04. November 2015

Psychologie Charisma schlägt Kompetenz

Sie schaffen das!

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Bildquelle: shutterstock Kann wahlentscheidend wirken: Die richtige Frisur

„Wir schaffen das!” versicherte uns vor einigen Wochen die deutsche Regierung in Bezug auf die Flüchtlingskrise. Sollen uns diese Worte beruhigen? Naja, ich bin mir da nicht so sicher. Denn immerhin ist es die gleiche Regierung, die den Berliner Flughafen baut.

Marketingtechnisch jedoch ist das sichere Proklamieren von optimistischen Parolen nicht dumm. Kein Wähler möchte in Wahrheit hören, dass die Regierung bestimmte Dinge eventuell nicht im Griff haben könnte. Wenn eine Führungsperson öffentlich zugibt, dass sie den aktuellen Entwicklungen hilflos gegenübersteht, fliegen ihr nicht gerade die Herzen zu. Auch, wenn wir manchmal sogar im Innersten wissen, dass „die da oben” keinerlei Idee oder Plan haben, lassen wir uns von charismatischem Auftreten nur allzu gerne blenden. Dazu hat vor einigen Jahren der Psychologe Alexander Todorov von der Princeton University einen bemerkenswerten Test durchgeführt: Er zeigte seinen Studenten einen kurzen Augenblick Portraitfotos von jeweils zwei ihnen unbekannten Männern und forderte sie dann auf, spontan zu entscheiden, welche der beiden Personen in ihren Augen kompetenter wirkt. Was die Studenten nicht wussten: Bei den Paarungen handelte es sich um reale Politiker, die bei unterschiedlichen Wahlen gegeneinander antraten. Das verstörende Ergebnis: In 70 Prozent aller Fälle entsprachen die Entscheidungen der Studenten dem tatsächlichen Wahlgewinner! Nicht, weil er möglicherweise kompetenter als sein Gegner war, sondern weil er den Wählern lediglich kompetenter erschien.

Selbst bei so etwas Wichtigem wie einer politischen Wahl spielen für uns Rationalität und logische Argumente offenbar eine untergeordnete Rolle. Vernunft kann uns davor bewahren, als kompletter Idiot dazustehen, aber sie wird uns nicht davon abhalten, unsere Stimme einer Flachpfeife mit tollem Haarschnitt zu geben.

Auch in anderen Branchen funktioniert das Prinzip der Kompetenzillusion. 1983 engagierte der Konzern AT&T die Unternehmensberater McKinsey, um die Zukunft des mobilen Telefonmarktes zu prognostizieren. McKinsey prognostizierte: Bis zum Jahr 2000 werden höchstens 900.000 Amerikaner mobil telefonieren. Die Realität jedoch sah ganz anders aus. Im Jahr 2000 telefonierten bereits 109 Millionen Amerikaner schnurlos. Die Vorhersage der smarten Jungs mit Rollkoffer und Laptoptaschen lag um den Faktor 120 daneben! AT&T verlor die Marktführerposition und wurde 2005 von Southwestern Bell gekauft. Und McKinsey? Wuchs und wuchs und kam vollkommen ungeschoren davon.

Wer es schafft, nach außen hin Kompetenz auszustrahlen, der kann noch so oft den Laden gegen die Wand fahren, ohne an den Pranger gestellt zu werden. Wer kompetent erscheint, versagt nicht, er verursacht höchstens einen unabwendbaren Kollateralschaden, den man schon nach einiger Zeit wieder vergessen hat. Der charismatische Helmut Schmidt trieb während seiner Amtszeit als Bundeskanzler die Staatsverschuldung in historische Höhen und gilt dennoch in der Bevölkerung heute als umsichtiger Wirtschaftsweiser.

Charisma schlägt Kompetenz. Der eher uncharismatische Berti Vogts führte als Bundestrainer die Fußballnationalmannschaft 1996 zum Europameistertitel und wurde trotzdem vom Fußballvolk immer als „Bundesberti” belächelt. Ganz anders der ewig lächelnde Jürgen Klopp. Der könnte vermutlich Bayern München in die Drittklassigkeit führen und würde bei vielen Fans immer noch als Wundertrainer gelten.

Deswegen mein Tipp: Sollten Sie keine Ahnung haben und dummerweise in einer Führungsposition sitzen, dann sollten Sie es auf jeden Fall vermeiden, zuzugeben, dass Sie keinen blassen Schimmer haben. Tun Sie stattdessen alles dafür, um Ihre Ahnungslosigkeit gekonnt zu vertuschen. Arbeiten Sie sich oberflächlich in das Thema ein und simulieren Sie ab dann souveränes Expertentum. In Insiderkreisen spricht man von einer fundierten „Inkompetenzkompensationskompetenz”. Sie schaffen das!!!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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