13. Juli 2015

Finanzkrise Die falsche Richtung

Gebt den Bürgern die Hoheit über ihr Geld zurück

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Bildquelle: shutterstock Schuldenpolitik: Ende der Fahnenstange?

Zu sagen, unser Wirtschafts- und Finanzsystem sei in eine gewisse Schieflage geraten, lässt ein völlig falsches Bild entstehen. Es suggeriert nämlich, dass sich diese Schieflage mit einigen Eingriffen und technischen Maßnahmen der ökonomischen Klempner, gemeinhin auch Politiker und Zentralbanker genannt, lösen ließe. Tatsächlich ist das System in einem Strudel unrettbar gefangen. Diesen Strudel hat es selbst ausgelöst.

Die Auswirkungen dieses Strudels sind inzwischen weltweit spürbar, und weltweit ist die Ursache immer dieselbe: Zu viel Geld, also zu viele Schulden und zu viele Kredite. Kredite, die aus dünner Luft geschöpft werden und hinter denen keinerlei Ersparnisse stehen, führen rund um den Globus zu immer mehr und immer größeren Blasen. In China beispielsweise war dies der Treibstoff für eine gewaltige Aktienhausse, welche die Kurse des Shanghai Composite Index innerhalb von nur zwölf Monaten nahezu verdreifachte. Erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes verschuldeten sich die Chinesen für ihre Aktienspekulationen, anstatt Erspartes zu investieren.

In Nordamerika haben sich einmal mehr gewaltige Blasen gebildet – diesmal nicht nur am Aktien- und Immobilienmarkt, sondern insbesondere bei Auto- und Bildungskrediten. In Europa ist es nicht alleine das wirtschaftlich völlig unbedeutende Griechenland, das eine Krisenwelle nach der anderen durch den Kontinent schickt. Portugal, Spanien, Italien oder auch Frankreich haben sich längst hinter Griechenland eingereiht. Wer übrigens glauben sollte, dass Deutschland die Lichtgestalt der EU sei, sollte einen kurzen Blick auf die implizite Verschuldung der Bundesrepublik riskieren: In wenigen Jahren werden vor allem die Kosten unserer Rentensysteme kaum mehr tragbar sein. In der Folge wird sich die Verschuldung der Bundesrepublik drastisch und schnell erhöhen.

Überall herrschen ähnliche Probleme, und überall wird in ähnlich falscher Weise darauf reagiert. In China hat die Regierung bereits erste Stützungsmaßnahmen für die Aktienmärkte unternommen, und es darf davon ausgegangen werden, dass dies nur der Anfang war. Dabei wurde die Aktienblase nicht zuletzt dadurch ausgelöst, dass Peking im vergangenen Jahr nicht nur die Leitzinsen, sondern auch die Mindestreserve für Banken mehrfach gesenkt hatte. So wurde es überhaupt erst möglich, dass verstärkt Kredite für Aktienspekulationen ausgereicht wurden. Aber immerhin können sich die Chinesen die Stützungskäufe (noch) leisten und müssen nicht auf frisch gedrucktes Geld zurückgreifen.

In Nordamerika werden die Rufe immer lauter, den angeschlagenen Finanzierern von Leasingkrediten zu helfen. Für Studenten werden ohnehin schon lange Hilfsprogramme gefordert, die ihnen aus der Schuldenfalle Ausbildung heraushelfen sollen. Dabei gibt die Zentralbank seit Jahren geldpolitisch Vollgas, und auch das vorgebliche Ende der QE-Programme ändert daran wenig. Denn die Operation Twist ist ein adäquater Ersatz hierfür. Die für den Herbst angedeutete Zinserhöhung wird vermutlich, nicht zuletzt angesichts des bevorstehenden Präsidentenwahlkampfs, immer nur eine Andeutung bleiben. In Europa wird ebenfalls seit vielen Jahren versucht, die Krise mit einem Mehr an Geld zu lösen. Seit Januar 2015 läuft das größte Ankaufprogramm für Staatsanleihen, wodurch der Kurs des Euro zwar auf Talfahrt geschickt, die Krise aber keinesfalls gelöst wurde.

Alle Rettungs- und Hilfsprogramme führen letztlich immer tiefer in die Krise. Denn statt die wirtschaftlichen Bereinigungen zuzulassen, wurden sie seit mehr als 30 Jahren immer wieder verhindert. Hierdurch wurde die Fallhöhe so weit nach oben geschraubt, dass nun jede Bereinigung das Potential hat, unser Wirtschaftssystem zum Kollabieren zu bringen. Also muss inzwischen jede Bereinigung durch staatliche und mittels Schulden finanzierte Eingriffe verhindert werden. Diese Eingriffe aber lassen das Ende der Fahnenstange immer schneller näher kommen. Diese markiert das Ende der Schuldentragfähigkeit, und die meisten Staaten nähern sich ihr langsam aber sicher.

