25. August 2015

Willkommenskultur und Kampf gegen rechts Wer ist gut? Wer ist böse?

Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten

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Bildquelle: shutterstock Soll politisch auf Linie gebracht werden: Normalbürger

Ob Claus Kleber wirklich gerührt war oder ob er nur nah am Wasser gebaut hat, als es ihm eine Meldung wert war, dass ein Busfahrer aus Erlangen „Willkommenskultur“ gezeigt hat – eigentlich sollte uns das egal sein, denn beides ist nicht von Nachrichtenwert: Weder das Innerste eines Fernsehmoderators noch die normal guten Umgangsformen eines Chauffeurs. Im von Gefühlen gesteuerten und befeuerten öffentlichen Diskurs über Flüchtlinge und Migranten aber wird Claus Kleber nun als guter Deutscher gefeiert.

Gefühl gilt schon längst als die angesagte Währung in politischen Angelegenheiten, nicht die Ratio, zu der man angesichts der Größe dieses oder anderer Probleme raten möchte. Doch die Karte Vernunft sticht nicht. Griechenland soll „gerettet“ werden, um jeden Preis, den verschweigen sollte, wer nicht als gefühlskalter Zahlenmensch gelten will. Auch das Weltklima bedarf einer kostspieligen Rettungsaktion, egal, ob es gerettet werden muss oder gerettet werden kann – die Politik menschlichen Größenwahns sieht sich gottvatergleich als allzuständig. Das gleiche gilt für „Flüchtlinge“, mittlerweile der Oberbegriff für alle, die aus welchen Gründen auch immer nach Deutschland wollen, das ihnen als Paradies auf Erden vorgegaukelt wird, voll von grundguten hilfsbereiten Menschen – was ja im wesentlichen sogar zutrifft.

Siehe unser Busfahrer, der Claus Kleber so öffentlichkeitswirksam rührte. Ein Mann, der auf Englisch „Menschen aus aller Welt“ über sein Bus-Mikrofon willkommen hieß. Eine Ikone der Menschlichkeit. Bis sich eine „Reporterin“ etwas näher mit dem Mann beschäftigte. Und siehe da: Der rettende Engel trägt teuflische Züge. Seine Großtat sieht sich geschmälert durch zweifelhafte Vorlieben: Der Kerl hat auf Facebook den Daumen für die AfD gehoben und die Kanzlerin daran erinnert, dass sie zuerst ans eigene Volk zu denken habe, bevor sie andere „rettet“. Potzblitz! Wir haben es also nicht mit einem Guten, sondern mit einem Rechten zu tun! Immerhin hat unsere Reporterin den Mann wenigstens in einem Punkt dazu gebracht, abzuschwören: was sein „like“ für die AfD betrifft.

„Rechts“ ist heute nicht mehr nur die Bezeichnung für jenen Raum, den die CDU unter Angela Merkel weit offen gelassen hat, sondern für all jene, die als Schmuddelkinder vom Diskurs ausgeschlossen werden sollen. In Wahlkampfzeiten wird mit diesem Etikett der politische Gegner desavouiert, doch mittlerweile soll auch der „Normalbürger“ damit auf die geltende politische Linie eingeschworen werden, die sich weitgehend mit der unserer GroKo deckt. Und so finden sich Kritiker der chaotischen Asylpolitik der Bundesregierung mit ihrer Armada von Nebelwerfern auf die Seite jener Kriminellen gestellt, die vor Asylbewerberheimen randalieren oder sie gar anzünden – das müssen ja Rechte sein, selbst wenn die ermittelnden Behörden noch keine Täterkenntnis haben.

Mir sind Gewalttäter zuwider, ob sie von links oder rechts kommen.

Im politischen Diskurs hilft das allerdings wenig: Auch wer kein Feuer legt, kann doch zumindest noch als geistiger Brandstifter dingfest gemacht werden. Und so wird aus Einzeltaten aufs Ganze geschlossen: Heute zündelt ein Milieu namens „die Rechte“ bei jedem Vorfall immer gleich mit, so wie zu den Hochzeiten der linksradikalen RAF allen Linken unterstellt wurde, dass sie mit klammheimlicher Freude mitschossen.

Der Diskussionskultur schadet das allemal – damals wie heute. Und damals wie heute verschafft sich Aufmerksamkeit, wer mahnt und warnt: Heute heißt es, „rechts“ sei in der Mitte der Gesellschaft, also beim braven Bürger, angekommen. Dass dieser Befund sich der Tatsache verdanken könnte, dass das Milieu aus Politikern und Öffentlichkeitsarbeitern nach links gerutscht ist, kommt nicht in Betracht: Es zerstört ja die schöne These professioneller Wichtigtuer.

Das Bedürfnis, in unruhigen Zeiten die eigene Position in Abgrenzung zu anderen zu definieren, fördert Feindbilder und Schwarzweißmalerei. Die offiziöse Sprachregelung kommt diesem Bedürfnis entgegen; jeder, der nach Deutschland kommen will, ist ein „verzweifelter Flüchtling“, auch wenn er nur ein illegal Einreisender ist; jeder Flüchtling im Sinne der Definition ist ein Heiliger, und jeder Busfahrer, der einen freundlichen Spruch auf Lager hat, muss tadelsfrei einem politisch korrekten Vorbild entsprechen. In dieser heilen Welt sind Gut und Böse klar unterschieden, und das Schattenreich der Wirklichkeit bleibt ausgeblendet.

Das ist infantil. Und viele Erwachsene spüren das längst: dass man mit ihnen spricht, als ob sie an die Hand genommen werden müssten. Dabei weiß jeder mit ein wenig Menschenkenntnis: Nicht jeder, der unter Einsatz aller Kräfte und mit harten Ellenbogen nach Deutschland strebt, ist deshalb schon ein guter Mensch. Und niemand, dem die AfD gefällt, ist deshalb böse.

Vor allem aber steht es weder den Medien insgesamt noch dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen im besonderen zu, Wahlempfehlungen auszusprechen oder Charakterurteile zu fällen.

Kein „Kampf gegen rechts“ darf den Kampf um die Wahrheit behindern. Sie ist den Menschen zuzumuten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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