06. Juni 2015

Wohlfahrtsstaaten Hören wir auf, im Staat unseren Retter zu sehen

Ein Liebesbrief an die Vergangenheit

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Bildquelle: shutterstock Heiße Kartoffel: Schlechte Grundlage für Wohlstand

Liebe Vergangenheit,

ich nutze diese Stunde mit den vielen Tränen in meinen Augen, um Dir voller Liebe meinen Dank auszusprechen.

Meinen Dank dafür, dass ich, 1970 geboren, einfach nur Kind sein durfte. Dafür, dass ich mit meinen Freunden auf der Straße spielen durfte, ohne dass einer von ihnen ständig auf sein Handy starrte. Dafür, dass wir damals miteinander Gummitwist gespielt haben und es möglich war, ganze Ferienlängen mit Fußball oder im Schwimmbad zu verbringen, und dass nicht jeder eine Playstation hatte, mit der man seine Zeit auch alleine verbringen kann.

Ich danke Dir dafür, dass wir mit Kreide Hüpfkästchen auf die Straße gemalt haben, ohne dass uns eine dieser Übermütter unbedingt aufklären musste, dass die Farbe möglicherweise „vergiftet“ sei. Dafür, dass ich noch nicht das zweifelhafte Vergnügen hatte, auf Ferienfahrten mit dem Auto vor einem in den Vordersitz eingebauten Fernseher stillgelegt zu werden, sondern dass ich meine Eltern mit dem stundenlangen Kennzeichen-Raten in den Irrsinn treiben durfte. Nein, ich kann mich daran erinnern, dass ich Kind sein durfte, dass ich meine Kreativität ausleben durfte, aber eben auch ganz genau wusste, wann „Schluss war“!

Wir haben uns als Kinder oft und heftig gestritten, wir durften uns politisch unkorrekt beleidigen, uns mit Dreck bewerfen, und nach heutigen Maßstäben ist es ein Wunder, dass wir noch leben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Mutter es ganz natürlich fand, dass ich meinem damaligen Spielkameraden, der mir böse in den Arm gebissen hatte, mit „mütterlicher Erlaubnis“ gleichen Schmerz zufügte und dessen Mutter daraufhin meine mit den Worten: „Wer nicht hören will, muss fühlen“, zu einem Glas Wein einlud. Ein Gebaren, dass heute undenkbar erscheint, zumal mein damaliger Kindergartenfreund „kein Bio-Deutscher“ war.

Ich danke Dir dafür, dass wir als Familie immer das Abendessen zusammen verbracht haben; dass mein Vater sich mit unglaublichem Vergnügen politische Debatten im Fernsehen angesehen hat, weil eben auch noch wirklich debattiert wurde. Meine Mutter pausierte oft mit ihren Hausarbeiten, weil es interessant war, zuzuhören.

Meine Mutter war Hausfrau; „nur“ Hausfrau, und als Kind war das für mich herrlich. Damals konnte man sich diese Lebensweise noch leisten. Sicher – ab und zu habe ich meine Schulkameradin beneidet, die eine berufstätige Mutter und oft „sturmfrei“ hatte, aber um keinen Preis in der Welt hätte ich tauschen wollen.

Meine Mutter war immer für mich da, sie hat mich getröstet und mit mir gelacht, sie hat mit mir geschimpft und sie hat sich immer Sorgen um mich gemacht; etwas, was Mütter zu Müttern macht, was uns – je älter wir werden – unglaublich nervt. Und das wir trotzdem brauchen wie die Luft zum Atmen.

Ich habe, wie jedes Kind, meine Eltern oft in den Wahnsinn getrieben, aber ich fühlte mich immer geliebt und unerlässlich wichtig. Das Schönste war, dass meine Mutter Zeit hatte; dass sie nicht wie heute dem Zwang unterlag, „ein perfekter Mensch zu sein“, dass sie Schwächen zeigen durfte und doch ein unglaublich starker Mensch war.

Ich danke Dir, liebe Vergangenheit, dass mir meine Mutter noch vom Negerjungen vorlesen durfte, ohne sich dabei die Zunge abbrechen zu „müssen“, dass der Genderwahnsinn noch keinen Einzug in unsere Gesellschaft gefunden hatte, dass ich durch die „Bravo“ „aufgeklärt“ wurde und mir – wie heute immer öfter leider üblich – keine „Lehrerin“ antun musste, die mir im Unterricht (vor allen anderen) gestenreich demonstrierte, wie man sich selbst befriedigt und dass einem dadurch (gerade bei einem so sensiblen Thema) das letzte bisschen Privatsphäre geraubt wird. Ich danke Dir dafür, dass ich einen Ausbildungsplatz fand, weil ich als Frau wunderbar in das Team passte und nicht, weil die Frauenquote mir diesen Platz garantierte. Weil ich Grenzen kennengelernt habe, Respekt vor der Leistung des anderen selbstverständlich und es nicht sozial gerecht war, anderen etwas wegzunehmen, nur, weil ich an bestimmten Lebensaufgaben gescheitert bin.

