20. Oktober 2015

Gespräch mit Cao de Benós „Die Effektivität des Kapitalismus muss auf das sozialistische System angewandt werden“

Der Sonderbeauftragte Nordkoreas über internationale Politik

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Bildquelle: Attila JANDI / Shutterstock.com Nordkorea: Die Revolution geht weiter

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Spanisch bei VICE News.

Alejandro Cao de Benós, ein spanischer Aristokrat im Alter von 40 Jahren, dient derzeit Nordkorea als Sonderbeauftragter für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland. Er ist der bisher einzige Ausländer mit solch einem Amt und seine 24 Jahre währende Beziehung zu Pjöngjang hat ihm das Vertrauen des Regimes von Kim Jong-un als Auslandsvertreter eingebracht.

2015 ist ein feierliches Jahr für die Demokratische Volksrepublik Korea aufgrund des 70. Jubiläums der Befreiung von Japan. VICE News sprach mit ihm über die Situation dieses abgeschotteten asiatischen Landes, den Wandel der US-Außenpolitik und die politische Situation Lateinamerikas sowie Spaniens.

VICE News: Wie wird man denn als Spanier zu einem Sonderbeauftragten eines Landes wie Nordkorea?

Alejandro Cao de Benós: Schon seit ich 13 Jahre alt war, habe ich mich für internationale Politik und asiatische Kultur interessiert, vor allem aber für den Kommunismus in jener verworrenen Epoche, als der Sozialismus in der Sowjetunion nach und nach verschwand. Nordkorea fiel mir auf, weil es selbst innerhalb der kommunistischen Länder durch seine allzu orthodoxe Haltung eher isoliert war. Mit 16 Jahren begann ich, Beziehungen zu diesem Land aufzubauen, und gründete anschließend den nordkoreanischen Freundschaftsverein („Korean Friendship Association“), der aktuell bereits mehr als 15.000 Anhänger aus 126 Ländern der Welt zählt. Außerdem setzte ich die erste offizielle Internetseite der nordkoreanischen Regierung auf. Hierdurch erarbeitete ich mir deren Vertrauen, sodass ich schließlich 2002 zum Sonderbeauftragten ernannt wurde und damit der erste und einzige Ausländer in der Geschichte der Volksrepublik mit einem solchen Ehrenamt bin.

Haben Sie damit die doppelte Staatsbürgerschaft?

Die kann ich offiziell nicht haben, da es kein Abkommen für doppelte Staatsbürgerschaft zwischen Spanien und Nordkorea gibt. Allerdings habe ich sie inoffiziell, das heißt ich werde in Korea wie ein Staatsbürger behandelt.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich bin sehr damit beschäftigt, unsere Botschaft in Madrid zu unterstützen, die erst vor einem Jahr eröffnet hat, obwohl diplomatische Beziehungen schon seit 2001 existieren. Alle zwei Wochen bin ich dort vor Ort und helfe unserem Botschafter, obwohl ich mich ja eigentlich um die Beziehungen mit der ganzen Welt kümmere. Ein Großteil meiner Arbeit beruht auf der Zusammenarbeit mit Unternehmergruppen.

Sie haben gerade erst Ihr neues Buch „Alma Roja, Sangre Azul“ (zu Deutsch „Rote Seele, blaues Blut“) vorgestellt, eine biographische Chronik, in der Sie die Anziehungskraft des soziopolitischen Modells Nordkoreas erklären. Dabei haben Sie dafür nicht nur Lob übrig, sondern auch einige Kritikpunkte.

Ich sehe es sehr kritisch, wie unsere Regierung momentan funktioniert, weil wir einfach mit der Zeit mitgehen müssen. Korea ist kein perfekter Staat, und wir sollten bestimmte Aspekte wie die der endlosen Bürokratie unbedingt verbessern. Früher trieb man noch Handel zwischen Regierungen, heutzutage geschieht dies zwischen Staaten und globalen kapitalistischen Unternehmern, die sowohl Schnelligkeit als auch Professionalität erwarten. Wir müssen diese bürokratisierte sowjetische Arbeitsweise weiterentwickeln, hin zu einer flexibleren und moderneren.

Du kennst Kim Jong-un sogar persönlich. Wie würdest Du denn den großen Führer beschreiben?

