17. August 2015

Verstaatlichung der Familie, Teil eins Die Arbeitsplatzverwertbarkeit der Hausfrau

Ein lohnendes Geschäft für den Staat

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Bildquelle: shutterstock Erntezeit: Hochbetrieb

Der Arbeitstag beginnt morgens um sechs Uhr. Es ist Winter. Die Räume sind alle noch kalt.
Anna ist Mitte 40. Ihre Hände sind rauh. Aus der Holzkiste holt sie harzreiche Spansplitter und drei Holzscheite und zündet alles zusammen im Herd an. Als die Flammen stabil lodern, legt sie zwei Brikett nach und stellt einen großen Topf mit Wasser auf die Herdplatte.

Eine halbe Stunde später steht ihr Mann Alois auf. Er wäscht sich über dem Spülbecken mit dem kalten Wasser aus dem Hahn und zieht seinen Blaumann an, den Arbeitsanzug für die Werkstatt. Es gibt Milchkaffee und herzhaftes Mischbrot mit einfachem Belag: Leber- oder Blutwurst, Scheibenkäse und seit einem Jahr sogar wieder Margarine. Butter ist für sonntags vorgesehen.

Wir schreiben das Jahr 1950. Es gibt genug zu essen, jedenfalls sind alle Grundnahrungsmittel ausreichend vorhanden. Etwas anderes hat die Familie des qualifizierten Facharbeiters auch nie gekannt. Doch – direkt nach Kriegsende gab es Care-Pakete aus den USA mit ungenießbarer Erdnussbutter und Maiskörnern, die an die Hühner verfüttert wurden.

Ab sieben Uhr kommen die drei Kinder im Alter von sieben bis 13 aus den Betten. Für sie ist zum Waschen das warme Wasser auf dem Herd da. Ein bisschen Luxus in den kalten Wintertagen. Gemeinsam wird gefrühstückt. Die Kinder bevorzugen die selbst hergestellte Marmelade, und hin und wieder gibt es Gelee von den selbst gepflückten Johannis- und Stachelbeeren. Die Familie Heurich wohnt in einer firmeneigenen Mietwohnung, zusammen in einem Haus mit drei weiteren Parteien. Eine davon stammt aus dem Sudentenland und wurde dem kinderlosen Ehepaar in der Nachbarwohnung zugeteilt.

Sind Kinder und Mann aus dem Haus, fängt für Mutter Anna die Arbeit im und um das Haus an. Den Morgen nutzt sie zum Bettenlüften, mit Schrubber und Besen die Räume putzen, zum Konsum, dem Bäcker und dem Fleischer einkaufen gehen. Spätestens ab elf Uhr beginnt sie das Mittagessen vorzubereiten. Kartoffelschälen – das ist die Grundlage jeden Essens, Gemüse kochen, das weitgehend aus dem eigenen Garten kommt, ein wenig Schweinefleisch, eine Fleischwurst, freitags Heringe oder Schellfisch. Rindfleisch ist für die Woche zu teuer.

Freitags wird auch gewaschen. Dann werden mehrere Töpfe heißen Wassers vorbereitet. Die Kleider der Woche der ganzen Familie eingeweicht, mit Waschpulver, das es seit der Währungsreform wieder gibt, und je nachdem, ob es sich um Feinwäsche oder Unterwäsche handelt, auch gekocht. Das Auswringen ist Schwerstarbeit. Da müssen die Kinder helfen. Aufgehängt wird die Wäsche im Winter auf dem Dachboden, wo sie schon einmal zu einem Brett gefriert, im Sommer auf der Wäscheleine im Garten. Die Heurichs haben nämlich das Privileg, dass zu dem firmeneigenen Wohnhaus ein Gartengrundstück und eine kleine Wiese mit Wäschestangen gehören.

Für die Kinder heißt der Besitz eines Gartens aber „Mitarbeit“. Im Sommer, ob Schule oder Ferien, weckt der Vater um sechs Uhr morgens die Familie, und dann heißt es Garten gießen. Eine Pumpe bedienen, die Wasser aus einem Bachlauf ansaugt. Gießkannen füllen, sie über das ganze Gartengelände schleppen und so weiter. Nach der Schule oder in den Ferien müssen Raupen vom Kohl entfernt, Kartoffelkäfer und ihre hässlichen Larven abgelesen werden und dann geht wieder das Gartengießen los. Alle müssen mitmachen. Der siebenjährige Junge, die älteren Schwestern und natürlich Vater und Mutter. Schwerstarbeiten, wie den Boden umgraben, die Meerrettichwurzeln ausgraben, die Bohnenstangen schleppen und Ähnliches, bleiben dem Vater vorbehalten – vorzugsweise am Samstag.

Hochbetrieb herrscht zur Erntezeit. Weißkohl wird zu Sauerkraut gestampft, Bohnen entrippt und geschnippelt, Obst eingekocht – Tag für Tag. Vater und Mutter haben mindestens einen Zwölf-Stunden-Tag. Dafür konnte sich die Familie im Krieg und in der Zeit bis zur Währungsreform Gemüse leisten, musste zwar karge Kost hinnehmen, hungerte aber nicht.