Alle, die wie ich im Jahr 1970 geboren wurden, wissen häufig nicht, dass dieses Jahr aus einem noch ganz anderen Grund ein ganz besonderes Jahr war.

Die 60er Jahre gehörten der Vergangenheit an, ein neues Jahrzehnt brach an. Die 60er verabschiedeten sich mit einem Fernsehkanal, das Standbild gehörte praktisch zum Programm dazu; der Übergang von schwarz-weiß zu Farbe war so gut wie abgeschlossen und auch der heute allseits belächelte Personal Computer setzte zu seinem Siegeszug quer über den Erdball an, auch wenn – so wird es erzählt – Thomas J. Watson, der frühe Chef von IBM, erklärt haben soll: „Ich glaube, es gibt einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer.“

Die Löhne in Deutschland stiegen zwischen acht und 13,5 Prozent, und Deutschland war hinter den USA das Land mit der höchsten Exportrate. Im selben Jahr lösten sich die „Beatles“ auf, und deutsche Fernsehzuschauer konnten ab nun die Nachrichtensendungen Tagesschau der ARD und heute des ZDF in Farbe empfangen.

1970 sollte allerdings aus einem anderen Grund in die Geschichte eingehen … ist es doch bis heute neben 2001 das einzige Jahr, in dem ein tatsächlicher Schuldenabbau seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stattfand.

Als Richard Nixon 1971 den Gold-Devisen-Standard für beendet (und damit Amerikas Staatsbankrott) erklärte, gab es zum ersten Mal in der Geschichte nirgendwo mehr auch nur eine klitzekleine Wertdeckung, und der gnadenlosen Schuldenmacherei waren keine Grenzen mehr gesetzt. Mit dem Beginn der 70er Jahre setzte sich die „Sparen-ist-doof“-Mentalität durch und verdrängte die bis dahin geltende Überzeugung, dass man sich nur das kauft, was man sich auch leisten kann. Diese völlig spaßfreie und spießige Ansicht landete zunehmend auf dem Müll und wurde bis heute durch eine konsumfixierte und schuldenfinanzierte „Das-steht-mir-zu“- Einstellung vollständig abgelöst.

Die Wohlfahrtsstaaten haben Ausgabenniveaus, Versorgungsmentalitäten und Sozialansprüche herangezüchtet, die mit jedem Jahr abstruser wurden. Vorübergehende und unter allen Umständen zu vermeidende Abhängigkeiten vom Staat mutierten zu Dauerbezügen, die beständig selbstverständlich wurden und uns zu völlig Willfährigen von Leviathans Gnaden machen.

Die in zunehmend alle wirtschaftlichen Bereiche eindringende Allmacht des Staates wird inzwischen sogar bewusst eingefordert, schreit doch ein Großteil der Bevölkerung weh und ach, wenn auch nur im Ansatz von Privatisierung die Rede ist. Alles Private ist von vornherein Betrug, alles, was vom Staat kommt, verspricht Heilung und Besserung. Mal abgesehen davon, dass die Privatisierung sowieso eine Farce ist (die öffentliche Hand hat inzwischen fast überall ihre Hände im Spiel), ist es an Unverfrorenheit nicht mehr zu überbieten, dass sich gerade die als Retter aufspielen, die uns diesen Schlamassel eingebrockt haben.

Da wird offen angeprangert, dass die noch nicht einmal stattfindende Austerität zum Elend führt, statt froh über jeden einzelnen Cent zu sein, den die Regierungen nicht zum Fenster rauswerfen. Jeder nicht vom Staat konsumierte Cent, den er übrigens jedem einzelnen vorher abgenommen haben muss, würde unter normalen Umständen dazu führen, dass private Unternehmen wieder Fuß fassen und sich unabhängig von Almosen machen. Jeder privat investierte Cent würde den Menschen wieder das Gefühl der Würde geben, etwas mit eigenen Händen zu schaffen, für sich selbst sorgen zu können, ohne sich demütig für den Rest seines Lebens in Sack und Asche hüllen zu müssen.

Da werden Mindesteinkommen, Hartz-4-Erhöhungen, Mietpreisbremsen und weiß der Teufel noch was für welche heiteren Ansinnen gefordert, die uns alle noch tiefer und unabänderlicher in die Abhängigkeit von Staatsinteressen führen.

