28. Mai 2015

Griechenland Was passiert, wenn…?

Zwei Zukunftsszenarien

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Bildquelle: shutterstock Ausgabenkürzungen in Sicht: Weitere Rezession im Anmarsch

Wenngleich auch die Unsicherheit groß ist, so erscheint es doch wahrscheinlich, dass Griechenland im Euro-Raum verbleiben wird. Mit Blick auf die griechische Staatsschuldenkrise sind vor allem zwei Szenarien relevant: Erstens, Griechenland erhält neue Kredite, und zweitens, Griechenland erklärt den Bankrott – und verbleibt im Euro-Raum.

Zum ersten Szenario: Erhält Griechenland neue Kredite (gegen Reformversprechungen), so dürfte das nur ein Aufschub des Unausweichlichen sein. Denn früher oder später wird zutage treten, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann (und wohl auch nicht will). Um aber den Bankrott nicht offenkundig werden zu lassen, müsste Griechenland dauerhaft mit immer neuen Krediten subventioniert werden.

Zum zweiten Szenario: Wenn Griechenland seine Zahlungen an die Gläubiger einstellt, ist der Staatsbankrott da. Die griechische Haushaltslage verbessert sich dadurch jedoch, weil keine Zins- und Tilgungszahlungen auf die Schulden mehr zu leisten sind. Dem Land wäre (zumindest vorübergehend) der Zugang zu neuen Krediten versperrt. Der griechische Staat müsste seine Ausgaben allein aus den laufenden Steuereinnahmen bestreiten. Käme es zu Ausgabenkürzungen, würde vermutlich eine weitere Anpassungsrezession ausgelöst. Bei einer Zahlungseinstellung erhalten die Gläubiger ihr Geld nicht mehr zurück. Die Kredite, die die deutsche Bundesregierung an Griechenland vergeben hat, wären verloren, und die Steuerzahler hätten die Verluste zu tragen. Tritt Griechenland aus dem Euro-Raum aus (was aus unserer Sicht unwahrscheinlich ist), wären zudem auch die Target-2-Salden in Höhe von mehr als 90 Milliarden Euro verloren. Wenn jedoch politisch gewollt ist, dass Griechenland im Euro-Raum verbleibt (was wir für wahrscheinlich(er) halten), wird die Europäische Zentralbank (EZB) neues Geld schaffen müssen. Denn soweit die griechischen Banken noch griechische Staatsanleihen halten, laufen hohe Verluste auf, und der Abzug von Kundeneinlagen würde vermutlich stark zunehmen. Um einen Bankzusammenbruch – und vor allem auch „Ansteckungsgefahren“ in den anderen Euro-Ländern – zu verhindern, müsste die EZB die griechischen Banken mit Blanko-Krediten über Wasser halten – oder die griechischen Banken müssen geschlossen und die Kundeneinlagen und -forderungen herabgesetzt werden (wie es bereits im Falle Zyperns praktiziert wurde).

Diejenigen, die ihr Geld noch bei der Bank halten, würden Verluste erleiden. Wenngleich die Unsicherheit über die weitere Entwicklung groß ist, so scheint es doch wahrscheinlicher, dass Griechenland im Euro-Raum verbleibt, als dass das Land austritt. Denn der Euro ist ein politisches Projekt, und über seine Teilnehmer und seinen Zusammenhalt wird politisch entschieden. Ökonomische Realitäten werden dabei, so lange und so gut es eben geht, der Politik untergeordnet. Daher könnte Griechenland im Euro-Raum verbleiben, ob es nun seine Zahlungen einstellt oder dem Land seine Schulden (teil-) erlassen werden (etwa indem die Laufzeiten der ausstehenden Schulden verlängert und die Zinskonditionen vermindert werden). Griechenland wäre dann allerdings weiterhin auf Subventionen der übrigen Euro-Länder angewiesen – zu deren Finanzierung letztere dann vermutlich Schuldpapiere ausgeben, die von der EZB gekauft und mit neu geschaffenen Euro bezahlt werden. Der Euro-Außenwert würde wohl weiter absinken, und es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis die Inflation in den Konsumentenpreisen sichtbar wird. 

Dieser Artikel erschien zuerst im Degussa Marktreport vom 22. Mai 2015.


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