23. Juli 2015

Glaube und Kapitalismus Religionskrieg um Schuld(en)?

Zum Einfluss der Konfessionen in Europa

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Bildquelle: shutterstock Der Mensch steht direkt vor Gott: Martin Luther

Als ich letzte Woche die „Süddeutsche Zeitung“ aufschlug, sprang mir ein Zitat ins Auge, das ich mir gleich notierte. Emmanuel Macron, Wirtschaftsminister in der Regierung des sozialistischen Präsidenten Hollande im laizistischen Frankreich, habe demnach die quälende Debatte um die Griechenland-Euro-Krise mit der Aussage kommentiert: „Es gibt eine Art Religionskrieg zwischen dem calvinistischen Nordeuropa, das den Sündern nicht verzeihen will, und einem katholischen Südeuropa, das dies alles hinter sich lassen will.“

In diesem griffigen Zitat findet sich eine Menge „klassischer“ Religionssoziologie. So bezieht sich die Aussage vom „calvinistischen Nordeuropa“ auf Max Weber (1864 - 1920), der die These vom „protestantischen Arbeitsethos“entwickelt hatte: Weil evangelische (vor allem: calvinistische) Christen keine sichere Heilszusage durch ihre Kirchen mehr erhalten konnten, sondern selbst direkt vor Gott standen, hätten sie Erfolg im wirtschaftlichen Leben als Zeichen göttlicher Zuwendung gedeutet. Und da zugleich das Zeigen von Luxus evangelisch verpönt gewesen sei, habe sich ein Zyklus aus Schaffen, Sparen und Investieren als Triebkraft des Kapitalismus entwickelt.

Und tatsächlich ist kaum zu leugnen, dass evangelisch geprägte Gesellschaften durchschnittlich wirtschaftlich deutlich erfolgreicher sind als ihre christlich-katholischen und christlich-orthodoxen Pendants. Schnell landet man hier beim Klischee des protestantisch-strebsamen, aber auch freudlos-kapitalistischen Nordens und des katholisch-entspannteren, aber auch ärmeren Südens. Schon der Blick auf Deutschland (mit dem dominant katholischen Bayern an der wirtschaftlichen Spitze) oder auf die norditalienische Lombardei zeigt jedoch, dass es ganz so einfach nicht zu sein scheint.

Jüngere empirische Forschungen zum Beispiel von Ludger Wößmann & Sascha Becker weisen daher auf eine starke Alternativhypothese: Demnach habe das evangelische Bestehen darauf, dass jeder Mann und jede Frau selbst die Bibel zu lesen und zu verstehen habe (Priester einem dies nicht mehr „abnehmen“ konnten), einen enormen Alphabetisierungs- und Bildungsschub ausgelöst. Dieser habe dann auch wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungsprozesse ausgelöst. Dafür spricht meines Erachtens auch die enorme Rolle evangelischer Pfarrfamilien in der Formation des europäischen Bildungsbürgertums – zu dem aber selbstverständlich auch zum Beispiel katholische und jüdische Bürgerinnen und Bürger hinzutraten (und -treten). Konfessionen könnten demnach Entwicklungspfade beeinflussen, aber nicht auf alle Ewigkeit hin festlegen – wie zum Beispiel heutige bayerische Gymnasiasten im Vergleich zu ihren Bremer Pendants beweisen.

Von Schuld und Schulden

Eng mit der Weber-These verbunden ist auch die inzwischen populäre Vermutung, dass evangelische und katholische (sowie orthodoxe) Christen das Thema „Schuld und Schulden“ unterschiedlich wahrnehmen. So sei im Protestantismus letztlich jeder Mensch für seine eigene Schuld direkt verantwortlich – entsprechend seien auch finanzielle Schulden unbedingt zu tilgen! In katholischen und orthodoxen Kulturen habe sich dagegen die jeweilige Kirche als „Gnadenanstalt“ etabliert, deren Aufgabe es sei, Schuld auch zu vergeben – entsprechend beharrten katholische und orthodoxe Christen auch darauf, von drückenden Schulden „gnädig erlöst“ zu werden.

Freilich könnte man fragen, warum denn katholische und orthodoxe Christen darauf bestehen sollten, ihren eigenen – wirtschaftlich erfolgloseren – Weg immer weiter zu gehen, statt endlich die Rezepte ihrer erfolgreicheren, evangelischen Geschwister zu übernehmen? Doch dieses Argument setzt bereits voraus, dass wirtschaftlicher Erfolg der einzige oder doch höchste Wert von Kulturen sei.

Wirtschaftlicher oder demographischer Erfolg

Dem kann freilich entgegnet werden, dass sich gerade auch das evangelische Christentum in Europa durch wirtschaftlichen Erfolg selbst abschafft: Höhere Bildung, höherer Wohlstand und vor allem höhere, existentielle Sicherheit führen schließlich zu stärkerer Säkularisierung sowie (damit verbunden) auch zu niedrigeren Geburtenraten. Ein sogar globaler Effekt lässt sich in deutschen Zuwanderungsstatistiken erkennen: Evangelische Christen wandern selten nach Deutschland ein – schlicht und ergreifend weil sie es selten nötig haben. Dagegen kommen aus Süd- und Osteuropa vor allem katholische und orthodoxe Christen sowie (Platz drei) Muslime ins Land.

Viele spannende Vermutungen, zu wenig empirische Forschungen

So bleibt also festzuhalten, dass sich aus der klassischen Religionssoziologie bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe sehr spannender Thesen und Vermutungen bis in unsere Zeit hinein gehalten hat. Doch die gerade unter Sozial- und Geisteswissenschaftlern verbreitete Fehlannahme, dass Religionen mit fortschreitender Modernisierung ohnehin ihre Kraft und Bedeutung verlieren würden, hat zu einem Mangel an ordentlichen, vor allem empirischen Forschungen zu diesen Fragen geführt – von wenigen, neueren Lichtblicken abgesehen. Sonst wüssten wir heute mehr auch über das Verhältnis von evangelisch, katholisch und orthodox geprägten Menschen und Milieus zu Wirtschaft, Bildung, Demographie und dem Umgang mit Schuld(en).

(Um nicht nur finanzpolitische, sondern tatsächlich gewaltförmige „Glaubenskriege“ geht es in meinem neuen Buch „Öl- und Glaubenskriege. Wie das schwarze Gold Politik, Wirtschaft und Religionen vergiftet“.)

Michael Blume, „Öl- und Glaubenskriege“ (amazon.de)

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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