27. August 2015

Shitstorms und Online-Petitionen Warum sie ein Gewinn für die Gesellschaft sind

Sie sind die Stammtische des 21. Jahrhunderts

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Bildquelle: shutterstock Früher noch analog: Stammtisch

Als Feedbackregel habe ich im Rahmen meiner Ausbildung mal etwas Wesentliches mitgenommen: Wenn ich Feedback bekomme, verhalte ich mich ruhig, verteidige mich – zunächst – nicht, stelle höchstens Verständnisfragen. Und als Feedbackgeber habe ich keinen Anspruch darauf, eine Rückmeldung zu bekommen. Das gibt mir als Feedbacknehmer die Möglichkeit, in mich zu gehen und die Kritik in Ruhe zu bewerten – inklusive der Option, sie auch abzulehnen, keine Konsequenzen daraus zu ziehen.

Ähnlich verhält es sich mit einem massenhaften Feedback, das sich zum Beispiel in Form sogenannter Shitstorms oder auch eingeleiteter Online-Petitionen darstellt. Ich rede hier nicht darüber, dass es in den Formulierungen bei Shitstorms auch vielfach Übertreibungen gibt, die teilweise in Form von Drohungen strafrechtlich relevant werden. Die Möglichkeit aber, Kritik an einer öffentlichen Person oder einer gesellschaftlichen Entwicklung in dieser direkten Form äußern zu können, ist erst mal nichts Schlechtes. Es gibt aber ein paar Herausforderungen:

Die erste, die des Adressaten: Richtig machen kann man eigentlich nicht viel! Egal ob man sich in diesen Tagen für die vermehrte Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland einsetzt oder die Aufnahme begrenzen will: Ein Shitstorm ist einem garantiert, wenn man nicht das Glück hat, unter der „Wahrnehmungsgrenze“ der Öffentlichkeit zu agieren. Egal ob ich mich gegen Initiativen des Gender Mainstreaming wende oder sie unterstütze, ob ich für oder gegen Tierversuche eintrete, für oder gegen den Euro argumentiere, Putin unterstütze oder kritisiere: Es wird sich eine Gruppe finden, die das ausreichend kritikwürdig findet, um einen mehr oder weniger großen „Sturm der Entrüstung“ auszulösen, je emotional aufgeladener das Thema ist, desto mehr. Der Adressat ist also aufgefordert, seine eigenen Schlüsse zu ziehen und zu unterscheiden zwischen bedenkenswerter Kritik und Pöbelei.

Die zweite Herausforderung, die der Entrüsteten: Sowohl ein Posting in Twitter oder Facebook, in dem man seinem Unmut Luft macht, als auch eine Online-Petition muss, um Gehör zu finden, prägnant – hoffentlich nicht persönlich beleidigend oder gar bedrohend – formuliert sein. Das geht im Zweifel zu Lasten der Differenzierung. Mich selbst hat dieses Problem bei der Kampagne #HeimeOhneHass ereilt: Obwohl ich die fremdenfeindlichen Demonstrationen vor Flüchtlingsheimen ablehne, kann ich mich mit einem Verbot nicht anfreunden. Da gilt es abzuwägen, ob man trotz Bedenken unterschreibt oder eben nicht. Es ist wie bei den meisten politischen Fragen: Eine Partei, die vollständig meine Meinung vertritt, müsste ich wohl selbst gründen (und auch dann wäre ich nicht sicher!), eine Petition, die vollständig meine Meinung vertritt, müsste ich selbst einreichen – und würde vermutlich erstens aus dem Differenzieren gar nicht mehr herauskommen und zweitens mit dem Ergebnis keinen Massenerfolg haben. Also gilt es, Kompromisse da einzugehen, wo man das kann, und da hart zu bleiben, wo eigene Überzeugungen zu stark über Bord geworfen werden müssten.

Das bringt mich zu einer dritten Herausforderung, die es von den bislang Unbeteiligten zu beachten gilt: Shitstorms und Petitionen haben eine Signalwirkung! Wird erst mal von Tausenden Mails und Postings berichtet, dann ist das eben schon eine Nachricht, dann sehen sich bislang Unbeteiligte aufgefordert, sich eine Meinung zu bilden – im Zweifel zu einem Thema, das sie bislang gar nicht interessiert hat. Werde ich aufgefordert, eine Petition zu unterschreiben, dann fühle ich mich ebenfalls gefordert, mich mit dem Für und Wider auseinanderzusetzen: Verdient die Initiative meine Stimme? Würde ich ihr womöglich lieber widersprechen? Niemand kann mich zwingen, eine Petition zu unterschreiben, aber wenn ich von ihr Kenntnis erlange, kann ich gar nicht anders, als mir Gedanken dazu zu machen – und sei es, dass ich das Thema für irrelevant halte. Ohne innerliche Bewertung geht man aus sowas nicht raus.

Alle drei Aspekte, die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Außenwirkung, die notwendige Prägnanz von Gegenreden und den Zwang zur Positionierung, kann man kritisch sehen … oder auch als eine Zusatzoption, die gerade die sozialen Medien im gesellschaftlichen Diskurs bieten. Das setzt aber zwei Dinge voraus: Erstens, dass die Beteiligten sich tatsächlich auch bewusst für bestimmte Positionen entscheiden und sie nicht aus falsch verstandener Solidarität zu anderen, aus Gruppenzwang oder mangelnder Auseinandersetzung einnehmen. Und zweitens, dass die einmal eingenommenen Positionen auch ernst genommen werden und man ihnen nicht unterstellt, aus Unwissenheit oder gar Dummheit, aus anderweitigem Kalkül zu agieren oder nur verführt worden zu sein. Der folgende Satz in einem „Standpunkt“ auf dem eher liberalkatholischen Portal katholisch.de, geprägt vom Autor Andreas Püttmann, hat damit einen wahren und einen anmaßenden Kern: „Es ist an der Zeit, dass besonnene Christen sich verbitten, ständig Entrüstung souffliert oder vorskandiert zu bekommen – und klarstellen: Meine Empörung gehört mir!“

Wahr daran ist der Anspruch, anmaßend der implizite Vorwurf, viele Christen ließen sich vor einen Karren spannen. Püttmann nennt keine konkreten Anlässe, auf die er sich bezieht, ich kann mich aber nicht an viele Begebenheiten erinnern, insbesondere nicht in der jüngsten Vergangenheit, bei denen ich die mediale und innerkirchliche Aufregung um Streitthemen nicht zumindest verstanden hätte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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