30. Juli 2015

Wirtschaftspolitischer Kommentar Warum man aus Erfahrung nicht immer klug wird

Mit Tatsachen lässt sich nichts beweisen

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Bildquelle: shutterstock Muss irgendwann platzen: Fiatgeld-Blase

Die Euro-Krise hätte verhindert werden können, hätte man nur frühzeitiger und beherzter gehandelt: Man hätte die Zinsen nur früher senken, die Geldmenge stärker ausweiten und die Staatsschulden vergemeinschaften müssen. Oder: Der Sozialismus hätte funktioniert, wären nur verantwortungsvollere und maßvollere Personen an die Schalthebel der Macht gesetzt worden. Oder: Die Hyperinflation im Deutschen Reich 1923 war ein Unglücksfall, kein zwangsläufiges Schicksal des ungedeckten Geldes.

Alle vorangegangenen Aussagen haben etwas gemeinsam: Sie nehmen eine geschichtliche Erfahrung zum Ausgangspunkt und geben vor, die Gesetzmäßigkeiten zu kennen, die das jeweilige geschichtliche Ereignis herbeigeführt haben, beziehungsweise sie deuten an, dass bestimmte Maßnahmen zu einem bestimmten (besseren) Ergebnis geführt hätten.

Geschichtliche Ereignisse zeigen zunächst einmal, dass sich dieses oder jenes in einer bestimmen Weise zugetragen hat. Um sie aber überhaupt erst erfassen zu können, brauchen wir Menschen eine Theorie. Ohne Theorie lässt sich keine Erfahrung (welcher Art auch immer) machen. Anders gesprochen: Erfahrung ist immer theorieabhängig.

Eine Frage, die sich hier aufdrängt, lautet: Lassen sich aus geschichtlicher Erfahrung ökonomische Gesetzmäßigkeiten gewinnen? Zusammenhänge also, die immer und überall Geltung beanspruchen können?

Im Bereich der Naturwissenschaften (wie zum Beispiel der Physik) lassen sich aus Erfahrung Gesetzmäßigkeiten ableiten, lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die immer und überall gelten – beispielsweise, dass sich Körper durch Erhitzen ausdehnen oder dass Gegenstände zu Boden fallen. Sie lassen sich durch Experimentieren aufdecken. Ganz anders verhält es sich jedoch im Bereich des menschlichen Handelns.

Menschen handeln zu bestimmten Zeitpunkten in einer bestimmten Weise aufgrund bestimmter Motive und Wertvorstellungen. Die Geschichte des menschlichen (Zusammen-) Handelns ist so gesehen einmalig. Hier lassen sich keine wiederholbaren Erfahrungen machen, wie es in den Naturwissenschaften möglich ist: Der handelnde Mensch und in der Regel auch die Umstände, unter denen er handelt, sind im Zeitablauf nicht unveränderlich.

Die Erfahrung über menschliches Handeln ist stets ein individuelles, ein nicht reproduzierbares. Weil es im Bereich des menschlichen Handelns keine gleichartigen Erfahrungswerte gibt, aus denen sich eine Regelmäßigkeit herauslesen ließe, kann man aus Vergangenem auch keine Gesetzmäßigkeiten ergründen. Geschichtliche Ereignisse können „nur“ darüber Auskunft geben, dass sich dieses oder jenes zugetragen hat, weil Menschen aus bestimmen Gründen in einer bestimmen Weise gehandelt haben.

Die Logik des menschlichen Handelns

Wenn sich aus der Erfahrung keine ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gewinnen lassen, wie lassen sie sich dann gewinnen? Man braucht sie ja schließlich, damit man durch das Handeln auch zu den angestrebten Zielen gelangt. Die Antwort muss an dieser Stelle kurz ausfallen: Ökonomische Erkenntnisse lassen sich erfahrungsunabhängig aufspüren. Sie leiten sich ab aus der Logik des menschlichen Handelns. Man weiß, dass der Mensch handelt. Man kann diesem Satz nicht widersprechen, ohne in einen Widerspruch zu geraten. (Wer sagt: „Man kann nicht handeln“, der handelt ja – und widerspricht dem Gesagten.)

Aus dem nicht widerlegbaren Satz „Der Mensch handelt“ können weitere nicht widerlegbare Erkenntnisse abgeleitet werden. Zum Beispiel, dass das Handeln den Einsatz von Mitteln erfordert; dass Handeln Zeit erfordert; dass der (Grenz-) Nutzen einer Gütermenge mit seiner steigenden Verfügbarkeit abnimmt. Mit diesen (kategorialen) Erkenntnissen lassen sich richtige Theorien im Bereich des menschlichen Handelns erkennen: Und das sind solche, die sich widerspruchsfrei aus dem Satz „Der Mensch handelt“ ableiten lassen.

Man kann auf diesem Wege auch falsche Theorien erkennen. Mit Blick auf die eingangs aufgeführten Aussagen lässt sich etwa das Folgende sagen: Das Euro-Fiat-Geld muss notwendigerweise zu Wirtschaftsstörungen führen, die Probleme, die das Fiat-Geld verursacht, lassen sich nicht durch Niedrigzinsen oder Geldmengenvermehrung aus der Welt schaffen; und der Sozialismus kann nicht funktionieren, weil ihn ihm keine Wirtschaftsrechnung möglich ist.

Man sollte nun nicht meinen, Erfahrungen würden helfen, ökonomische Irrtümer zu überwinden und falsche Theorien zu entzaubern. Mit Tatsachen lässt sich nichts beweisen oder widerlegen. Entscheidend ist die Deutung, die man den gemachten Erfahrungen gibt, und die hängt von der „Theoriebrille“ ab, durch die man schaut. Beispielsweise könnten Befürworter des Sozialismus argumentieren, dass die Misserfolge des Sozialismus nicht ihm, sondern anderen Umständen zuzuschreiben sind und dass bei Beachtung dieser Umstände der Sozialismus bei einem erneuten Versuch funktionieren wird. Sie werden nichts anderes sehen (wollen), was ihrer Theorie widerspricht.

Zuerst die richtige Theorie

Das Gesagte mag vielleicht schon genügen, um zu zeigen, wie bedeutsam die Theorie ist. Im Bereich des menschlichen Handelns gibt es Gesetzmäßigkeiten, an die sich das Handeln anzupassen hat, wenn es erfolgreich sein soll. Hier lassen sich richtige (im Sinne von widerspruchsfreien) Theorien aufspüren, die es erlauben, Erfahrungen richtig zu deuten.

Aus Erfahrung wird man nicht zwangsläufig klug. Man wird es nur, wenn man die Erfahrung mit der richtigen Theorie interpretiert. Die richtige Theorie aber lässt sich nicht durch Erfahrung gewinnen, sondern nur durch „strenges Denken“: Richtige Theorien des menschlichen Handelns leiten sich aus der unwiderlegbaren Erkenntnis „Der Mensch handelt“ ab. Anders gesprochen: Man muss nicht erst schlechte Erfahrungen machen, um erkennen zu können, welche ökonomischen Theorien richtig und welche falsch sind. Man kann es vorab wissen. 

Dieser Artikel erschien zuerst im Degussa Marktreport vom 17. Juli 2015.


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