Wir werden nichts, aber auch gar nichts ändern, wenn wir nicht an die Wurzel des Übels gehen, wir werden nichts ändern, wenn wir uns immer weiter zu Schoßhündchen entwickeln, die schon beim kleinsten Anlass in Tränen ausbrechen und demonstrieren, dass sie ohne „helfende Hände“ nicht klarkommen.

Ja, die Würde des Menschen ist unantastbar – das soll auch für alle Zeiten so sein, aber es ist auch an uns, dass wir diesen Anspruch nicht als Ruhekissen, sondern als Ansporn begreifen.

Die Politik trägt die Verantwortung, ihre Zentralbanken haben eine unfassbare Kreditpyramide errichtet. Jede nasse, müffelnde Socke dient inzwischen als „Sicherheit“, um dieses wertlose Fusselpapier in den Umlauf zu jagen.

Und was tun wir? Wir verteufeln einen Zins, der uns eigentlich ein hoch willkommener Gefährte sein sollte, um sinnvolle von sinnlosen Investitionen zu unterscheiden. Nicht der Zins ist das Problem, sondern diese wahnwitzige Geldmengenausweitung, auf die der Zins gezahlt wird. Es findet eine obszöne Umverteilung der Geldvermögen statt, das steht außer Frage – und dass das in den Untergang führen wird, steht auch außer Frage.

Dafür jedoch einem Gradmesser für anständiges Wirtschaften die Schuld zu geben, ist nicht nur in gefährlicher Weise fahrlässig, sondern zeugt auch noch von einer völligen Ignoranz und Borniertheit gegenüber den Menschen, die mit ihren zur Verfügung stehenden Ersparnissen sorgsam umgehen.

Die Regierungen haben seit den frühen 70er Jahren eine Politik verfolgt, die ausschließlich ihrem Machterhalt dient, sie haben das erarbeitete Vermögen anderer verkonsumiert und der Korruption ein ganz neues Gesicht gegeben. Sie werden alles tun, um ihr Überleben zu sichern – sie werden ihre verhöhnende Niedrigzinspolitik weitertreiben, eine Politik, die den Durchschnittssparer das letzte Hemd kosten wird und dem Aktieninhaber die ohnehin schon prall gefüllten Taschen noch voller macht.

Es ist so unfassbar moralisch verkommen, dass Politiker medienwirksam nach Mietpreisbremsen brüllen, wo sie doch durch ihre gnadenlose Funny-Money-Trickserei genau dafür sorgen, dass sich demnächst kein Durchschnittsverdiener noch eine Wohnung in einer deutschen Großstadt leisten kann. Dieses ganze Falschgeld treibt Mietpreise und Aktienkurse, Derivate und Preise für Luxusgüter – mit dem Ergebnis, dass die Reichen tatsächlich immer reicher werden.

Dafür kann aber kein Zins der Welt etwas, auch wenn Freigeldphantasten und Zinsverdammer nicht müde werden, uns das Gegenteil einzureden. Was wir brauchen, ist gutes Geld – Geld, das Wert hat und auf das wir uns verlassen können, vor allem, wenn wir zu den alten Tugenden des Sparens und Investierens zurückkehren wollen.

Wohlstand ist noch nie dadurch entstanden, dass man das Geld wie eine heiße Kartoffel so schnell wie möglich loswerden will, Wohlstand ist immer dadurch geschaffen worden, dass man sinnvolle und langfristig orientierte Finanzentscheidungen getroffen und daraus einen Mehrwert generiert hat. Konsum ist gut, aber eben nur dann, wenn dieser nicht auf Schulden aufbaut, sondern auf überschüssigem und zur Verfügung stehendem Vermögen.

Die Bürger haben gegen die Banken der Regierungen nicht die geringste Chance, sie werden in ihrem verständlichen Protest und ihrer nachvollziehbaren Entrüstung über die extremen Ungerechtigkeiten irgendwann demoralisiert die Segel strecken.

Wir haben nur die Chance, uns mit kompromissloser Verweigerung der Schuldenmacherei gegen diese unwürdige und verlogene Räuberbande zu wehren – indem wir aufhören, im Staat unseren Retter zu sehen, der uns gut gesonnen ist und nur unser Bestes will. Wir sollten uns auf uns besinnen, auf Freunde, Familie und uns nahestehende, liebevolle und gütige Menschen, und den Parolen steuergeldgemästeter Laiendarsteller in Politikermäntelchen, die fern jeglicher Realität sind, ganz deutlich eine Absage erteilen.

Macht eines Menschen bedeutet auch immer Machtverlust eines anderen Menschen. Wenn wir unseren Machtverlust nicht länger hinnehmen, sollte doch noch einiges zu retten sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freiraum.


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