08. November 2015

Positives und negatives Denken Müssen wir (uns) das leisten, oder kann das weg?

Vortrag von Matthias Heitmann auf der gleichnamigen Veranstaltung der Diskutierbar Weilimdorf

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Bildquelle: shutterstock Zuversicht oder Misanthropie: Es liegt an uns

Der Leistungsbegriff entfaltet seine Bedeutung in einem sehr interessanten Spannungsfeld  zwischen zwei Polen. Am „positiven“ Pol gruppieren sich Begriffe wie: Entwicklung, Fortschritt, Perspektiven, Ambition, Verbesserung, mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit, Potentiale, Wohlstand, Reichtum, Anerkennung, Menschlichkeit, Frieden, Zukunft.

Auf der anderen Seite des Spektrums, am „negativen Pol“, stehen Begriffe wie: Ellenbogengesellschaft, Heldenfixierung, Arroganz, Ignoranz, Recht des Stärkeren, Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung, Engstirnigkeit, Kurzsichtigkeit, Gier, Egoismus, Korruption, Unmenschlichkeit, Krieg und Zerstörung.

Zusammenfassen kann man diese Bipolarität in den Fragestellungen: Durchstarten oder Abbremsen? Verändern oder bewahren? Modernisieren oder rückbesinnen? Gier oder Rücksicht? Ambition oder Mäßigung? Leben für morgen oder leben im Hier und Jetzt? Risiko oder Sicherheit?

Mal tendiert der Leistungsbegriff in seiner öffentlichen Wahrnehmung mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung, mal überwiegt die Nach-vorne-Gerichtetheit, mal das Zögern, Zaudern, Zweifeln und Innehalten. Wovon hängt die Tendenz ab? Neben persönlichen und konkreten Leistungs-Erfahrungen auch von einer gesellschaftlichen Grundstimmung, die uns alle in unserer Wahrnehmung und in unserem Denken beeinflusst.

Heute orientiert sich diese Grundstimmung, der Zeitgeist, mehr in Richtung Abbremsen, Zögern und Zurückschrecken. Wir leben nicht in Zeiten großer Ambitionen oder hoher Ziele, weder als Gesellschaft noch individuell: Man hofft zumeist darauf, dass die Zukunft nicht ganz so schlimm wird, wie es heute scheint.

Da ist es kein Zufall, dass ein Allerweltssatz wie „Wir schaffen das“ gerade heute zu einem der umstrittensten Sätze überhaupt geworden ist. „Wir schaffen das“, das klingt nach „Der Glaube versetzt Berge“ oder nach „Wir müssen bis zuletzt daran glauben“, so etwas darf man heute eigentlich nur noch in einem Bereich sagen: im Leistungssport – und selbst dort wird am „Höher-schneller-weiter“ ordentlich gesägt.

In allen anderen Bereichen ist eine solche Einstellung nicht nur unpopulär, sondern gilt vielen sogar als reaktionär. Natürlich gibt es diese Einstellung noch. Aber sie offen zu äußern, führt dazu, dass große Teile der Öffentlichkeit allergisch reagieren. Zuversicht und Optimismus gelten heute vielfach als blauäugig, naiv, einseitig, ja sogar schlimmer: als verlogen, problemverharmlosend und verleugnend.

Probieren Sie es selbst aus, und Sie werden feststellen, dass Begriffe vom „positiven“ Pol des Bedeutungsspektrums kaum geäußert werden können, ohne dass die „Aber“-Fraktion lautstark aufbegehrt. Fortschritt? Ja schon, aber. Wohlstand ja, aber. Freiheit ja, aber. Veränderung ja, aber. Und das „Aber“ ist immer eine Begrenzung, es ist immer gemeint als eine moralische Notbremse, die den Untergang verhindert.

Vorstellungen hingegen wie Sicherheit, Entschleunigung, Mäßigung, und sich mit dem Hier und Jetzt arrangieren, wenig fordern und noch weniger von der Zukunft erwarten – all diese funktionieren ohne „aber“.

Voltaire hat einmal gesagt: „Wenn du wissen willst, wer dich regiert, musst du nur herausfinden, wen du nicht einfach so kritisieren darfst.“ Übersetzt bedeutet das: „Wenn du wissen willst, wer ‚in‘ ist und in der Meinungskette ganz oben steht, musst du nur herausfinden, wessen Aussagen und Grundannahmen ohne ‚aber‘ auskommen.“

Wir leben heute in einer Kultur der Zurückhaltung, des Bremsens, des Zweifelns, des Zurücksteckens, der niedrigen Erwartungen. Es ist eine Kultur des Misstrauens, nicht nur gegen Politiker (das wäre ja nicht unberechtigt), nicht nur gegen Unternehmer, auch nicht nur gegen den komischen Nachbarn, den jeder hat.

Das Misstrauen sitzt tiefer: Es richtet sich gegen den Menschen an sich, gegen dessen Fähigkeit und dessen Willen, einen positiven Einfluss auf die Welt zu nehmen. Und gerade deswegen sind Wertvorstellungen mit einem eingebauten Tempolimit, einem Tempomat, der verhindert, dass irgendjemand in unnachhaltiger Art und Weise beschleunigt, heute so im Schwang.

Wenn man dem Menschen nicht über den Weg traut, dann spricht wenig dafür, dass menschliches Leistungsstreben etwas grundsätzlich Positives ist. Und als etwas Positives wird es heute auch nicht gesehen. Wir verwenden heute mehr Energie darauf, neue Möglichkeiten zu begrenzen, anstatt sie auszuloten. Risikovermeidung ist Trumpf, auch dann, wenn das bedeutet, dass wir kein neues Wissen und keine neuen Problemlösungen entwickeln.

Gerade heute empfinde ich diesen moralischen Tempomat als eine enorme Belastung. Nicht, weil die Welt heute so schlecht wäre, im Gegenteil: Wir könnten heute eigentlich durchstarten wie nie zuvor. Nie haben mehr Menschen weltweit besser, gesünder und länger leben können als heute, nie haben wir Menschen unsere Welt besser verstanden als heute. Und es ist diese eigentlich für Zuversicht sorgende Grundkonstellation, die uns mit Selbstbewusstsein nach vorne blicken lassen könnte.

Wir könnten heute eigentlich durchstarten wie nie zuvor. Doch genau das tun wir nicht: Stattdessen zweifeln wir an uns selbst, an dem, was wir erreichen können, und an dem, was wir erreicht haben, wir ziehen alles in Zweifel, wir lassen uns von Krisen, Konflikten und von politischen oder sonstigen Kräften, die die Zeit zurückdrehen wollen, einschüchtern und mit deren Zukunftsangst, Kleingeistigkeit und Misanthropie infizieren. Pessimismus gilt heute als eine konstruktive Einstellung, Zuversicht und Optimismus wirken dagegen fast schon weltfremd und immer erklärungsbedürftig.

Dabei gibt es genügend Gründe, optimistisch zu sein. Das Wasserglas ist nicht halb leer. Es ist eine Frage der Perspektive und des Wollens. Es ist unsere freie Entscheidung, ob wir mit dem Mainstream bergab schwimmen dahin, wo alles immer schlimmer wird, oder ob wir uns der Misanthropie entgegenstellen und sagen: Wir und unsere Kinder haben mehr verdient als eine Energiesparvariante der Gegenwart!

Der auf diesem Skript basierende Vortrag wurde am 29.10.2015 auf der gleichnamigen Veranstaltung der Diskutierbar Weilimdorf gehalten und erschien zuerst auf dem Blog Zeitgeisterjagd.


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