04. September 2015

„Politisch korrekt“ Karriere eines Begriffs

Den Übertreibern den Spiegel vorhalten

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Bildquelle: shutterstock Sargnagel für den Liberalismus: Politische Korrektheit

„Politisch unkorrekt“ ist politisch unkorrekt! Auf diese kurze Formel könnte man es bringen, wollte man den aktuellen Entwicklungsstatus dieses Begriffes definieren, aber es schwirrt einem schon bei dem an sich prägnanten Satz der Kopf – Was ist? Also der Reihe nach. Dem Begriff der „politischen Korrektheit“ kann man vielleicht vier Phasen zuordnen, die ich mal dem Inhalt nach benennen würde nach dem guten Willen bei der „Erfindung“, die dann einsetzende Übertreibung der Anwendung, die darauf einsetzende Reaktion politischer Gegner und – wie ich meine gerade jetzt laufend – die Denunzierung dieser Reaktion.

Der gute Wille

Was ist das Ziel der „Political Correctness“, die wohl in den USA ihren Ausgang nahm? Eigentlich ging es darum, die politische Debatte um persönliche Angriffe oder rassistische, andere Menschengruppen beleidigende Äußerungen zu bereinigen. Wenn man so will, geht es also um die Versachlichung von politischen Diskussionen, die nicht selten auf persönlicher Ebene eskalieren. Dagegen kann man eigentlich gar nichts haben, zumal dann, wenn die „Unsachlichkeiten“ tatsächlich dem Diskussionsverlauf abträglich sind und/oder die Gefahr besteht, dass mit solchen Äußerungen Hass geschürt wird. Dabei bezeichnete in den Grundsätzen die politische Korrektheit auch eher eine Art Selbstverpflichtung, damit keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Wendet man diese Zielsetzung auf die aktuelle Migrations- und Flüchtlingsdebatte an, dann geht es darum, keine unnötigen Verallgemeinerungen Raum greifen zu lassen. Es sind nicht „die Flüchtlinge“, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen, auch wenn es sie gibt (es sind nebenbei auch nicht „die Flüchtlinge“, die alle vor politischer oder religiöser Verfolgung geflohen sind).

Man merkt schon: Diesem Ansatz der politischen Korrektheit kann ich was abgewinnen. Das bedeutet auch nicht, dass man sich jeglicher Polemik enthalten muss. Im Rahmen der Meinungsfreiheit ist erstens niemand gezwungen, sich daran zu halten, zweitens kann aber das Stilmittel der Polemik, der Satire oder des Sarkasmus durchaus berechtigt sein. Schön wäre es dann allerdings, wenn es als solches erkennbar gemacht wird. Dann jedenfalls hält man damit aus manchmal emotional aufgeladenen Debatten die Aggression heraus, die meistens nicht konstruktiv im Sinne einer Lösungsfindung ist.

Die Übertreibung

Dieser gute Wille, der hinter der Idee der politischen Korrektheit steht, kann aber – wie so oft bei solchen Ansätzen – auch pervertieren. Denn die Frage, was politisch korrekt ist oder nicht, lässt sich in aller Regel nicht neutral beantworten. Ein Ansatz, der nicht selten gewählt wird, ist aber, sich darauf zu beziehen, ob sich jemand durch eine Aussage belästigt, diskriminiert oder persönlich angegriffen fühlt, oder – die Potenzierung dessen – ob andere meinen, es könne sich jemand angegriffen fühlen. Während also die eigentliche Zieldefinition war, sich selbst in Frage zu stellen, ob ich mit meinen Äußerungen jemanden verletze, mich Äußerungen enthalte, die eine unnötige Schärfe, Pauschalierungen oder potentiell diskriminierende Inhalte enthalten, dreht hier der Wind: Eine Zuordnung des Prädikats „politisch unkorrekt“ wird von außen vorgenommen, und das nicht nur von Betroffenen, sondern auch von denen, die meinen, jemand könne betroffen sein. Das öffnet Tür und Tor, wenn sich entweder jemand beleidigt fühlen will – weil das seiner politischen Agenda dient – oder man eine Aussage oder den, der sie getätigt hat, in ein schlechtes Licht rücken will.

Zweiter Aspekt einer solchen Übertreibung ist, dass sich nun nicht selten Konsequenzen ergeben, wenn man sich nicht an die von außen vorgegebenen Regeln der politischen Korrektheit hält. Wer sich in politisch nicht korrekter Weise über Minderheiten wie Homosexuelle, Muslime, Menschen mit Behinderungen oder andere äußert – wobei die Abgrenzung, was politisch nicht korrekt ist, eben schwimmend ist –, der muss teilweise mit rechtlichen, mindestens aber mit privaten oder beruflichen Konsequenzen, insbesondere als Politiker, Journalist oder als andere Person des öffentlichen Lebens rechnen. Gerade dieser Effekt ist es, der viele das Bestehen einer effektiven Meinungsfreiheit in Frage stellen lässt: Ich darf manche Dinge zwar sagen, muss aber mit unverhältnismäßigen Konsequenzen leben, weil der – auch ein in diesem Zusammenhang geprägtes Wort – „Mainstream“ meine Position, oder auch nur meine Art sie zu äußern, missbilligt. Formal ist die freie Meinungsäußerung dadurch nicht tangiert – man kann schließlich nicht verlangen, dass Meinungsäußerungen keine Konsequenzen haben dürfen –, der politischen Debatte abträglich ist ein solcher Aufbau von Tabus aber trotzdem.

