüber der Einwanderung abzulösen. Offenbar entsteht durch schnelle gesellschaftliche Veränderung infolge von Einwanderung ein verstärktes Bedürfnis nach Stabilität und Konsolidierung der neu entstandenen Verhältnisse. Ähnliches haben wir auch in Deutschland gesehen. Nach dem großen Zustrom von Asylbewerbern Anfang der 90er Jahre wurde das Asylrecht von einer großen Koalition aus CDU/CSU, SPD und FDP geändert, und die Bundesregierung hat sich bei den europäischen Nachbarn aktiv für die Anerkennung der deutschen Drittstaatenregelung eingesetzt.

Das trifft selbst auf die klassischen Einwanderungsländer zu

Das trifft übrigens selbst für ein klassisches Einwanderungsland wie die USA zu. Auch die Geschichte der USA ist nicht durchgehend eine Geschichte offener Tore, sondern es gab immer wieder Phasen – wie etwa die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts –, in denen der Zuzug restriktiver gehandhabt wurde. Die Haltung Großbritanniens entspricht insoweit historisch eher der Regel als der Ausnahme.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Open Europe Berlin.


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