08. Juni 2015

Fifa-Skandal Was wusste Merkel?

Wenn nur die richtigen Leute getroffen werden...

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Bildquelle: shutterstock Schwarzes Schaf: Die Empörungsindustrie ist empört

Also sprach der große Clint Eastwood, 85, in einem Film der „Dirty Harry“-Reihe: „Wenn die richtigen Leute getroffen werden, ist gegen den Gebrauch der Waffe nichts einzuwenden.“ Derlei Sentenzen erregten vor Jahrzehnten linke Filmkritiker, Letzteres natürlich ein Pleonasmus. Der Spruch passt aktuell ganz gut zu den Aktionen der US-Justiz gegen die Fifa-Mafia. Aber, hallo! Muss es nicht korrekterweise heißen, gegen die „angebliche Fifa-Mafia“? Knallhart bewiesen ist da noch nicht sehr viel. Und wie sind die Amis denn an die Daten – die angeblichen Daten – rangekommen, mit denen sie die (angeblichen) Fifa-Paten grillen möchten? Doch wohl auch mit dubiosen, wenn nicht gar illegalen Methoden. Telefonate abhören, E-Mail-Konten knacken, observieren, Bewegungsprofile anfertigen, Gespräche belauschen. Und das soll vom FBI bewerkstelligt worden sein, das sich eher selten mit Ruhm bekleckert? Liegt es nicht nahe, dass dabei auch die NSA ihre Finger im Spiel hatte? Womöglich mit Unterstützung deutscher Dienste? Was hat Merkel gewusst?

Es fällt auf, dass die Crème des „investigativen Journalismus“, die sich seit den Snowden-Leaks die Fingerkuppen wund hackt, um die NSA-Affäre ungeachtet des Desinteresses breiter Kreise am Kochen zu halten, bei diesen Fragen mucksmäuschenstill bleibt. Der famose „Rechercheverbund NDR, WDR und ‚Süddeutsche Zeitung‘“ zum Beispiel, der sich in die Details der No-Spy-Chose verbissen hat wie das Wiesel in die Maus, müsste er nicht im Fall Fifa schwerste Bedenken tragen?

Nichts davon gehört. Die emsig Daten fischenden Amis, ansonsten das Schreckgespenst deutscher Datenwächter, sie können ja durchaus auch mal Gutes tun. Wenn sie die Bösen ausspähen. Und wer die Bad Guys sind, steht für die Empörungsindustrie sowieso längst fest. Datenschutz und Unschuldsvermutungen fliegen unverzüglich über Bord, sobald der Zweck die Mittel heiligt.

Halten wir fest: Nie hat es in der veröffentlichten Meinung nennenswerten, nachhaltigen Gegenwind gegeben, wenn der Staat den Hehler machte und geklaute Steuer-CDs ankaufte. Auf denen sich selbstredend auch die Daten von korrekten Steuerzahlern befanden.

Über eine gescheiterte Managerexistenz namens Thomas Middelhoff, 62, aber auch alles auszugraben, was der Kerl geschäftlich und privat so getrieben hat, noch den kleinsten Stein in seinem Leben umzudrehen, das ist für Investigative eine Sache der Berufsehre. Eine Rüge verdient hingegen, nach Ansicht des Deutschen Presserates, die „Bild“-Zeitung, weil sie das Foto eines Mädchenmörders unverpixelt gedruckt hat. Denn der „Bub“ (wie die „Süddeutsche Zeitung“ jugendliche Kriminelle gern verniedlicht) war zur Tatzeit erst 16 Jahre alt. Außerdem sei der Mord laut Presserat „eine schwere, nicht jedoch außergewöhnlich schwere und in ihrer Art und Dimension besondere Straftat“ gewesen.

Was in Deutschland zuverlässig überlebt, ist der Datenschutz. Beziehungsweise der Jugendschutz.

Überhaupt, unsere Investigativbranche! Seitens der öffentlich-rechtlichen Anstalten und einiger mit ihnen verbandelten privaten Blätter werden erstaunliche Anstrengungen unternommen, um der Öl-, Gas- und Kohlebranche Schweinereien nachzuweisen, Risiken aufzuzeigen, Profiteure bloßzustellen. Die deutsche Kampagne gegen das Fracking, von weiten Teilen der Medien wohlwollend eskortiert, trägt mittlerweile Züge einer konzertierten Aktion, wie man sie so höchstens beim – bekanntlich von der DDR und ihren westdeutschen Vorfeldorganisationen tatkräftig unterstützten – Kampf gegen die Nachrüstung in den frühen 1980ern bewundern konnte.

Der ökoindustrielle Komplex dagegen, kaum weniger finanzmächtig, politisch bestens vernetzt und bestimmt nicht weniger korrumpierend als die niedergehenden Energiekonzerne klassischer Herkunft, muss sich keine großen Sorgen machen, von grimmigen Recherchecracks ausgeforscht zu werden.

Allenfalls wird mal eine skurrile Erscheinung wie der bezopfte Prokon-Pleitier Carsten Rodbertus, dessen Scharaden den Ruf der gesamten Windradindustrie beschädigten, energisch durchs Medienspalier getrieben.

Es gab übrigens auch Versuche, Rodbertus privatim auf die Pelle zu rücken. Gerügt hat das meines Wissens niemand.

Im Fall Fifa schaut es ganz so aus, als sei die US-Justiz dabei, den richtigen Stall auszumisten. Bloß ändert das nichts am Umstand, dass Datenschutzphile, Spionagephobe und Medienethikritter gern mit zweierlei Maß messen.

Gegen den Gebrauch der Kanone haben sie nichts einzuwenden, wenn die richtigen Leute getroffen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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