16. November 2015

Bitcoin-Alternativen Die Gründe für den schwachen Altcoinmarkt

Es bleibt schwierig

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Bildquelle: shutterstock Keine nachhaltige Aufwärtsbewegung in Sicht: Altcoins

Der Bitcoin zeigt aktuell wieder erfreuliche Lebenszeichen. Allerdings konnten die Altcoins davon nur unterproportional profitieren.  Es gibt meines Erachtens folgende Gründe für die Underperformance der Bitcoin-Alternativen:

Gebrannte Kinder scheuen das Feuer: Sehr viele Investoren betraten die Altcoinbühne während der Boom-Monate um den Jahreswechsel 2013/2014. Mit kindlicher Naivität und großer Neugier wurden verschiedenste Investitionen ausprobiert. Und was passierte? Über 90 Prozent schrieben tiefrote Zahlen, verloren einen Großteil ihrer Einsätze. Neben Kursverlusten setzen diesen Neueinsteigern auch viele Betrüger zu, so gab es haufenweise Scams, bei denen vor allem Neulinge um ihre Coins gebracht wurden. Fast jede Krypto-Aktie endete im Totalverlust, ganze Trading-Plattformen verschwanden vom Netz oder wurden gehackt. Diese Investoren sind größtenteils für immer verloren und sind entsprechend schwer zu ersetzen.

Sondersituation 2013: Der Boom vor zwei Jahren basierte nicht nur auf vielen Neulingen, sondern auch auf Bitcoin-Veteranen, die noch im Cent-Bereich Bitcoin erworben/gemint hatten. Diese „alten Wale“ hatten die Taschen voller Bitcoin im Marktwert von Zehntausenden von Dollar, die sie erst einige Monate zuvor noch mit wenig Stromkosten selbst erzeugt hatten. Viele entschlossen sich, einen Teil ihrer Gewinne am Altcoinmarkt zu investieren, um zu diversifizieren oder um schlicht Spaß zu haben. Da ihnen diese Gewinne buchstäblich in den Schoss fielen, investierten sie entsprechend großzügig und unterstützten auch obskurere Ideen. Sie verhielten sich buchstäblich wie die neureichen Ölscheichs mit Koffern voll Bargeld in den 80er Jahren. Diese Quelle ist nun versiegt, die alten Miner sind weg, beziehungsweise sie sind aufgrund von Verlusten selbst viel vorsichtiger geworden mangels Nachschub an selbst geminten Bitcoins.

Mining ist tot: Während sich für Privatleute das Bitcoin-Minen bereits ab 2013 nicht mehr lohnte, konnten mit Scrypt-Minen (Litecoin + Klone davon) tatsächlich noch bis in das erste Halbjahr 2014 positive Erträge erwirtschaftet werden. Selbst mit einer 200-Euro-Grafikkarte konnte man immer noch sehr gut mitmischen. Das Minen stellte auch ein sehr schönes „Männerspielzeug“ dar. Wenn die Grafikkarte aufdrehte und auf dem Monitor wie bei einem Auto-Tachometer die Hash Rate erschien, wenn der Tower nach kurzer Zeit eine große Hitze abstrahlte, das hatte schon etwas. Wenn es einem gelang, sich bei einer neuen Coin frühzeitig an die Pools zu heften und die Coins förmlich in die Wallet sprudelten, dann waren das schöne Erfolgserlebnisse. Positive Miningerlebnisse führten auch tendentiell dazu, dass sich eine gute Community um die Coin bildete und man selbst mehr Interesse am Gelingen der Coin hatte. Dieser Spaßfaktor, diese Motivationsgrundlage, gibt es heute nicht mehr.

Tote Pferde wurden zu lange geritten: Selbst im Niedergang wurden noch hunderte neuer Coins herausgegeben. Es gab 2014 selbst im Abwärtstrend und nachdem das Minen durch die Scrypt ASIC Miner nahezu bedeutungslos geworden war, noch täglich neue Shitcoins, die in den Markt gedrückt wurden. Das hat das vorhandene Investitionsvolumen noch weiter aufgesplittet, führte zu mehreren 100 Coins mit einer Marktkapitalisierung von unter 100.000 Dollar und einem Tradingvolumen von wenigen Satoshi pro Tag. Das ist faktisch totes Kapital.

Fehlender Praxisbezug von Bitcoin und Altcoins: Generell hat sich zwar die Anzahl von Bitcoin-Akzeptanzstellen in den letzten zwei Jahren etwas verbessert, die hohen Erwartungen von vor zwei Jahren („2015 zahle ich mit Bitcoin im Aldi…“) wurden aber bei weitem nicht erreicht. Der Bitcoin ist immer noch ein absolutes Nischenthema. Altcoins blieben eine Nische in der Nische. Die Länder-Coins wie Auroracoin oder Germany-Coin sorgten nur für ein kurzes Strohfeuer, das überhaupt nicht nachhaltig war. Altcoins blieben Spekulationsobjekte auf Kryptobörsen, wie sie es schon vorher waren. Ohne nachhaltigen praktischen Nutzen. In Deutschland ist die Altcoin-Community 2015 statt zu wachsen eher geschrumpft, die Zahl der Akzeptanzstellen hat sich vermutlich sogar verringert.

Zersplitterung der Konzepte: Bis zum dritten Quartal 2013 war der Markt konzeptionell sehr übersichtlich und leicht zu verstehen. Es gab den Bitcoin sowie Litecoin mit entsprechenden Abwandlungen und Klonen. Da galt Sunnykings Peercoin mit einem Proof-of-Stake-Verfahren noch als bahnbrechende Innovation. Jetzt wimmelt es am Markt von verschiedensten Coins, die oftmals sogar komplette Neuentwicklungen sind. Nehmen wir Etherium, Dash, Monero, Nxt, Qora, Crypti oder Nem. Und um jedes dieser neuen Konzepte werden oftmals zusätzliche Elemente aufgebaut wie Asset-Exchanges, Marktplätze und viele weitere Features. Es wird selbst für langjährige Kryptojünger extrem schwierig, den Überblick zu behalten. Die Überkomplexität wirkt sehr abschreckend und baut große Einstiegshürden für Neulinge auf.

Fazit: Der Markt wird kurzfristig auf jeden Fall schwierig bleiben. Momentan gibt es im Altcoinmarkt eine Marktkapitalisierung von etwa 500 Millionen Dollar, die allenfalls innerhalb der Coins durch wechselnde Favoriten intern umverteilt werden. Spektakuläre Anstiege und Zusammenbrüche wird es natürlich weiterhin geben. Für eine nachhaltige Bewegung nach oben, wie wir sie vor zwei Jahren hatten, braucht es aber frisches Geld im Markt und dafür zusätzliche Impulse, wie zum Beispiel ein Wiederaufflammen des Medienhypes um Bitcoin, ein Zusammenbruch des Euros oder aber tatsächlich eine Nutzung von Altcoins in der Praxis.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog Altcoinspekulant.


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Markus Bohl

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