05. November 2015

Margot Käßmann und die Bundespräsidentenwahl Manchmal kommen sie wieder

Den Menschen ist es schnurz

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Bildquelle: Wikimedia Commons/James Steakley Margot Käßmann: Die nächste Bundespräsidentin?

Angesichts der Nachrichtenlage fallen die kleineren Hiobsbotschaften dieser Tage leicht durch den Rost. Ein Verdacht, der zum Beispiel in gutinformierten Hörfunksendungen immer wieder mal kolportiert wird: Margot Käßmann, der blaue Engel von Hannover, könnte bei der Bundespräsidentenwahl 2017 ins Spiel kommen, sofern Joachim Gauck nicht erneut antritt.

Ins Gespräch gebracht wird die gegenwärtig als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ Geparkte wohl von einem anonymen Unterstützerzirkel, der die Dame bereits 2010, unmittelbar nach ihrem Rücktritt von allen Kirchenämtern wegen ihrer Rote-Ampel-Tour durch die Leine-Stadt, tapfer als First Lady favorisierte. Und auch 2012, als der Bundespräsidentenposten wegen des Wulff-Rücktritts neu besetzt werden musste, tauchte in der „Zeit“ und andernorts prompt der Name Käßmann in der Liste der angeblich Geeigneten auf.

Es ist nämlich so: Während die Begehung einer Straftat mit anschließender Verurteilung für gewöhnliche Sterbliche eher karrierehinderlich sein kann, verhielt es sich im Fall Käßmann genau andersherum. Den Höhepunkt ihrer Popularität erreichte die Pfarrfrau, als sie mit dem steinerweichenden Spruch „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“ auf einer legendären Pressekonferenz publikumswirksam demissionierte. Die Reuige-Sünderin-Nummer kam derart gut an, dass die „Taliban-Flüsterin“ (Gideon Böss in der „Welt“) zur Königin der deutschen Herzen avancierte.

Aber langt das für den Job der obersten Grüßaugustine? Es kommt darauf an, wie die Machtkonstellationen in zwei Jahren ausschauen. Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt, die einzig zu diesem Zweck zusammenkommt. Die besten Chancen hat, wer Positionen vertritt, die in allen Parteien auf Akzeptanz stoßen. Im Breitband-Marketing lässt sich die Hohepriesterin der Kirchentagsdiskurse allerdings kaum toppen.

Käßmann ist: Frau (was ihr Beifall und Respekt quer durch alle Lager garantiert); für soziale Teilhabe, Barrierefreiheit und Inklusion (bringt die Stimmen der Sozen und der Vertreter der Sozialindustrie); für Schöpfung, Tiere, Umwelt und Artverwandtes (bringt die Stimmen der Vogelschredderlobby Die Grünen); gegen Krieg und Ausgezehr (bringt die Stimmen der Putin-Fans von der Friedenspartei Die Linke); mit 1,54 Promille unfallfrei Auto gefahren (sorgt für Anerkennung in breiten CSU-Kreisen); schon beim Kirchentag 2011 mit dem Motto aufgetreten: „Muslime gehören zu uns“ (was 2017 gänzlich unübersehbar sein dürfte).

Ob sie wirklich kandidiert? Klar ist das keineswegs. Aber die Medienaktivitäten der umtriebigen Theologin häufen sich letzthin. Mal nimmt sie unter Anteilnahme des Bayerischen Rundfunks die „Friedenstaube Nürnberg“ für ihr „friedenspolitisches Engagement“ entgegen, mal ist sie zu Gast bei „Hart aber fair“. Wo sie sich zu ihrem Glauben bekennt: „Es kann nicht nur eine Globalisierung der Märkte geben, es wird auch eine Globalisierung der Menschen geben.“ Im Magazin „Crismon“ geißelt sie den „Schönheitswahn“ („Alle wollen alt werden, aber niemand will alt aussehen“). Und auf dem „roten Sofa“ von NDR 3 plaudert sie ohne Punkt und Komma über Gott und die Welt, bis das Sendeschema gnädig den Riegel runterlässt.

Müssen wir uns also auf die „Magierin des Wortes“, ja, auf die „protestantische Menschenfischerin“ („Stuttgarter Nachrichten“) vorbereiten? Ach, ob nun sie oder der Steinmeier (wird wegen seines anhaltenden Erfolgs als Außenminister heiß als Bundespräsident gehandelt) die Reste eines Staates repräsentieren wird, der mal Deutschland hieß, wen kümmert’s? Zwei Jahre von jetzt könnte in Europa jener von Hans Magnus Enzensberger einst prophezeite „molekulare Bürgerkrieg“ bereits in schönstem Gang sein. Freilich hatte Enzensberger damals, vor einem Vierteljahrhundert, ein paar rührige Kombattanten-Gruppen noch gar nicht auf dem Radar.

Wer dann zum Kladderadatsch die Sonntagsreden hält, wird den Menschen schnurzer denn schnurz sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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