Unser höchstes Amt wird von zwei Personen besetzt, das heißt einerseits von unserem ewigen Präsidenten Kim Il-sung und andererseits von unserem Führer Kim Jong-un. Er ist eine sehr umgängliche und herzliche Person. In der Führung des Militärs ist er sehr hart und unbeirrbar, genauso wie es schon Kim Jong-il war. Das Volk steht hinter seiner Regierungsweise, weshalb er auch die Unterstützung der Partei genießt. Die westlichen Medien berichteten, dass er daran war, Reformen einzuleiten und sich mehr dem Kapitalismus zuzuwenden, aber ich denke, dass er bewiesen hat, gerade das nicht zu tun. Kim Jong-un ist unser Führer, weil dies der letzte Wille von Kim Jong-il war und weil jener durch seine Taten gezeigt hat, dass er ein Garant für die Fortführung der Revolution ist.

Kann sich Nordkorea zu einem ähnlichen Modell wie dem chinesischen entwickeln, also zu einem Hybrid aus Kommunismus und Kapitalismus?

Korea ist selbst souverän und wird niemals dem Beispiel Chinas folgen. China ist ein sogar noch viel kapitalistischerer Staat als jeder europäische, da es schlicht das gesamte soziale System zerstört hat. Sogar Spanien mit der aktuell regierenden Volkspartei ist erheblich kommunistischer und sozialistischer als China. Selbstverständlich braucht es eine Professionalisierung, Modernisierung und Internationalisierung des Staatsgebildes, um produktiver zu sein und dem Volk wirklich zu dienen. Die Effektivität des Kapitalismus muss auf das sozialistische System angewandt werden.

Aber ist es denn in einem vom Kapitalismus dominierten Weltgefüge für solch ein System überhaupt möglich, zu überleben?

Selbstverständlich. Wir haben dies schon zwischen 1995 und 2000 geschafft, als wir alle Handelspartner und befreundete sozialistische Nationen verloren hatten. Damals hatten wir keine Importe oder Exporte mehr, kein Wasser, keinen Strom und so weiter. Solange wir einen Führer mit Durchhaltewillen haben sowie eine Regierung, die sich vereint gegen die Aggressionen von außen stellt, ist das Überleben der Revolution gesichert.

Die UNO bat Nordkorea neulich darum, die angespannte Lage nicht noch weiter zu verschärfen und erneute militärische Machtdemonstrationen auf der Halbinsel zu unterlassen.

Es ist durchaus kurios, dass die UNO von Provokation spricht und davon, dass Nordkorea die Spannung verschärfe, wenn es doch eigentlich nur sein eigenes Territorium verteidigt. Nordkorea steckt seine Nase nicht in Angelegenheiten anderer Länder und droht auch nicht damit, in diese einzumarschieren. Es sind ja gerade die Vereinigten Staaten, die alle zwei oder drei Monate Militärmanöver starten und Bomber sowie Atom-U-Boote dafür einsetzen. Das Problem dabei ist, dass sie das auf fremdem Boden machen, das heißt in Südkorea, und zwar nicht auf weit entferntem Gebiet, sondern direkt an der Grenze zu Nordkorea. Der Koreakrieg von 1953 wurde im übrigen nicht beendet, sondern es wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der gleichzeitig die Grenzziehung zwischen den Ländern auf dem 38. Breitengrad vorsieht. Auf dem Seegebiet allerdings gelangte man zu keiner Einigung, und die USA zogen darauf einseitig ihre Seegrenze, die im nördlichen Teil bis über den 40. Breitengrad hinausreicht. Unsere militärischen Demonstrationen dienen als Warnung, dass wir im Fall einer Grenzmissachtung entsprechend reagieren werden, weil wir es nicht tolerierten, wenn unser Land besetzt würde.

Gemäß dem südkoreanischen Geheimdienst hat Nordkorea seinen Verteidigungsminister mit einer Flugabwehrrakete hinrichten lassen, VICE News hat dies bereits in einigen Artikeln in Zweifel gezogen. Was gilt in dieser Angelegenheit denn für Sie als gesichert?

Das ist alles eine Lüge. Die Hinrichtung des Verteidigungsministers wurde selbst vom südkoreanischen Ministerium für Wiedervereinigung dementiert. Der von der CIA gesteuerte südkoreanische Geheimdienst befasst sich neben der Spionage mit der Streuung von Propaganda, um unser politisches System zu zerstören. Im Anschluss an die angebliche Hinrichtung erschien der Verteidigungsminister übrigens noch im offiziellen Fernsehen, wo er Reden hielt. Das erzählen die westlichen Medien jedoch nicht, und genau das ist das Problem, weshalb Nordkorea in der öffentlichen Meinung noch immer als geisteskrank erscheint und angeblich jeden hinrichten lässt. Eine Flugabwehrrakete ist das am wenigsten effektive Mittel, um eine Person hinzurichten. Obwohl es völlig absurd ist, wurde es veröffentlicht und damit zur Schein-Wahrheit. Ein darauffolgendes Dementi wird dann aber mit keinem Wort erwähnt.

