15. Oktober 2015

Islam Leise Stimmen jenseits der Klischees

Die Flüchtlings- als Glaubenskrise

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Bildquelle: shutterstock Nur mit der besten Freundin: Diskussion über den Glauben

„Dr. Blume, wie reagieren eigentlich die Muslime auf die Morde im Namen ihres Glaubens?“, so werde ich in diesen Tagen und Wochen sehr häufig gefragt. Einfache Antworten darauf gibt es nicht, weil es „die Muslime“ als einheitlich-geschlossene Gruppe schlichtweg nicht gibt. Je nach Herkunft, Bildungsschicht, Persönlichkeit und nicht zuletzt Konfession (wie sunnitisch, schiitisch, alevitisch beziehungsweise alawitisch) fallen die Wahrnehmungen und Deutungen oft sehr unterschiedlich aus. Doch insbesondere im deutschsprachigen Islam wird intensiv debattiert – wobei die Laut-Eindeutigen die vielen leiseren Stimmen leider oft übertönen. Und an empirisch abrufbaren Zahlen – wie vergleichbar den kirchlichen Aus- und Eintritten – fehlt es leider fast völlig.

Aus Daten und Gesprächen zeigt sich jedoch klar, dass „die Muslime“ auf die brutale Gewalt im Namen ihres Glaubens, vom Islamischen Staat (Irak und Syrien) und Boko Haram (Nigeria) bis zum Konfessionskrieg im Jemen, keineswegs einheitlich reagieren. In vielen Gesprächen im In- und Ausland erlebe ich zum Beispiel: Immer mehr Musliminnen und Muslime ringen angesichts der Geschehnisse mit Verzweiflung und Scham, mit Fragen und Zweifeln zu ihrem Glauben – doch fürchten sie oft (noch), darüber zu sprechen, niemanden zu finden, der sie versteht. Die „alten“ Abwehrargumente – alleine der Westen sei schuld, es sei alles eine Verschwörung der Israelis – Amerikaner – Russen – Türken – Kurden – Briten – Missionare – Ahmadiyya und so weiter – überzeugen immer weniger. Ein erfundenes (!) Zitat, das Angela Merkel zugeschrieben wird, flutet durch die sozialen Medien der islamischen Welt und bringt das empfundene Versagen der herrschenden „islamischen Eliten“ auf den Punkt: „Morgen werden wir unseren Kindern sagen, dass die syrischen Flüchtlinge zu uns gekommen sind – obwohl Mekka, das Herz des Islams, doch viel näher liegt.“

Dass die Ölmonarchien verzweifelte Flüchtlinge mit oft menschenverachtenden Untertönen abweisen und sich die greisen Würdenträger aus (dem mehrheitlich sunnitischen) Saudi-Arabien und dem (mehrheitlich schiitischen) Iran selbst angesichts von vielen hundert Massenpanik-Toten bei der gemeinsamen Hadsch-Wallfahrt doch nur wieder gegenseitig beschuldigen, passt in dieses Bild. Viele „einfache Muslime“ fragen sich, ob und was den Zynikern überhaupt noch heilig sei – und einige tun es inzwischen sogar öffentlich.

Der Zweifel von Schiiten nach der Terrorherrschaft der „Islamischen Republik“ des Iran

Völlig neu ist dieses Phänomen dabei nicht. Schon nachdem die iranischen Revolutionäre 1979 den diktatorischen (und mit dem Westen verbündeten!) Schah gestürzt und eine „Islamische Republik“ ausgerufen hatten, kehrte schnell Ernüchterung, ja Entsetzen ein. Demokratische Kräfte und friedfertige Geistliche wurden von ihren extremeren und korrupteren „Brüdern“ schnell abgedrängt, Folter, Morde und die Verfolgung religiöser Minderheiten wie der Bahai griffen um sich. Viele Schiiten erreichten westliche Länder wie Deutschland als desillusionierte Flüchtlinge vor dem „islamischen“ Regime. Und so ergab eine empirische Befragung 2009 den Befund, dass knapp jeder Dritte schiitische Muslim angab, „nie“ zu beten – mehr als jene, die bekundeten, dies „täglich“ zu tun! Und dies wohlgemerkt unter der Gesamtheit nur jener Befragten, die sich selbst überhaupt noch in der freiwilligen Befragung als schiitische Muslime bekannten!