Hierin darf man auch einen der tatsächlichen Gründe für die forcierte europäische Einigung sehen. Spanien, Frankreich oder Italien können ihre Schulden alleine nicht mehr lange schultern. In einem größeren System allerdings könnte noch einmal weiter aufgeschuldet werden. Deshalb wird man auch Griechenland niemals aus der Währungsgemeinschaft entlassen. Wäre ein Verlassen der „Aufschuldungsunion“ nämlich möglich, würden die Investoren ihr nicht genug Vertrauen entgegenbringen. Die Idee einer verstärkten Kreditaufnahme mittels einer größeren politischen Einheit wäre dann unmöglich.

Da dieser Ansatz jedoch immer weiter in die Verschuldung führt, kann er logischerweise kein Ausweg aus dem Schuldenproblem sein. Denn in Spanien oder Italien (diese beiden Länder nur als Beispiel, letztlich könnte man nahezu jedes westliche Land nehmen) wird sich auch in einem größeren Konglomerat nichts ändern. Im Gegenteil – dadurch, dass dann die Schuldenlast von mehreren Schultern getragen werden müsste, würden die Länder doch nur dazu ermutigt, sich noch schneller zu verschulden – das klassische Moral-hazard-Problem.

Anstatt sich also in immer größere und zentralistisch geführte Einheiten zu flüchten, bestünde die Lösung im Gegenteil. Kleinere Einheiten, die die regionalen Gegebenheiten und Probleme besser verstehen, in denen vielleicht sogar eine Art sozialer Kontrolle durch die Bevölkerung möglich wäre (siehe Island) und die insgesamt durch echten Freihandel verbunden sind, wären sehr viel stabiler und flexibler im Umgang mit größeren Krisen. Die Ideen „Europa der Regionen“ und „Europa der Vaterländer“ weisen in diese Richtung ebenso wie die Subsidiarität, immerhin ein Gründungsprinzip der EU. Von allen diesen Ideen aber hat sich Brüssel schon vor langer Zeit verabschiedet.

Dies ist allerdings nur der eine Aspekt. Noch viel wichtiger wäre es, endlich zu einem Geldsystem zurückzukehren, dass der staatlichen Ausgabenwut natürliche Grenzen auferlegt und so die Möglichkeit staatlicher Rettungseingriffe in das Wirtschaftssystem von vornherein unterbindet oder zumindest minimiert. Hierfür muss einerseits das Zentralbanksystem abgeschafft werden. Dank den Zentralbanken nämlich konnte das heutige Teilreservesystem überhaupt erst in dem gewaltigen Ausmaß implementiert werden. Hierdurch wiederum wurde es dem Staat erst möglich, eigentlich unbezahlbare Unternehmungen doch zu finanzieren. Galt dies zunächst insbesondere für Kriege, wie der ehemalige Bundesbank-Chef Axel Weber jüngst in einem Gastbeitrag für die „Handelszeitung“ bestätigte, so werden heute vor allem Sozialsysteme und immer massivere Wirtschaftseingriffe darüber finanziert.

Andererseits muss den Bürgern die Hoheit über ihr Geld zurückgegeben werden. Nur wenn der Bürger selbst darüber entscheiden kann, was er als Geld verwenden will, womit er bezahlen und bezahlt werden möchte, kann das Geld- und Finanzsystem zu nachhaltiger Stabilität zurückfinden. Sobald den Banken die Möglichkeit zur Geldschöpfung genommen wird, werden auch die kreditgetriebenen Spekulationswellen mangels zur Verfügung stehenden Geldes ein Ende finden. Ohne Zentralbanken gäbe es keine künstlichen Zinsmanipulationen mehr: Die Zinsen für Kredite würden endlich wieder in adäquater Weise die Risiken von Investments widerspiegeln und so die dramatischen Fehlallokationen von Kapital verhindern. Nicht zuletzt kann sich der Bürger dann der staatlichen Inflationssteuer durch die Verwendung von kaufkraftstabilem Geld entziehen.

Die entscheidende Frage ist somit nicht, ob Griechenland oder Deutschland die Euro-Zone verlassen soll, sondern die Frage nach dem Geldsystem. Kann es gelingen, die Bürger für die Problematik eines Systems, in dem Geld durch Kredit geschöpft wird, zu sensibilisieren? Kann man sie davon überzeugen, dass sie die langfristigen Folgen wie Kaufkraftverluste und Überschuldung tragen müssen, obwohl sie die kurzfristigen Vorteile wie beispielsweise großzügige Sozialsysteme oder günstige Kredite sehr viel direkter wahrnehmen?

Falls ja, haben die Gesellschaften immer noch die Chance, den breiten gesellschaftlichen Wohlstand zu bewahren beziehungsweise neu zu bilden. Auch die individuellen Freiheiten würden dann bewahrt bleiben, und die Gesellschaften würden wieder beginnen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig und kulturell zu prosperieren. Falls nein, wird Griechenland in nicht allzu ferner Zukunft überall sein.

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