03. November 2015

Protestsymbolik Rechte Galgen – linke Galgen

Bei inszenierten Morden wird mit zweierlei Maß gemessen

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Bildquelle: shutterstock Zweifelhaftes Protestsymbol: Galgen

Seit dem 12. Oktober ist der Galgen aus unseren Nachrichtensendungen nicht mehr wegzudenken. Ein Pegida-Demonstrant hielt ihn in Dresden in die Höhe. Daran befestigt waren zwei Schilder an Seilen, eins für Angela Merkel und eins für „Siegmar“ Gabriel. Der Zorn eines armen Irren hatte in diesem symbolischen Mordinstrument seinen durchaus bedrohlichen Ausdruck gefunden. Er wusste nicht einmal, dass „Sigmar“ ohne „e“ geschrieben wird. Die Beurteilung der Tat war daher einhellig: ein kompletter Vollidiot. Typisch rechts beziehungsweise rechtsradikal. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Zwei Tage zuvor war bei einer Demonstration gegen das geplante TTIP-Abkommen in Berlin ein Schafott mitgeführt worden. Mit allen Insignien dieses ebenfalls äußerst effektiven Mordinstruments: Die Klinge zeigt die gerätespezifischen Gebrauchsspuren – rote Blutspritzer. Doch die Menschen im Demonstrationszug sind fröhlich und begleiten das Schafott mit einem milden Lächeln auf den Lippen. Keiner stört sich an dem mitgeführten Mordinstrument. Auch nicht daran, dass oben ein Schild be­festigt ist, auf dem steht: „Pass blos auf! Sigmar“. Abgesehen davon, dass sich der Konstrukteur des TTIP-Schafotts mit der deutschen Rechtschreibung offensichtlich noch deutlich weniger auskennt als der Pegida-Galgenvogel, ist eine „qualitative“ Einstufung beider Taten nur beschränkt möglich. Der eher linke Hintergrund der TTIP-Demo und das damit offenbar verbundene hehre Ziel des potentziellen Fallbeil-Meuchelmörders führten jedoch dazu, dass das Schafott flugs aus den Nachrichten ver­schwand. Der Galgen aber blieb. Und damit die Frage: Sind linke Mörder bessere, gerechtere Mörder?

Um diese Frage zu beantworten, schauen wir einige Jahre zurück auf ein unsägliches Kapitel deutscher Geschichte: Wir schreiben den 16. Februar 1999. In der Halle Z der Salzgitter AG in Drütte hängt eine lebensgroße Puppe an einem Hubwagen. Die Puppe symbolisiert mich, damals Chef der Salzgitter AG. Gleichzeitig wird dazu aufgerufen, mich zu „teeren“ und zu „federn“. Neben dem Hetzplakat eine IG-Metall-Fahne. Ein Jahr zuvor hatte ich mich als Chef der Preussag Stahl AG und Vorstand der Preussag AG geweigert, die um 2,5 Milliarden D-Mark gefälschte Bilanz des Mutterkonzerns zu unterschreiben. Danach war die Preussag Stahl AG mit Hilfe der niedersächsischen Landesregierung und Ministerpräsident Schröder aus der Preussag AG herausgelöst und als „Salzgitter AG“ an die Börse gebracht worden. Für Schröder war dieser Coup die Fahrkarte nach Bonn – als neuer Bundeskanzler. Vizeaufsichtsratschef blieb weiterhin IG-Metall-Vorstand Horst Schmitthenner. Vize-Aufsichtsratschef blieb er aber auch bei der Preussag, wo er die gefälschte Bilanz problemlos abgenickt hatte. Am 15. Oktober 1998, Gerhard Schröder war noch keinen Monat in Bonn, versuchte die Arbeitnehmerbank unter Schmitthenners Führung erstmals, mich als Chef der Salzgitter AG rauszuwerfen. Das verhinderte jedoch das Kanzleramt. Daraufhin informierte ich am 19. Oktober 1998 die Landesregierung unter Neu-Ministerpräsident Glogowski ganz offiziell über zahlreiche ungesetzliche/kriminelle Vorgänge im Umfeld der Preussag und deren Muttergesell­schaft WestLB. 18 Vermerke übergab ich maschinengeschrieben, einen handschriftlich. Keine 40 Tage später konnte ich in der heimischen Presse lesen, ich hätte nur noch eine „Galgenfrist“ als Chef der Salzgitter AG. Nach Schröders Abgang nach Bonn wollten Ministerpräsident Glogowski und SPD-Fraktionschef Gabriel das Stahlunternehmen panikartig wieder loswerden. Am 16. Februar 1999 folgte der finale Showdown vor Funk und Fernsehen in der Halle Z. Die Galgenfrist war abgelaufen. In der Halle Z wurde ich mit dem ohrenbetäubenden Lärm hunderter von Trillerpfeifen empfangen. Die Halle war erfüllt von Hass und Verleumdungen. In der ersten Reihe in unmittelbarer Nähe der aufgehängten Selenz-Puppe saßen meine Vorstandskollegen und SPD-Hoffnungsträger Hubertus Heil. Im Krieg waren in dieser Halle keine 50 Meter von der Puppe entfernt zwei Häftlinge von SS-Schergen direkt am Arbeitsplatz aufgehängt worden. Die Reichswerke Hermann Göring in Drütte dienten von Sep­tember 1942 bis April 1945 als KZ. Das KZ Nr. 316 – Drütte – war Außenlager von Neuengamme.

Am 16. Februar 1999 machten es die Betriebsräte als Gastgeber der Hinrichtungs-Show wie die SS. In einem Stahlwerk kann man einen Delinquenten halt überall im Betrieb aufhängen. Ein in der deut­schen Nachkriegsgeschichte singulärer Vorgang auf dem Gelände eines ehemaligen KZ. Zwei Tage später begleitete ich Gerhard Schröder im Regierungs-Airbus beim ersten Besuch in Moskau. Gerhard: „Das ist ja ganz schrecklich.“ Staatsanwalt Brunke konnte indes keinen Täter ermitteln. Handelte es sich bei dem inszenierten Mord auf dem KZ-Gelände also nur um einen harmlosen linken „Ersatz“-Galgen?


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Dossier: Protestkultur

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Hans-Joachim Selenz

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