Sie waren schon immer ein Befürworter der koreanischen Wiedervereinigung. Sind wir heute aus Ihrer Sicht davon noch weit entfernt?

Sollten die progressiven Kräfte in Südkorea an die Macht kommen, könnte die Wiedervereinigung in 15 Jahren Realität werden. Wenn diese Kräfte regieren, wird es eine Annäherung geben. Schon in den Jahren 2000 und 2007 gab es zwei Übereinkünfte, die den Bürgern freies Reisen und damit Familien das Wiedersehen ermöglichen sollten, außerdem sogar den Wechsel des Wohnsitzes. Beide Einigungen wurden zwar von der südkoreanischen Partei der Konservativen annulliert, zeigen aber dennoch, dass wir trotz ideologischer Differenzen miteinander reden und Korea Frieden bringen können.

Der UNO-Bericht aus dem Jahr 2014 klagt Pjöngjang an, gegen Menschenrechte zu verstoßen, durch Verhaftung und willkürliches Einsperren von Dissidenten.

Im Fall des UNO-Forschungsausschusses für Menschenrechte in Nordkorea hat man herausgefunden, dass zwei der Hauptzeugen, die für die Anklage von großer Bedeutung waren, sich anschließend davon distanziert haben und ihnen selbst von westlichen Journalisten widersprochen wurde. Diese Anklagen sind die reinste Propaganda, wie es auch schon die Lüge von den Massenvernichtungswaffen im Irak war, mit der die Invasion gerechtfertigt wurde. Wenn die USA ihre imperialistische Politik umsetzen wollen, können sie dies nicht direkt machen, weil es dann überheblich wirken würde, sondern sie müssen sich dafür der UNO bedienen, die dann die entsprechenden Resolutionen zu ihren Gunsten beschließt.

In Nordkorea gibt es keinen Internetzugang, was gerade zu Lasten der lokalen Bevölkerung geht, die dadurch keinen freien Zugang zu Informationen hat. Sind solche Maßnahmen wirklich notwendig, um das Überleben des politischen Systems zu sichern?

Es beginnt auf der Welt ein ständiger Kampf mittels der Medien und deren Propaganda. Je mehr Zugang man zu eben diesen Medien hat, desto mehr besteht die Möglichkeit, dass solche Ideen in der Bevölkerung Fuß fassen. Wir können da nicht tatenlos zusehen, weil die Amerikaner schlicht mehr Medien und Technologie besitzen als Korea, wie beispielsweise Radio, das rund um die Uhr jeden mit Propaganda bombardiert, die nur darauf ausgerichtet ist, uns zugrundezurichten. Nicht nur das, sie lassen auch Ballons gepackt mit Pornofilmen, anderen amerikanischen Filmen und Dollars gezielt in unser Land fliegen. Auf verschiedenste Arten attackieren sie uns, um unser System zu zerstören, und natürlich müssen wir dem entgegenwirken; durch eigene Informationen in unseren Medien und Sicherheitsmaßnahmen, damit die Menschen den Weg der Revolution weiter gehen.

Wie wirken sich denn die von den USA verordneten Sanktionen auf das nordkoreanische Volk aus?

Das koreanische Volk ist schon sehr lange den Sanktionen der USA ausgesetzt und hat sich in gewisser Weise daran gewöhnt. Auch wenn es oftmals schwierig ist, ist es nicht unmöglich, die Sanktionen zu umgehen. Derzeit kommen viele Produkte aus Drittländern, und wenn wir etwas exportieren möchten, benutzen wir ausländische Brückenunternehmen. Da der Kapitalismus sich für Geld verkauft und die Mehrheit der Leute in Ländern wie China korrupt ist, sind die Dinge zwar teurer, aber man kann im Prinzip alles bekommen, was man will. Die Sanktionen sind völlig unsinnig und werden es niemals ansatzweise schaffen, unser System zu zerstören. Die Schweiz zum Beispiel weigerte sich, uns Ausrüstung für unser neues Ski-Zentrum in Masik zu liefern, wo wir ein Fünf-Sterne-Hotel eröffnet haben und wohin jeder gratis skifahren gehen kann. Wir haben sie schließlich doch noch über andere Länder erhalten können.

Was tut man in Nordkorea gegen Korruption?

