10. August 2015

Lebensplanung Die Stigmata der Quarterlife-Kinder

Hoffnung auf die Streber von außerhalb

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Bildquelle: shutterstock Planlos und infantil: Deutsche Studenten

Kriegsflüchtlinge und Einwanderer in einen Topf zu werfen und kräftig umzurühren gehört mittlerweile zur eingeübten Medienpraxis. Reden wir heute einmal über Einwanderer, über Menschen, die in der Regel nicht vor Kriegen fliehen, aber aus ihren engen Verhältnissen ausbrechen und oft nur mit einem Koffer in Deutschland ankommen, dafür aber mit gewaltigen Ambitionen. Vor kurzem schrieb der Achse-des-Guten- und „Welt“-Autor Filipp Piatov über die bitteren Klagen mittelschichtiger biodeutscher Studenten und Studentinnen, die sich der Verwertungslogik des Kapitals schon durch Studienfachwahl entziehen, dann aber feststellen, dass sie den Bedarf an Politikwissenschaftlern, Psychologen, Sozialpädagogen und Medienbachelors im steuerfinanzierten Teil des Landes doch etwas überschätzten. Piatov, der mit seinen Eltern als Kind aus Russland nach Deutschland kam, begann hier ein BWL-Studium, hatte schon lange vor dem Diplom Jobangebote in der Tasche und baut mit 24 gerade sein Start-up auf. Nebenbei schreibt er noch. Beispielsweise: „Wer das Falsche studiert, wird keinen Job finden.“

Es ist erstaunlich, wie schnell ein Migrant mit diesen und anderen Betrachtungen über Wohlstandskinder linksgute Deutsche auf die Palme bringen kann. Über Piatov brach der übliche Twitteraufschrei verletzter Seelen herein. Auf einer schwerdiskursiven Diskursseite fragte sich ein nach Marxistischer Gruppe der frühen 90er klingendes Autorenkollektiv: „Wen meint der Russe?“

Sobald sich Einwanderer mit den falschen Meinungen und Erfahrungen ertappen lassen, ist unter den Buntrepublikanern nämlich schnell Schluss mit lustig. Dann hat der Russe lang genug genervt. Aber das nur nebenbei.

Neue Erklärerin der nicht mehr so ganz taufrischen Generationserfindung Y ist die Autorin Tabea Mußgnug, die von ihrem Druck und dem ihrer Mitstudenten berichtet, sich mit 26 allmählich überlegen zu müssen, was man eigentlich nach der Uni wollen könnte. Mußgnug macht das ziemlich gut: „Meine Mitbewohnerin, die so alt ist wie ich, beendete kürzlich ganz ernst einen Satz mit ‚Und dann saßen neben uns noch ein paar Erwachsene’. Ich glaube, das beschreibt ganz gut, wie es ist.“

Nach einer Umfrage von Studitemps unter 20.000 Studenten drängt die relative Mehrheit – 17 Prozent – nach wie vor in die Medienbranche. Der Automobilbau folgt abgeschlagen mit elf Prozent. Als Wunscharbeitgeber Nummer eins rangiert bei den Dies-und-das-mit-Medien-Studenten wiederum die ARD ganz oben.

Endlich nicht mehr die eigenen Meinungen und Deinungen über Klimawandel, gute grüne Energien und nicht so guten Kapitalismus für umme bei Facebook verklappen, sondern auf einem gutdotierten öffentlich-rechtlichen Arbeitsplatz unter ein ewig zahlendes Publikum bringen – ein Traum! Leider können ARD und ZDF nicht mehr jeden Kapitalismusflüchtling aufnehmen. Ein immer größerer Teil der Demokratieabgabe von sieben Milliarden pro Jahr geht nämlich für die Pensionen derjenigen drauf, die sich beizeiten im System zu installieren wussten.

Unter Mediendings-, Politikwissenschafts- und Psychologiestudenten ist es mittlerweile üblich, die Zahl der erfolglosen Bewerbungen in den sozialen Netzwerken wie Stigmata auszustellen. Die wenigsten schaffen es nämlich, aus der Unfähigkeit zur Lebensorganisation wie Mußgnug ein eigenes Buch über die Quarterlife-Krise zurechtzudengeln.

„Chrismon“, eine Art EKD-Erbauungsmagazin, nahm sich kürzlich in einem langen Artikel dieser verlorenen Kinder des Kapitalismus an.  Lisa, 21, möchte erst einmal einen Spanischkurs machen und reisen, danach vielleicht „Kunsttherapie in Holland studieren“. Ganz anders dagegen Maria, 22: Sie „wartet auf eine Studienplatzzusage für soziale Arbeit“ und hat gerade einen „Permakultur-Designkurs“ in Italien absolviert. Gut dem Dinge. Allerdings mag sich Maria „gar nicht vorstellen, für drei Jahre in einer Großstadt zu studieren; das würde mir die Freiheit nehmen, auch weiterhin zwischen Italien und Deutschland zu pendeln“. Später möchte sie mal einen Bauernhof besitzen, um „unabhängig zu sein vom normalen Leben“.

Stella, 21, kann schon auf eine lange Liste von Exlebensplänen zurückblicken: „Früher wollte ich mal Rapperin werden. Dann Schauspielerin, Maskenbildnerin, Köchin. Und jetzt: keine Ahnung.“ Und für die Karriere in der Grünen Jugend ist jetzt auch schon ein bisschen spät.

Nur zwei Mädchen fallen völlig aus der „Chrismon“-Reihe: Polina und Jelena, beide 22 und Zwillinge. Sie haben schon drei Jahre Zahnmedizinstudium hinter sich. Polinas Plan besteht darin, mit 25 als Zahnärztin zu arbeiten, Jenny will noch etwas weiter studieren, um Kiefern- und Gesichtschirurgin zu werden. Beide kamen wie Filipp Piatov als Kinder mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen und ohne Geld in der Hinterhand.

Wenn Filipp, Polina, Jelena und ein paar Zehntausend andere Streber von außerhalb sich in die dünner werdenden Reihen der deutschen Steuerzahler eingliedern, um Maria den Ökobauernhof zu subventionieren und irgendwelchen Julians und Johannas die Posten in einem Berliner Büro für Gerechtigkeit und Windradförderung, dann wird alles gut.

Wenn sie vor ihrem 30. Lebensjahr wieder auswandern, weil ihnen dieses Land zu seltsam vorkommt – dann allerdings hätten die Zurückgebliebenen großes Pech.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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