Der politische Gegenschlag (und dessen Übertreibung)

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass der Begriff der politischen Korrektheit zum Kampfbegriff derer geworden ist, die sich durch ihn eingeschränkt fühlen. Dabei muss aber unterschieden werden zwischen sinnvoller politischer Korrektheit, wie ich sie in der ersten Phase beschrieben habe, und Übertreibungen. Wenn sich also heute beispielsweise jemand hetzerisch gegen „die Asylanten“ äußert, dann hilft das in der Debatte nicht weiter, entfacht im Zweifel Hass, und ist insofern in einer geordneten Diskussionskultur nicht erwünscht. Wer sich so äußert, muss dann auch damit rechnen, dass sein „Beitrag“ nicht ernst genommen wird, und kann sich dann nicht darauf berufen, dass seine Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Wer aber umgekehrt darauf hinweist, dass es unter den Flüchtlingen wohl auch eine nicht geringe Zahl, womöglich die Mehrheit, geben wird, die keinen Anspruch auf Asyl haben, und dass es für diese notwendig wird, Lösungen zu finden, der argumentiert sachlich. Wer diesem Argument mit dem Vorwurf begegnet, es spiele den erstgenannten Hetzern in die Hände, der legt selbst die Axt an eine konstruktive Diskussion mit einem Sprechverbot für eine unbequeme These, die zumindest wahr sein könnte.

Dadurch, dass die Klassifizierung als „politisch unkorrekt“ in der zweiten Phase zum Totschlagargument geworden ist, ist es kein Wunder, dass nun eine Gegenbewegung einsetzt. Derjenige, mit dem nicht mehr argumentiert wird, sondern dessen Argumente „in die rechte Ecke“ geschoben werden, der wehrt sich, und für den wird der Begriff der politischen Korrektheit zu einem Kampfbegriff. Das nutzen dann aber auch diejenigen, denen schon die erste Phase ein Dorn im Auge war, was uns zur nächsten Phase bringt.

Die Denunzierung des Gegenschlags

Nach dieser Karriere eines Begriffs nutzen die Protagonisten der Einschränkung des Äußerns von Tabus diesen Begriff kaum noch. In Talkshows wird einem das Argument, eine Äußerung sei politisch nicht korrekt, kaum mehr begegnen. Stattdessen wird der Hinweis auf diese Wortwahl in der Weise gedreht, dass der Vorwurf im Raum steht, „politisch korrekt“ sei zu einem Kampfbegriff der Rechtsextremen geworden. Die wollten in Wahrheit nur ihre Hassbotschaften verbreiten und sich dem sozialen Korrektiv, als das die politische Korrektheit mal gedacht war, entziehen. In Einzelfällen kann das sogar stimmen: Wer vor einem Asylantenheim den Hitlergruß zeigt, kann sich kaum als Opfer der politischen Korrektheit darstellen, selbst wenn man das Verbot des Zeigens nationalsozialistischer Symbole kritisch sehen kann: Die Intention hinter so etwas ist klar und keine freiheitliche! Der mitunter berechtigte Vorwurf, dass in öffentlichen Diskussionen selbst rationale und mindestens bedenkenswerte Positionen nicht mehr ohne Risiko geäußert werden können, wird dadurch aber denunziert als „Sprache der Rechtsextremen“ – schnell landet man mit denen in einem Topf, zu denen man sich politisch wie diskussionstheoretisch überhaupt nicht zugehörig fühlt.

Damit ist der Ausgangssatz erreicht: „Politisch unkorrekt“ ist politisch unkorrekt! Eine ursprünglich sinnvolle, selbstauferlegte Beschränkung, nicht einfach alles zu sagen, nur weil es gesetzlich nicht verboten ist, weicht einer Diskussionskontrolle über Peergroups und den „Mainstream“, gegen die man sich nicht mal mehr wehren kann, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, lediglich Tabus schleifen und hetzen zu wollen, oder zumindest denjenigen das Wort zu reden, die das tun.

Und jetzt?

„Diskussion kaputt“, könnte man sagen. Und jetzt? Einfach damit leben? Was man dazu vorschlagen kann, kostet einen langen Atem. Denn der Weg zurück zur ersten Phase ist anstrengend und insbesondere von der politischen Linken im Land nicht gewollt, die das Instrumentarium der politischen Korrektheit aus dem Effeff zu beherrschen scheint und auch noch die mediale Definitionshoheit übernommen hat, was unter diesen Begriff zu fallen hat. Es hilft aber nichts: Wer eine Meinung äußern möchte und sich durch Übertreibungen der politischen Korrektheit darin begrenzt sieht, der muss argumentieren, warum ihn dieses Verdikt unberechtigt trifft.

Man kann den Übertreibern, die nicht nur berechtigte Tabus berücksichtigt sehen möchten, sondern neue Tabus errichten wollen, den Spiegel vorhalten – ihnen und denen, die wir mit Argumenten ansprechen wollen, die man uns – nicht zuletzt im kirchlichen Bereich der Morallehre – aus der Hand schlagen will. Das sachlich vorgetragene Argument muss weiter Zugkraft entfalten können, und derjenige, der es als politisch unkorrekt – auch mit anderer Wortwahl – klassifiziert, trägt die Beweislast, sich nicht lediglich einer Argumentation verweigern zu wollen. Damit entlarvt sich jeder Ansatz der politischen Linken, eine konservative oder von mir aus traditionelle Position als „rechts“ und „Autobahn“ zu bezeichnen, ohne denen die Tür zu öffnen, die meinen, mit Hassbotschaften Diskussionen beenden zu können.

Leicht ist das nicht, aber notwendig, denn sonst wird der Begriff der politischen Korrektheit sowohl von rechts wie von links zu einem Sargnagel für den Liberalismus und die freie Diskussionskultur in Politik und Gesellschaft. Der Zug geht in die Richtung, das heißt aber nicht, dass man ihn nicht noch umlenken kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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