In Nordkorea wird Korruption nicht toleriert. In 24 Jahren wurde ich bisher noch nie versucht zu bestechen, auch nicht wenn es bei Handelsverhandlungen um Beträge von mehreren Millionen Euro ging. Korea hat eine Politik der Null-Toleranz. Ein einfacher Diebstahl zieht gemeinnützige Arbeit und den Verlust des Amtes oder Jobs nach sich. Wenn jemand größere Mengen stiehlt, winken 15 Jahre Zwangsarbeit ohne Gehalt und ohne Möglichkeit, die eigene Familie zu sehen. Diese drastischen Maßnahmen dienen als Prävention, sodass es niemandem auch nur in den Sinn kommt, solche Taten jemals zu erwägen.

Obwohl der Konsum illegal ist, wurde berichtet, dass es in Nordkorea nichts Ungewöhnliches sei, Marihuana und Opium zu sich zu nehmen. Ist das wahr?

Der Konsum von Alkohol und Tabak zum Selbstdrehen ist in der Tat erlaubt, aber nicht der anderer Drogen. Die Berichte über die Tolerierung von Marihuana- und Opiumkonsum sind reine Erfindung der westlichen Presse. In den 24 Jahren, seit ich nach Nordkorea gereist bin, habe ich niemanden einen Joint rauchen sehen. Es gibt Hanfplantagen, aber die sind für die industrielle Verwendung, zum Beispiel als Faserstoff.

Obamas Amtszeit währt nicht mehr lange, und es scheint, als habe er eine neue Richtung in der Außenpolitik eingeschlagen. Wie finden Sie die Annäherung zwischen Kuba und den USA?

Es ist positiv, dass Kuba nun Frieden hat und seine Wirtschaft und den allgemeinen Lebensstandard verbessern kann. Die Frage dabei ist: zu welchem Preis? Die USA werden von Kuba verlangt haben, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, die ihnen selbst von Vorteil sein würden, zum Beispiel eventuell bevorzugte Behandlung beim Handel. Der Bürgermeister von New York hat die Insel vor kurzem mit einem Gefolge aus Unternehmern besucht, und das sicher nicht rein zufällig oder aus Liebe zum Rum. Es geschieht aus rein ökonomischen Interessen, weil sie das erste Stück vom Kuchen haben wollen. Ich vermute, dass Kuba einen Teil der Souveränität und seines Binnenhandels abtreten werden muss. Es läuft insgesamt auf ein kapitalistisches Modell wie in China hinaus, und das freut mich gar nicht, denn Kuba wird auf der politischen Ebene viel verlieren.

Und was ist mit dem Atomabkommen mit dem Iran?

Der Fall des Iran ist ein ganz anderer. Dessen Bevölkerung ist nicht unter einer gemeinsamen Ideologie vereint. Die Gesellschaft ist nicht kommunistisch, ihre Eintracht beruht auf einer Religion, die Befürworter und Gegner hat, in diesem Fall Bärtige und Nicht-Bärtige. Es ist eine sehr durchlässige Gesellschaft, da dort fast jeder Satellitenempfang hat und dadurch von nordamerikanischem Müll wie MTV durchtränkt wird. Die Jugend ist sehr westlich ausgerichtet, und obgleich der Iran um seine Sicherheit fürchten muss, für die er sein Atomprogramm benötigt, machen es seine wirtschaftliche Abhängigkeit und der Druck durch die Bevölkerung nötig, solche Abkommen anzustreben. Ich bin mir sicher, dass der Iran in Zukunft das militärische Ziel der USA sein wird. Konflikte wie der in Syrien sind nichts als ein Vorwand, um das Land zu umzingeln und letztendlich einzunehmen. Falls der Iran plötzlich einen falschen Schritt macht, wird er im Handumdrehen überfallen werden, wie zuvor schon der Irak.

In der Ukraine lebt gerade ein neuer kalter Krieg auf. Wie sehen Sie diesen Konflikt?

Es ist einfach ein neuer Fall von imperialistischer Expansion der USA, wobei es hier wieder nicht direkt geschieht, sondern indem alliierte Gruppen bewaffnet werden, um dann eine innere Revolte auszulösen. Das haben sie schon in Libyen getan oder in Rumänien, als Ceauşescu fiel. Alles erfolgt durch Geheimdienste, sodass es am Ende wirkt, als wäre der „Frühling“ innerhalb des Landes entstanden. Washington wird weiterhin inoffiziell die Ukraine finanzieren und unterstützen, um dort Militärbasen am Tor zu Russland aufzubauen. Russland unter Putin, das rein gar nichts mehr für den Kommunismus übrig hat, muss schnell eine Entscheidung treffen, um in diesem territorial nicht begrenzten Konflikt nicht überrannt zu werden.

