21. Juni 2015

Kriminalität Bitte keine Diskriminierung

Guter Journalismus und schnörkellose Polizisten

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Bildquelle: shutterstock Hat noch eine Frage: Kriminalkommissar

Unschöne Sache, die unsere Lieblingsnachrichtentante dpa jüngst vermeldete: „Bei zwei brutalen Raubüberfällen in Celle sind fünf Unbekannte mit Gewalt in die Wohnungen ihrer Opfer eingedrungen und haben sie mit Schlägen, Tritten, Reizgas und Stichen traktiert. Zunächst klingelten und klopften die fünf in der Nacht zum Sonntag bei einem 22-Jährigen, teilte die Polizei mit. Als er öffnete, wurde er mit körperlicher Gewalt und Reizgas angegangen und in den Bauch gestochen. Auch seine Frau, die mit einem Kleinkind in der Wohnung war, wurde getreten. Die Täter erbeuteten einen Laptop und eine Playstation. Der 22-Jährige kam mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus.“

Weiter im dpa-Text: „Beim zweiten, 25 Jahre alten, Opfer traten die Täter die Türe ein, als ihnen nicht geöffnet wurde. Mit Reizgas, Schlägen und Tritten hielten sie den im Bett liegenden Mann in Schach und entkamen mit Bargeld und einem Mobiltelefon. Die Polizei konnte am Montag noch nicht sagen, inwiefern die 20 bis 25 Jahre alten Täter ihre Opfer kannten oder gezielt ausgesucht hatten. Auch ob es eine Beziehung zwischen den beiden Opfern oder zwischen ihnen und den Tätern gibt, war zunächst unklar.“

Hier erkennen wir lupenreinen Qualitätsjournalismus, den das „Hamburger Abendblatt“ (traditionelles Motto: „Seid nett zueinander“) sowie eine Reihe von niedersächsischen Zeitungen und Internetportalen wortgetreu übernahmen. Er, der dpa-Text, schürt erfreulicherweise keine Vorurteile, verleitet nicht zu vorschnellen Schlüssen und gefährdet nicht das friedliche Zusammenleben der Kulturen.

Und was macht die Celler Polizei? Sie macht alles kaputt. Über das Netzwerk „ots“ der dpa-Tochter „News aktuell“, das leider nicht nur für Pressefritzen, sondern für jedermann einsehbar ist, verbreitet sie, anders als unsere verantwortungsbewussten Medien, detaillierte Täterbeschreibungen. Lesen Sie selbst:

„Die Hintergründe zu beiden Taten liegen derzeit noch im Unklaren. Dennoch geht die Polizei, aufgrund der Begehungsweise, von einer Tätergruppe aus, die dabei recht brutal und skrupellos gegen die Bewohner vorging. Lediglich in einem Fall konnten Personenbeschreibungen erlangt werden. Die Personen waren zwischen 20 und 25 Jahren alt und zwischen 170 und 180 Zentimeter groß. Die Zusammensetzung (der) Tätergruppe habe aus südländischen und osteuropäischen Männern bestanden. Die erste Person, vermutlich arabischer Herkunft, habe ein schwarzes Basecap mit dem Schirm hinten getragen. Weiter trug er eine Sonnenbrille, schwarze Hose und eine schwarze College-Jacke mit Lederärmeln und weißer Aufschrift. Er soll mit Reizgas gesprüht haben. Die zweite Person, vermutlich Osteuropäer, trug einen Vollbart und schwarze mittellange Haare. Die dritte Person, vermutlich türkisch/kurdischer Herkunft, habe kurze schwarze Haare gehabt. Auch er habe eine Sonnenbrille, ein giftgrünes T-Shirt und eine schwarze dreiviertellange Hose getragen. Diese Person habe geschlagen und getreten. Die vierte Person, vermutlich Südländer, habe schwarze Haare gehabt und ein weißes T-Shirt und eine schwarze Jogginghose getragen. Diese Person habe ebenfalls mit Reizgas gesprüht und getreten. Von der fünften Person ist lediglich bekannt, dass sie einen dunklen Teint besaß.“

Araber. Osteuropäer. Türke/Kurde. Südländer. Und dann auch noch einer mit „dunklem Teint“. Wie xenophob beziehungsweise rassistisch ist das denn? Und es stößt in eine Stimmungslage, in der hysterische Ängste vor der, nun ja, ein ganz klein wenig angestiegenen Raub- und Einbruchskriminalität grassieren. In einem Land, wo dumpfe Vorgartennazis ihre Spießerhütten zu Festungen umbauen. Wo Panzerriegel und Funkalarmanlagen sich wie warme Semmeln verkaufen.

Was die konkrete Faktenlage im Celler Fall betrifft, wie ist sie überhaupt? Könnten die Opfer sich in der Stresssituation nicht vertan haben? Vielleicht waren die Räuber doch eher blonde, blauäugige Biodeutsche? Etwa Burschenschaftler, die in der Gegend eine ihrer Sauforgien abgehalten haben? Oder verkleidete Neonazis, die Menschen mit Migrationshintergrund stigmatisieren wollten? Treibt auch in Celle womöglich der Verfassungsschutz ein dunkles Spiel?

Man wird ja wohl noch fragen dürfen.

In den Richtlinien des deutschen Presserates heißt es eindeutig: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“

Wird Zeit, auch die Polizeipressestellen in diesen Kodex einzubinden. Grüne Kreise verlangen längst, dass die Namen überführter oder mutmaßlicher Täter in Medienberichten vollständig anonymisiert werden. Wenn nämlich im Zusammenhang mit Wohnungseinbrüchen, Straßenräubereien, Überfällen auf Supermärkte, Tankstellen, Spielhallen, Imbisse, Taxifahrer oder Pizzaboten immer wieder von Sanel A., Ali B., Dusan C. oder Igor D. die Rede ist, kommt mancher auf dumme Gedanken.

In Fahndungsaufrufen der Polizei wollen wir künftig keine diskriminierenden Details lesen. Bereits die Nennung bestimmter Tatorte (Hamburg-Hammerbrook, Duisburg-Marxloh, Bonn-Bad Godesberg und so weiter) kann Vorurteile schüren und ausgrenzend wirken.

Fahndungsaufrufe sollten kurz, prägnant und schnörkellos sein. Etwa so: „In Deutschland wurde heute ein Verbrechen verübt. Bitte unterstützen Sie uns bei der Aufklärung. Ihre Polizei.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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