Im Winter flickt Mutter Anna auch die Kleider, näht auf der unverzichtbaren Singer-Nähmaschine Kleider für die Mädchen, stopft die Löcher in Socken und Strümpfen. In den ersten warmen Tagen ist der Frühjahrsputz dran, und dann gibt es noch die Großwaschtage. Dazu kommt eine Hilfe. In den großen Bottichen wird die Bettwäsche gekocht und im Garten aufgehängt. Dazu ist Kraft und Erfahrung notwendig. Die Heurichs fühlen sich privilegiert. Der Arbeitgeber lädt jeden Sommer mehrere Holzmasten im Hof ab, die dann in zehn Zentimeter lange Stücke gesägt und zu Holzscheiten kleingehackt werden. Alle helfen mit. Weil sie Holz zum Heizen mitbringt,  erhält die ältere Schwester eine Lehrstelle als Schneiderin. Sie bringt jeden Morgen Holz in die Werkstatt, um dort den Ofen anheizen zu können.

Im wesentlichen lebte die Familie Heurich das Familienmodell, wie es sich seit dem Kaiserreich in Deutschland für die Millionen von Arbeitern, Facharbeitern, Angestellten und einfachen Beamten entwickelt hatte. Der Mann verdiente das Geld, die Frau arbeitete zu Hause. Es lag weitgehend an ihren Fähigkeiten, wie die Familie mit den knappen Ressourcen zurechtkam. Nur wenn beide „ihre Arbeit“ in dieser Aufteilung redlich bewältigten, konnte die Familie einigermaßen wirtschaftlich bestehen. Zwei Männer mordende Weltkriege und die wirtschaftliche Not, die bis weit in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts reichte, verlangten von den Frauen Schwerstarbeit, geschickte Planung und unendlich viel Fürsorge für Kinder und Mann.

Das sind die Frauen, die heute als die „Heimchen am Herd“ geschmäht werden, deren Arbeitsvolumen es möglich gemacht hat, dass wir heute in einem in Deutschland nie gekannten Wohlstand leben. Ja, sie hatten nicht die gleichen Rechte wie Männer, sie waren auch darauf angewiesen, dass „ihr“ Mann sie beschützte und genügend verdiente, damit sie im Alter von der gemeinsam erarbeiteten Rente wenigstens ein einfaches Auskommen hatten. Die Familie war wie ein gemeinsam geführtes Unternehmen. In vielen Handwerksbetrieben war es selbstverständlich, dass der Mann die Handarbeit verrichtete und die Frau das Büro führte. Steuerlich erkennt der Staat diese Unternehmensform durch das Ehegattensplitting an. Die beiden Partner, also Mann und Frau, arbeiten schließlich an einem Projekt: der Familie. Dazu gehörte auch die Betreuung und Erziehung der Kinder. Bis 1971 sind mehr als zwei Kinder eher die Regel – und das ohne Kindergeld, ohne kostenlose Kindergärten und in vielen Bundesländern noch mit Schulgeld für weiterbildende Schulen.

Wenn heute verächtlich über das „Heimchen am Herd“ gelästert wird, dann sind die Lebensumstände der 50er- und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gemeint. Doch die Arroganz und Verachtung, die dabei mitklingt, fällt auf die sich heute so fortschrittlich gebenden Frauen und Männer zurück. Denn die Frauen hatten damals einen Zwölf- bis 14-Stunden-Job und leisteten sicher mehr als heute manche kinderlose beamtete Akademikerfrau oder schlecht bezahlte Medienschaffende.

Der Wandel vollzog sich nicht mit einem Schlag, aber es gibt trotzdem ein Datum, von dem an sich die Familien in Deutschland veränderten. Es ist das Jahr 1971. Seither hat sich die Geburtenquote bei circa 1,4 Kindern pro gebärfähiger Frau eingependelt. Die „Anti-Baby-Pille“ hatte sich durchgesetzt. Diese Quote hat sich bis heute nicht mehr verändert. Die Zahl der Geburten hängt seither ausschließlich von der verfügbaren Frauenzahl ab, und da die Jahr für Jahr sinkt – auch der Babyboombauch hat mittlerweile die Wechseljahre hinter sich –, nimmt auch die Zahl der Neugeborenen langsam aber stetig ab.

Parallel dazu wurden Ende der 60er Jahre die Haushalte von einer Technisierungswelle überrollt, die sich dank des gestiegenen Lebensstandards auch fast alle Familien leisten konnten. Kühlschrank, vollautomatische Waschmaschine, Geschirrspüler, Tiefkühltruhe, raffinierte elektrische Haushaltsgeräte, Staubsauger und schließlich die Mikrowelle und so weiter. Alles ersetzte die kraft- und zeitaufwendige Hausarbeit. Preiswerte Fertigprodukte eroberten die Regale in neuen Supermärkten und Discountern. Und statt vielköpfiger Familien ist es mittlerweile schon eine Ausnahme, wenn zwei Kinder betreut werden müssen. Die multifunktionsfähige Hausfrau wurde wegrationalisiert, wie Bandarbeiter von Robotern.

