02. September 2015

Bayerischer Innenminister bei „Hart aber fair“ Er hat Neger gesagt!

Ist er ein Nazi oder ein Rassist?

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Bildquelle: flickr.com Roberto Blanco: Ein bisschen Spaß muss sein!

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann steht vor Flüchtlingsheimen und brüllt geflohene Familien an? Nein, tut er nicht. Aber er unterstützt die Neonazis und Dumpfbacken, die es für einen Ausweis politischer Bewusstwerdung halten, Flüchtlingsfamilien mit dem Hitlergruß und rechten Parolen zu begrüßen? Nein, auch nicht. Hat er dann wenigstens Verständnis für die Krawalle und Übergriffe auf Flüchtlingsheime geäußert? Auch nicht! Aber er hat „Neger“ gesagt!

Um es gleich zuzugeben: Ich habe mir „Hart aber fair“ gestern abend nicht angesehen, darum kann ich über engere Zusammenhänge nichts sagen. Das tun aber bezeichnenderweise die Twitter- und Facebook-Empörten bis hin zu den Online-Ausgaben überregionaler Zeitungen auch nicht. Dort wird überall nur der Satz zitiert: „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat.“

Ich bin kein besonderer Freund politisch korrekter Sprache, daher gibt es für mich statt Schokoladenschaumküssen noch immer Negerküsse oder Mohrenköpfe. Und darum kann ich auch nichts mit Forderungen anfangen, den Begriff aus Büchern und Kindergeschichten zu streichen. Aber einen Menschen als „Neger“ zu bezeichnen käme mir auch nicht in den Sinn. Man mag sagen, da hätten die Sprachpolizisten der Political Correctness bei mir einen Erfolg erlangt – oder man kann sagen, dass „Political Correctness“ mal mit dem nachvollziehbaren Ziel gestartet ist, persönliche Beleidigungen aus dem politischen Sprachgebrauch fernzuhalten, und erst eine Perversion dieses Gedankens hat zu den beinahe faschistischen Zügen derjenigen geführt, die Politikerreden nach derartigen Fehltritten durchkämmen.

Und so muss man auch den Aufruhr verstehen, der jetzt hochgeht. Ein Musterbeispiel an verkürzter Darstellung liefert so Christopher Lauer, als Mitglied der Piratenpartei mal ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen (aus der Partei ist er zwischenzeitlich ausgetreten, manche meinen, er sei einem Rausschmiss zuvorgekommen), der twitterte: „Merkel so: Rassismus bekämpfen – Herrmann so: Neger“.

Nun ist die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit der bei „Hart aber fair“ thematisierten Flüchtlingsproblematik und auch im Satzzusammenhang kein Ausweis besonderen Feingefühls oder politischen Geschicks. Man schlägt sich vor den Kopf und fragt sich, ob der Mann noch alle beieinander hatte, als er den Satz aussprach. Dann aber stößt man auf die Richtigstellung Herrmanns im Morgenmagazin, die bislang unwidersprochen blieb (da ich die Sendung nicht gesehen habe, muss ich mich darauf verlassen). Spiegel Online – gewiss keine politischen Freunde Joachim Herrmanns – zitiert ihn so:

Es habe sich lediglich um die Erwiderung auf die Aussage eines Anrufers gehandelt, der sagte, er wolle „Neger überhaupt nicht haben“.

Diese Aussage sei „völlig inakzeptabel“, und deshalb habe er das Beispiel Roberto Blanco gewählt, rechtfertigte sich der Innenminister. „Ich verwende das Wort Neger sonst überhaupt nicht“, schob Herrmann nach.

Das allerdings klingt schon ganz anders, und wenn das so stimmt, wäre die Sache damit eigentlich erledigt („eigentlich“, weil es vielleicht nicht schlecht wäre, auch mal den zu hören, den es direkt betrifft, den angesprochenen Schlagersänger). Man darf allerdings erwarten, dass die politischen Gegner dieses Thema nicht einfach werden liegen lassen und Joachim Herrmann sein Zitat noch das eine oder andere Mal unter die Nase reiben werden. Ob das dann zum politischen Argument werden kann oder als Polemik entlarvt wird, das liegt ganz an uns, den Zuschauern solcher Talkshows, den Wählern und Bürgern, die hoffentlich genug Grips haben, zu unterscheiden zwischen Sprachscharmützeln und Sachargumenten.

Übrigens: Ich kenne auch die Aussage Herrmanns zur Frage Sascha Lobos bei Maybrit Illner, ob man Flüchtlinge nicht einfach als Vertriebene bezeichnen sollte. („Ich hoffe, Sie meinen es nicht so bös‘, aber es ist eine Beleidigung der Vertriebenen, der wirklich damals vor 70 Jahren Vertriebenen, die in diesen Kontext zu stellen.“) Auch das kein besonderer Ausweis von Intelligenz, bezeichnend aber auch die Tatsache, dass seine Erläuterung, wie er das gemeint habe (dass er nämlich nicht politische Flüchtlinge aus Syrien, aber Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan gemeint habe, die man nicht als Vertriebene bezeichnen könne), in der Talkshow von Lobo und Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt niedergebrüllt wurde (diese Steilvorlage kann sich in der Politik niemand entgehen lassen) und in den Medien kaum wiedergegeben wird.

Also, Joachim Herrmann braucht dringend Unterstützung bei der Vorbereitung seiner Auftritte, dabei seine impulsiven Aussagen noch mal eine Extraschleife durchs Gehirn fliegen zu lassen. Er schadet sich selbst, seinem Amt und seiner Partei mit eher unbedarften Äußerungen viel mehr als den von ihm Angesprochenen, er schadet damit auch der politischen Diskussion, weil er dem politischen Gegner die Möglichkeit liefert, auf solche Nebenthemen auszuweichen. Aber ist Joachim Herrmann damit ein Rassist? Die Frage ist hoffentlich beantwortet!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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