Von leisen Zweifeln und lauten Absagen

Kritische Debatten über Glaubensfragen waren und sind in vielen traditionell geprägten Familien jedoch (noch) nicht vorgesehen – und die islamische Landschaft bleibt auf freiwillige Selbstorganisation und also ein Übergewicht der frommen bis fundamentalistischen Engagierten angewiesen. So bleiben Fragen und Zweifel oft „Privatsache“, die – wenn überhaupt – nur mit wenigen Freundinnen und Freunden flüsternd ausgetauscht werden können. Berichte über Übertritte zu anderen Religionen wie dem Christentum, den Bahai oder auch die „Wiederentdeckung“ des Zoroastrismus in Kurdistan-Irak häufen sich zwar, doch reduzieren die meisten zweifelnden Muslime einfach still und leise ihr religiöses Engagement (was ihre gesellschaftliche und innerislamische Unsichtbarkeit weiter verstärkt).

Offenere Worte finden sich allenfalls in jenen sozialen Medien, in denen die Akteure anonym bleiben können. So konstatierte auch der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zur Präsentation seines – islamwissenschaftlich umstrittenen – Buches „Mohammed – Eine Abrechnung“ überrascht: „Die wesentlichen Thesen des Buches habe ich in mehreren Internetvorlesungen auf Video aufgenommen und bei Youtube eingestellt. Allein in den vergangenen drei Monaten haben 1,1 Millionen Menschen in der arabischen Welt das angesehen. Beschimpfungen und Bedrohungen bin ich gewohnt. Aber ich war überrascht, wie viel Zuspruch ich bekam. Es gibt einen Diskurs, und das ist ein Zeichen dafür, dass die Muslime in der arabischen Welt bereit sind für eine offene Auseinandersetzung über ihre Religion und ihren Propheten.“ (Hamed Abdel-Samad im „Welt“-Interview, 27.09.2015)

Die Sprachlosigkeit der Mitte

Ist also ein Zerfall der islamischen Welt zu erwarten: In jene, die ihre jeweilige Auslegung fundamentalistisch vertreten und kritische Anfragen mit Verschwörungstheorien abwehren einerseits und jene, die leise oder laut mit dem Islam „abrechnen“ und brechen, andererseits?

Tatsächlich fehlen islamischen Geistlichen, aber auch Künstlerinnen, Buchautoren, Politikerinnen, Journalisten und Wissenschaftlerinnen in den meisten islamisch geprägten Staaten noch die Freiräume, um einerseits Kritik an den krisenhaften Zuständen zu üben, dabei aber auch neue Glaubenswege zu erkunden. Während es etwa auf das kritische Zitat von Papst Benedikt XVI. zu Mohammed kluge, gemeinsame Gelehrten-Briefe gab, dominiert angesichts der derzeitigen sunnitisch-schiitischen Gewaltexzesse und Terroranschläge eine fast schmerzhafte Sprachlosigkeit. Ob mutige muslimische Intellektuelle im Westen – im deutschsprachigen Raum denke ich beispielsweise an Mouhanad Khorchide, Lamya Kaddor und Ahmad Mansour – Vorboten eines künftigen, „mittleren Weges“ sein können oder ob solche Ansätze schließlich doch zwischen religiösen Fundamentalisten einerseits und enttäuschten Ex-Muslimen andererseits zerrieben werden, ist noch nicht abzusehen.

Die Angebote der Menschenfänger

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass derzeit die Stunde sowohl der salafistischen wie der islamfeindlichen Scharfmacher schlägt, die versuchen, die Zweifelnden unter Einheimischen und Flüchtlingen durch Lautstärke auf ihre Seite zu ziehen und ihnen dazu jeweils versprechen, alle Identitätskonflikte widerspruchslos aufzulösen. Doch wer sich wirklich für die Menschen und unsere gemeinsame Zukunft interessiert, sollte lernen, auch die leiseren Stimmen zu hören, die nach Antworten jenseits der alten Schablonen suchen und tasten. Auch künftige Studien dürften die Vereinfacher aller Seiten mit dem Befund überraschen, dass es „die Muslime“ als einheitliche Masse nie gab – und immer weniger gibt…

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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