19. September 2015

Identität Was bin ich?

Worauf können wir uns verständigen?

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Bildquelle: shutterstock Schwer zu beantworten: Die Frage nach der Identität

„Was bin ich?“ Damals, als Robert Lembke im Fernsehen heitere Ratespiele veranstaltete, war die Antwort noch einfach. Die Frage zielte auf das, was der Befragte zu seinem Lebensunterhalt tat, also auf seinen Beruf. Es war der Beruf, so wurde offenbar unterstellt, der die Identität eines Menschen ausmachte, das war es, womit sich einer identifiziert: mit einer Profession – und erst danach und auch nur vielleicht mit einer Gruppe, einer Sprach- oder Kulturgemeinschaft, einem Landstrich, einer Kirche, einer Nation.

Vielleicht hätte die Frage vor 1945 auf etwas anderes gezielt und die Antwort hätte womöglich gelautet: „Ich bin 40 Jahre alt, komme aus Breslau, bin Schlesier, katholisch, verheiratet, habe drei Kinder und war bis 1933 SPD-Mitglied.“ Doch nach Nationalsozialismus und Krieg war die Selbstdefinition über eine „Volksgemeinschaft“ tabu, hatten „Vaterland“, „Nation“ und „Deutschland“ einen bitteren Klang. Und viele der Flüchtlinge und Vertriebenen vermieden es, auf ihre Herkunft aus Schlesien oder Ostpreußen oder dem Sudetenland zu verweisen und versuchten, sich ohne Aufsehen irgendwie durchzuschlagen. Denn nicht nur die Ostpreußen und die Bayern waren einander gründlich fremd und nicht selten spinnefeind.

In Niedersachsen gehörte meine Familie zum „tolopen Pack“, zu den Dahergelaufenen. Die Einheimischen unterschieden sehr genau zwischen sich und den vielen, die nicht dazugehörten. Und so gab es in den harten Nachkriegsjahren womöglich nur eine Währung, nur eine lingua franca, nur eines, das alle verstanden: Arbeit. Was bin ich? Jemand, der auf ehrliche Weise sein Geld verdient. Das Wirtschaftswunderdeutschland definierte sich über seinen Fleiß. Über das, was Franz Josef Degenhardt ein dutzend Jahre später als „Vatis Argumente“ spöttisch besang: „Ärmel aufkrempeln. Zupacken. Aufbauen.“

Doch in den späten 60er Jahren lautete die Antwort auf die Frage zumindest an den westdeutschen Universitäten bereits ganz anders. Die Frage „und was machst du so?“ richtete sich weder auf das Studium noch gar auf ein Berufsziel, sondern auf die politische Orientierung. Ich bin, woran ich glaube.

Identität hat Ort und Zeit, basiert auf lokalen, sozialen, kulturellen Zugehörigkeiten, heißt es. Identität schließt ein und schließt aus. Doch nur ein Bruchteil der fast 14 Millionen Entwurzelten pflegten nach 1945 in den westalliierten Besatzungszonen die alte Identität in Vertriebenenverbänden, in der späteren DDR wurden die Vertriebenen „Umsiedler“ genannt, ihr Schicksal war kein Thema.  Ihre Kinder machten aus dem Manko nicht selten einen Vorteil. Ihre erste Identität bestand darin, nicht dazuzugehören. Kein Ort, keine Kirche, erst recht nicht „Deutschland“ mit seiner unheimlichen Vergangenheit boten Heimat. Also erklärten wir uns zu Kosmopoliten: aus dem Gefühl, ja aus dem Wissen, dass wir nie Teil eines festgefügten Kosmos sein würden.  So blieb das natürlich nicht. Auch das Nichtdazugehörenwollen verfestigt sich irgendwann. Nichtidentität ist auch eine Identität.  Und doch erinnere ich mich gut an das Gefühl der Befreiung, das mit dem trotzigen Bekenntnis zur eigenen Fremdheit einherging. Der Flüchtling ist beweglicher, ohne Rücksicht auf Hergebrachtes. Das Identischsein, womöglich noch mit sich selbst, dieses Ruhen in der Gewissheit der Zugehörigkeit, gibt den Schwachen Sicherheit, aber den Starken ist es ein Gefängnis der eigenen Möglichkeiten. Ohne Identität sein, ohne Definition, ohne Festlegung ist ein anderes Wort für Freisein. Oder?

Wieder Jahre später wurde ein Buch zum Bestseller, dessen Titel „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ lautet. Das ist eine gute Frage. Denn wenn man Identität als etwas Fließendes nimmt, als einen Prozess, als etwas, das sich formt in der Begegnung und Entgegensetzung zum anderen und zu anderen, wird jeder zum Rollenspieler: Ich erfinde mich in jeder Begegnung neu, in der Reibung mit dem Außen, im Spiel mit den anderen. Je est un autre, sagte Rimbaud. Ich ist ein anderer. Ich ist relativ.