Was ist Ihre Meinung zur Situation in Venezuela?

Es ist der Regierung dort hoch anzurechnen, mehr links als rechts zu sein und sich eher an die Idee der Gleichheit und des Sozialismus anzunähern, als sich dem Imperialismus anzubiedern. Nichtsdestotrotz wurde ein großer Fehler begangen, indem ein Quentchen Kapitalismus noch zugelassen wurde, was sich nun gegen das Land wendet. Maduro wurde vom Volk gewählt, aber wenn man an die Macht gelangt, muss man einen Wandel einläuten, denn wenn man eine elitäre Klasse unterhält, die über die Kontrolle der Produktionsmittel sowie über Ressourcen verfügt, werden die Unternehmer ihre Mittel und Macht nicht an die Regierung abtreten wollen, und dieser Umstand erfordert einfach eine Verstaatlichung. Die eigenen Unternehmer bewaffnen die Leute, und die Minderheitsopposition wird von den USA sowohl gut bezahlt als auch mittels der nordamerikanischen Kommunikationskanäle in gutem Licht dargestellt. Solange eine sozialistische Regierung nicht fähig ist, Probleme wie die permanente Unsicherheit sowie die hohe Mord- und Kriminalitätsrate in drei oder vier Jahren zu lösen, macht sie ihren Job einfach nicht gut.

Was halten Sie von sozialen Bewegungen wie der des 15. Mai in Spanien, die nun in die Politik einziehen? Und von Pablo Iglesias?

Ich befürworte es, dass so zahlreiche junge Menschen die Zügel der Macht an sich nehmen wollen, sogar in Opposition zur Oligarchie und den Banken treten. Diese Bewegung macht es perfekt, indem ihre Aktionen und Kampagnen auf viel geordnetere Weise ablaufen, aber solche Erfindungen wie Podemos und ihr Anführer Pablo Iglesias gerade nicht, weil er die Bevölkerung nur belügt. Er sagt immer wieder, dass es einen Wandel geben würde, wo es doch gerade unmöglich ist, mit den aktuellen Strukturen so etwas jemals zu realisieren. Es lässt sich keine neue Gesellschaft erschaffen, während man dieselben Banken und dieselbe reiche Klasse unangetastet lässt, die gleichzeitig diejenigen Kapitalisten sind, die das Schicksal des Landes in der Hand haben. Ich habe Pablo Iglesias niemals sagen hören, dass er Wohnungen enteignen würde, obwohl doch die erste Maßnahme, die eine echte Volksregierung umsetzen müsste, wäre, allen verfügbaren Wohnraum kostenlos dem Volk zur Verfügung zu stellen. Er ist rhetorisch in der Tat großartig, aber zugleich auch ein Lügner und Heuchler. Sollte er eines Tages an die Macht kommen, würde dasselbe passieren wie mit Lula in Brasilien, der auch versprochen hatte, eine sozialistische Republik zu schaffen, dann aber fatal aufgrund der Korruption und der Volksproteste scheitern musste, die sich gegen ihn wendeten.

Was denken Sie über den Islamischen Staat (IS)?

Es ist der neue Faschismus des 21. Jahrhunderts, nur mit dem Unterschied, dass nun Gott selbst befiehlt und ein irdischer Führer somit nicht mehr vonnöten ist. Wenn der Führer selbst stirbt, kann auch die faschistische Bewegung untergehen, aber wenn es sich um eine Bewegung handelt, die auf dem Willen Gottes fußt, kann es nur totale Anarchie geben. Der Islam beinhaltet diverse Elemente des Imperialismus, die schon im Koran beschrieben sind, und mit dieser Mischung ist es ganz einfach, Hass zu verbreiten. Ich glaube, dass sich der IS eines Großteils des Mittleren Ostens bemächtigen wird und dann seine Expansion Richtung Europa und andere Länder voller Ungläubigen fortführen wird. In denjenigen westlichen Nationen, wo Muslime leben, werden sich einige davon radikalisieren. Das ist nun einmal die Realität, so sehr sie auch García-Margallo ignorieren mag, wenn er sagt, dass man dies in keinem Fall zu einem Krieg zwischen dem Westen und dem Islam hochstilisieren dürfe.

Übersetzung aus dem Spanischen: Tobias Zepf exklusiv für eigentümlich frei.


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Dossier: Asien

Autor

David Meseguer

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