18. August 2015

Sir James Cowperthwaite Der Mentor von Hongkong

China hat von ihm gelernt – und Europa?

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Bildquelle: shutterstock Wohlhabend durch Laissez-faire-Politik: Hongkong

Wer hat die Rahmenbedingungen für die jahrzehntelange Prosperität und Dynamik in Hongkong geschaffen? Ein Mann, von dem Sie sicher noch nie gehört haben: Sir James Cowperthwaite (1915-2006). Wer war er und worauf beruht sein Erfolgsmodell?

Es ist das Verdienst der Schweizer Finanzzeitung „Finanz und Wirtschaft“, auf den Erfolgspionier Sir James Cowperthwaite in der Ausgabe vom 25. April diesen Jahres hingewiesen zu haben. James Cowperthwaite wurde von der britischen Regierung bereits 1946 nach Hongkong entsandt. Von 1961 bis 1971 bestimmte er als Finanzstaatssekretär (Financial Secretary, eine Art Finanzminister) die wirtschaftlichen Geschicke der Kronkolonie. Sein Hauptanliegen war es vor allem, die Dummheiten anderer Regierungen zu verhindern.

Ich selbst bin Cowperthwaite leider nie begegnet, habe aber zur gleichen Zeit (in den 60er Jahren) in Hongkong gelebt. Hongkong hatte damals zwei Millionen Einwohner (heute acht Millionen). Als heranwachsender, junger Mann habe ich den Puls der Wirtschaftskraft deutlich gespürt. Hongkong mit seiner freien Wirtschaftsordnung, mit dem Gefühl, dass dem Schnellen und Mutigen alle Türen offen stehen, das hat mich sehr geprägt.

Sir James Cowperthwaite hasste nationale Statistiken. In Hongkong ließ er nur ganz wenige Daten erheben. Er hielt Statistiken für gefährlich, da sie nur Vorwände für staatliche Interventionen lieferten. Wenn der Staat aber gegen vermutete Missstände vorgehe, störten die Politiker die Marktkräfte. Cowperthwaite hatte absolutes Vertrauen in den Markt und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Bürokratie. „Die aggregierten Entscheidungen einzelner  Geschäftsleute, die in einer freien Wirtschaft persönlich urteilen, mögen zwar oft falsch sein, doch auf die lange Sicht werden sie höchstwahrscheinlich weniger Schaden anrichten als zentralistische Verfügungen einer Regierung – und gewiss würde der Schaden rascher behoben.“ Cowperthwaite lag und liegt richtig. Wer sich überzeugen möchte, bucht am besten mal einen Flug nach Hongkong.

Was vielfach vergessen wird: In den Nachkriegsjahren lag das Durchschnittseinkommen in Hongkong weit unter demjenigen von Großbritannien. In der Epoche der Entkolonisierung sagte der linke schwedische Ökonom und Nobelpreisträger (!) Gunnar Myrdal den Aufstieg Afrikas und den Abstieg Asiens voraus. Cowperthwaite ließ sich nicht beirren. Er baute ganz auf „positive Non-Intervention“: Niedrige Steuersätze, keine Zölle, keine Subventionen, keine öffentlichen Schulden, keine hinderliche Bürokratie. Klare Prinzipien, die er so zementierte, dass diese auch von seinen Nachfolgern beherzigt wurden. Das Resultat: Hongkong zog im wirtschaftlichen Einkommen an Großbritannien vorbei, das sich – bis zum Antritt von Margaret Thatcher – im dirigistischen Sumpf verhedderte. Die jungen afrikanischen Staaten gerieten ins Hintertreffen. Cowperthwaite brachte selbst die Kommunisten in Peking ins Grübeln. Seit dem Polit-Wechsel 1997 lassen sie Hongkong mehr oder minder gewähren. Vor allem aber steht der Erfolg von Cowperthwaite mit seiner Laissez-faire-Politik in krassem Widerspruch zur marxistisch-maoistischen Misere der Volksrepublik in jener Zeit. Mao hat sich nicht durchgesetzt. Wie man heute sieht, hat China von Cowperthwaite gelernt. Und wie steht es mit uns heute in Europa?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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