Also ist ein jeder ein Schauspieler oder gar ein mehr oder weniger frommer Lügner? Wenn Identität mit einem unveränderlichen Wesenskern identifiziert wird, mag das schon zutreffen. Doch hat nicht schon Schiller solchem Bierernst entgegengehalten: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt?“ Der Philosoph Helmuth Plessner hat sich weit schärfer ausgedrückt: Jemanden mit dem eigenen unverfälschten Ich konfrontieren sei unhöflich, meinte er in seiner 1924 erschienenen Schrift „Die Grenzen der Gemeinschaft“. Wer nur Direktheit in den Beziehungen zwischen Menschen kennt, „hat keinen Sinn für die Ernsthaftigkeit der Heiterkeit, für die Schwermut der Grazie und das Bedeutsame der verhüllenden, nichtssagenden Liebenswürdigkeit“. Die Entwicklung von Identität aus der Situation heraus erzeugt, was man eine „schillernde Persönlichkeit“ nennt: Da ist nichts greifbar, alles ist ein Spiel. Das verleiht Unabhängigkeit und ist zugleich eine gewisse Rücksichtslosigkeit allen gegenüber, die Gewissheit möchten. Und deshalb macht es auch einsam. Denn wer Identität nur als das sieht, worauf jene Ängstlichen pochen, die ihre Grenzen sichern wollen gegen alles Fremde und Ungewohnte, als Erstarrung hinter Jägerzäunen, als etwas, das ausschließt, der verachtet doch nur alle anderen als Hinterwäldler, die sich beschränkt aufs Eigene beziehen. Der aufgeklärte Kosmopolit hingegen zieht unbarmherzig alles Fremde vor. Bis er nach langen Reisen womöglich erkennt, dass das, was er zurückgelassen hat, so stumpf und dumpf gar nicht ist. Wer lange im Ausland war, kommt in ein Deutschland zurück, das entspannt und offen ist. Angestrengt wirken eher jene, die glauben, sich ständig neu erfinden zu müssen, die alles umdefinieren, nichts an seinem Ort lassen, jeder Festlegung ausweichen. Anstrengend ist das auch für die anderen: Sie wollen wissen, worauf sie sich verlassen können. Identität ist auch ein Auskunftsmittel.

Manchmal hat man das Gefühl, als ob genau das auch auf Deutschland zutrifft: die Flucht in die Nichtidentität. Das Land mag sich nicht festlegen, es changiert, je nachdem, was die Welt da draußen in ihm sieht. Nichts scheint hierzulande wichtiger zu sein als was „die anderen“ von uns denken. So vermeidet man, sich festzulegen. 
Viele Jahre lang konnte man sich in solcher Notlage wenigstens auf das große, alles überwölbende Europa beziehen, das uns ersparte, deutsch zu sein. Doch das war bereits eine Illusion, als alles noch so harmonisch aussah. Europas Identität ist doch gerade, keine zu haben. In erbitterten, jahrhundertelangen Fehden bildeten sich die Staatsgebilde heraus, die wir heute kennen – manche entstanden erst im 19. und 20. Jahrhundert. Es ist und bleibt ein Kontinent voller Überraschungen, zu denen nicht zuletzt ausgeprägte nationale Eigenheiten gehören.

Dass sich nationale Eigenheiten zu nationalen Egoismen steigern können, erleben wir verstärkt seit der Währungskrise, die gezeigt hat, dass der Euro nicht eint, sondern spaltet: Sie hat allen Euro-Ländern vor Augen geführt, wie sehr sie sich noch immer unterscheiden, nicht zuletzt, was die jeweilige Wirtschaftskultur betrifft. Der nächste Schrecken ist das Flüchtlingsdrama. Von europäischer Solidarität kann nicht die Rede sein, sie ist, wie so vieles in politischen Sonntagsreden, ein leeres Wort.

Der deutsche Verzicht auf eine nationale Identität und das Fehlen einer europäischen erweisen sich also als durchaus zwiespältig. Worin sind wir uns einig, worauf können wir uns verständigen: Werte? Religion? Geschichte? Das Abendland? Was bieten wir anderen an, was verlangen wir ihnen ab? Anderen Ländern in vergleichbarer Situation hilft die Besinnung auf so etwas wie das nationale Interesse. Doch selbst damit tut man sich hierzulande schwer. Dass Zuwanderung eine Bereicherung sei, gilt nur dann, wenn sie im wohlverstandenen Interesse des Einwanderungslandes geschieht. Unqualifizierte Arbeitslose aber gibt es bereits jetzt genug. Wollen wir also anderen Ländern die Hochqualifizierten abwerben? Dann müsste man es genau so sagen. In einigen Westbalkanstaaten protestiert man bereits deswegen. Zuwanderung in die Sozialsysteme jedoch geschieht sicher nicht im nationalen Interesse – jedenfalls nicht im Interesse all jener, die bereits hier leben. Wer unbegrenzte Einwanderung wünscht, sollte sagen, dass sie die auf einen nationalen Rahmen ausgelegten Sicherheitssysteme sprengt.

Vielleicht sollte man sich auf die lingua franca zurückbesinnen, die Nachkriegsdeutschland trotz so immenser Flüchtlingszahlen verbunden hat: Arbeit. Wer gemeinsam arbeitet, spricht eine gemeinsame Sprache. Das zweite ist eine Art Straßenverkehrsordnung: Wir mögen uns auf unsere Kultur und unsere Werte wenig einbilden. Doch es gibt Regeln des Umgangs miteinander, die auch ohne Worte verständlich sind: Dazu gehören ein unverhülltes Gesicht und ein Händedruck, höfliche Distanz und Gleichberechtigung der Geschlechter, Rechtsstaatlichkeit mitsamt staatlichem Gewaltmonopol sowie eine strikte Beschränkung der Religionsausübung auf die Privatsphäre. 

Man nennt es nicht Identität. Es ist viel mehr: Es ist Zivilisiertheit.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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