Wie könnte der Tagesablauf einer Hausfrau heute aussehen? Sagen wir:  Der Ehemann verdient circa 4.500 Euro brutto monatlich, die beiden Kinder sind zwölf und 14 Jahre alt. Feuer anzünden entfällt. Waschtage auch. Gartenarbeit gibt es höchstens noch in einem Öko-Beet als Vorzeigeobjekt. Hausarbeit ist mit den modernen Geräten in der 100 Quadratmeter großen Wohnung schnell erledigt. Mittags essen die Kinder in der Ganztagsschule, der Mann in der Betriebskantine. Bleibt das Abendessen: Da wird die Mikrowelle angeschaltet. Am Wochenende kocht der Mann – das ist sein Hobby. Sie finden das übertrieben? Vielleicht passt das nicht auf jede Familie im neuen Jahrtausend – aber es trifft auf viele zu. Da kann auch schnell Langeweile aufkommen. Es sei denn, die Frau übernimmt all die gesellschaftlich erwünschten Freiwilligentätigkeiten vom Pflegen älterer Verwandten bis hin zum Organisieren der Gemeindefestes.

Der Stellenwert der Frauen des 21. Jahrhunderts bemisst sich nicht mehr nach der Fähigkeit, eine Familie zusammenzuhalten, sondern nach ihrer „Arbeitsplatzverwertbarkeit“. Der Ausdruck stammt nicht von mir. In einem internen Symposium über die Konsequenzen des Geburtenrückgangs und des Arbeitsmarktes der Zukunft wurde er sowohl von einem Referenten der Bertelsmann-Stiftung als auch vom Institut der deutschen Wirtschaft zitiert.

Für den Steuerstaat, aber auch für den Sozialstaat, ist die neue Frauentätigkeit ein lohnendes Geschäft. In der früheren Familienstruktur war die Familie mitversichert, wurden nur vom außer Haus arbeitenden Mann Arbeitslosen-, Renten- und Sozialversicherungsbeiträge abgeführt. Und wie schon geschrieben, gab es auch keine Steuereinnahmen von der Frau. Das hat sich nun gründlich geändert. Zwei Einkommen bedeutet: zweimal Arbeitslosenversicherungsbeiträge, zweimal Krankenkassenbeiträge und zweimal Renten- und Pflegeversicherungseinnahmen. Der Staat hat also ein eigenes Interesse daran, dass die weitgehend von der Hausarbeit entlasteten Frauen ihre Freizeit nicht mit möglichen unbezahlten Sozialarbeiten verbringen, wie Eltern pflegen, sich in Vereinen nützlich machen oder sich, falls überhaupt vorhanden, um die Kinder kümmern. Dazu kommt noch, dass zwei Einkommen in einer Familie die Steuereinnahmen erheblich verbessern – denn damit geraten die meisten Arbeitnehmer in die Progressionsfalle, die immer höhere Steueranteile vom Einkommen abschöpft, je fleißiger und erfolgreicher die Ehepartner sind.

Je unabhängiger die Familien, und da vor allem die Frauen durch den Wegfall der traditionellen Hausarbeit, werden, desto mehr mischt sich der Staat ein, hat die Familien regelrecht verstaatlicht. Den Rückgang der Geburten nimmt er zum Vorwand, um mit einer Flut von Gesetzen die Familien zu einem bestimmten Normverhalten zu drängen. Mittlerweile gibt er über 200 Milliarden Euro pro Jahr für die „Familienförderung“ aus. Und mit jedem neuen Gesetz verspricht er sich und seinen staatsgläubigen „Untertanen“, dass damit die Geburten wieder ansteigen würden. Hin und wieder schreibt sogar eine Zeitung, dass sich seit 1971 nichts getan hat, die Geburtenquote ist sogar mehrfach bis zu 1,34 abgesunken, nie aber über die 1,4 wieder hinausgeklettert. Die jährlichen 200 Milliarden Euro stellen lediglich die Umverteilungsmasse durch den Staat dar, der die Gelder erst mit unnötig hohen Verbrauchs- und Einkommenssteuern abkassiert und sie dann als staatliche Wohltaten wieder teilweise zurückgibt.

Es wäre ungerecht, die Politik alleine für diese Umverteilungspolitik verantwortlich zu machen. Für die Familienpolitik trifft nur zu, was für alle staatlichen Subventionen zutrifft: Der Empfänger hofft, etwas mehr aus dem System herauszuholen, als er einzahlt. Viele Zahlungen würden sich sofort erledigen, wenn sie direkt beim Nachbarn erbettelt werden müssten. Aber so zahlen alle in den großen Steuertopf ein und wollen dann natürlich möglichst viel davon haben. Was den Politikern vorgeworfen werden kann, ist, dass sie, um gewählt zu werden, jedem mehr versprechen, als sie halten können. Die gesetzliche Pflicht der Gemeinden, eine entsprechende Zahl von Kitas, Ganztagskindergärten und qualifizierte Betreuungseinrichtungen anzubieten, ist so ein unseliges Versprechen, das sie nie halten können. 

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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