01. November 2015

Flüchtlingspolitik Logik, Gefühl und die Macht der Bilder

Die Gesellschaft hat versagt, wenn Kinder erfrieren

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Bildquelle: Alexandre Rotenberg / Shutterstock.com Braucht Hilfe: Flüchtlingskind

Weltliche Logik entspricht nicht zwingend der Logik Gottes, bei der das Weltbild erweitert wird um die Dinge, die sich außerhalb des Materiellen abspielen. Insofern muss unser Glaube in sich logisch sein – für manchen stellt schon der Glaube an Gott eine mangelnde Logik dar, das bedeutet aber nicht, dass der Glaube in sich unlogisch sein muss. Da ist dann auch das Thema Barmherzigkeit wieder gefragt – eine Barmherzigkeit, die nicht in Unlogik enden sollte, sondern diese ergänzt. Etwas platt gesagt: Barmherzigkeit als Teil der Logik Gottes! Kritisch wird das erst, wenn die Interpretation der Barmherzigkeit die Vernunft untergräbt.

Das Thema Vernunft und Logik spielt auch bei der Flüchtlingskrise dieser Tage eine große Rolle. Da stellt sich die Frage, ob es vernünftig ist, langfristig haltbar, die Grenzen für möglichst viele Menschen zu öffnen, wohl wissend, dass viele von ihnen nicht wirklich Flüchtlinge sind, sondern „nur“ vor widrigen Lebensumständen fliehen. Ist es vernünftig, je nach Schätzung Millionen von Menschen aus anderen Kulturräumen aufzunehmen, bei denen man nicht ernsthaft davon ausgehen kann, dass man sie alle in die bestehende Gesellschaftsordnung oder wenigstens den Arbeitsmarkt integrieren kann? Diese Art der Vernunft ist allerdings eine weltliche, die andere Fragestellungen nicht in Betracht zieht.

Und wenn Barmherzigkeit zur Logik Gottes gehört, dann können einen Bilder wie das über einem Bericht mit dem Titel „Es ist eine Frage der Zeit, wann das erste Baby erfriert“ und mit dem Untertitel „Flüchtlingskinder essen am Mittwoch auf einer Wiese an der deutsch-österreichischen Grenze in Österreich vor Wegscheid und warten auf ihre Einreise nach Deutschland“ schon zweifeln lassen. Es braucht schon ein Herz aus gehärtetem Stahl, damit einem das kleine Mädchen, das in der Kälte sitzt und aus einem Plastikteller isst, in etwa im Alter meiner eigenen Tochter, nicht den Ansatz von Tränen in die Augen treibt. Mir erscheint, und ich bin mir der mangelnden Rationalität meines subjektiven Empfindens durchaus bewusst, es einfach nicht vernünftig, so zu tun, als gäbe es dieses Mädchen nicht, oder den toten Jungen, dessen Bild vor ein paar Wochen durch die Presse ging und der heute schon wieder fast vergessen ist.

Ob das Mädchen und seine Familie Anspruch auf Asyl haben? Ich weiß es nicht, genau so wenig weiß ich, ob die Eltern verantwortlich gehandelt haben, als sie ihren Kindern die Flucht zugemutet haben. Ich kenne auch die Berichte vom hohen Anteil alleinreisender muslimischer Männer, die in Europa und mit Schwerpunkt Deutschland Asyl beantragen. Auch hier gibt es die unterschiedlichsten Zahlen, und es kann einem angst und bange werden, wenn man sich vorstellt, welche kulturellen Auswirkungen eine Völkerwanderung aus den Kriegs- und Armutsgebieten dieser Welt bedeuten kann. Und ich weiß auch, dass Bilder wie das von dem Mädchen instrumentalisiert werden, um für eine liberale(re) Flüchtlings- und Einwanderungspolitik den Boden zu bereiten.

Aber ist es deshalb vernünftig, diese Bilder einfach zu vergessen, so zu tun, als ob es keine echten Flüchtlinge, Männer, Frauen, kleine Kinder, gäbe? So zu tun, als ob es auf der Welt nicht echte Fluchtgründe gäbe, die auch mich selbst antreiben würden, meine Familie zu packen und abzuhauen? Leider gibt es diejenigen, die die Flüchtlingspolitik missbrauchen, leider gibt es Asylmissbrauch. Aber ist es vernünftig, aus diesem Grund gleich an den Grundlagen der Asylpolitik zu schneiden?

Ich bin weiterhin ein Gegner der „Wir schaffen das!“-Doktrin der Kanzlerin, einfach weil ich nicht weiß, ob und wie wir es schaffen, ich weiß nicht mal genau, was wir da schaffen sollten und ob es zukünftig einen Konsens darüber geben wird, was wir uns bemühen wollen, zu schaffen. Aber auch wenn ich Kollektivismen nicht mag: Wenn wir es nicht schaffen, dem Mädchen auf dem Bild ein Dach über dem Kopf zu geben, wenn wir es nicht schaffen, eine menschenwürdige Lösung für es und seine Familie zu erreichen, wenn sich der Titel des Beitrags tatsächlich erfüllen sollte und die ersten kleinen Kinder von Flüchtlingen in Mitteleuropa erfrieren, dann haben wir als Gesellschaft, die viel auf ihre christlich-abendländische Kultur hält, versagt. Es kann ja gerne jemand versuchen, mir zu erklären, warum es vernünftig und damit richtig und gut sein sollte, diese Kinder ihrem Schicksal zu überlassen.

„Tagesspiegel“: „‚Es ist eine Frage der Zeit, wann das erste Baby erfriert‘“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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