16. November 2015

Journalismus Deutschland im Herbst

Eine Erregung

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Bildquelle: shutterstock Deutsche Presse: Hysterie statt Berichterstattung

Erika S. musste jemand verleumdet haben. Da sie etwas Böses getan hatte, wurde sie einem breiten Bündnis aus Twitterern und Journalisten übergeben, und die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Die CDU-Politikerin Erika Steinbach hatte kurz nach der Nachricht über den Tod von Helmut Schmidt eine Kurznachricht abgesetzt, in der sie über das Gedenken der Unionsfraktion für den Altkanzler berichtete. An die Mitteilung hängte sie ein Zitat von 1981, aus Schmidts Kanzlerzeit: „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen. Das gibt Mord und Totschlag.“

In diesem Fall bewies der hessische SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel das Höchstmaß an Reaktionsfähigkeit, indem er die Adjektive „ungeheuerlich, pietätlos, schamlos“ und die Wortfolge „ohne jeden Funken Anstand“ in zwei Twitter-Sätzen unterbrachte. Parteivize Ralf Stegner schnitt mit einem „peinlich“ in einem Tweet vergleichsweise schwach ab. Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour wiederum tweetete über den Steinbach-Tweet etwas mit „Pietätlosigkeit“. Unklar blieb allerdings, was sie Steinbach eigentlich vorwarfen. Fanden sie den Schmidt-Satz ungeheuerlich und schamlos und meinten, am Todestag müsse man die Kanzlerworte nicht wieder aus der Kiste zerren? Waren sie der Meinung, der Schmidt-Satz sei eigentlich in Ordnung, er hätte nur nicht an diesem Tag zitiert werden dürfen beziehungsweise nicht von Erika Steinbach? Nun handelte es sich um keinen singulären Satz Schmidts. Die Ansicht, Deutschland leiste sich zu viel Einwanderung, äußerte er mehrfach und bis ins hohe Alter („Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen“).

Schon zu seinen Zeiten als Kanzler passte Schmidt in etlichen Punkten nicht richtig zu seiner Partei. Vieles, was er damals und später äußerte, konnte auch Nichtsozialdemokraten befremden, etwa seine bizarre Abneigung gegen Homosexuelle („bin nicht Bundeskanzler der Schwulen“), seine Ignoranz gegenüber der Ökologie („Hobby gelangweilter Mittelschichtsdamen“) oder die demonstrative Verachtung für die Oppositionellen des Ostblocks. Gerade die Überzeugung, die sich langfristig als richtig erwiesen hatte – Schmidts Einsatz für den NATO-Doppelbeschluss – verübelten ihm seine Genossen allerdings gründlicher als alles andere. Zwischen dem historischen Helmut Schmidt und dem schäfergümbelkompatiblen Parteidenkmal besteht also ein offensichtlicher Unterschied, den darzustellen für Journalisten eigentlich reizvoll sein müsste. Stattdessen besteht die Steinbach-Geschichte der meisten Medien von Spiegel Online bis zu Tageszeitungen im wesentlichen darin, die Minitexte der Erregungsmaschine Twitter abzuernten und anschließend zu posten beziehungsweise abzudrucken. Spiegel Online kommentiert die Geschichte schon im Anreißer: „Über Parteigrenzen hinweg verneigen sich Politiker vor Helmut Schmidt. Nur CDU-Frau Erika Steinbach versucht, aus dem Tod des Altkanzlers politisches Kapital zu schlagen. Die Reaktion bei Twitter ist drastisch.“

An dem Exempel lässt sich eins ablesen: Erregung dient Medien mittlerweile als zentrales Stilmittel. Noch nicht einmal die eigene Erregung, sondern die eingesammelte aus zweiter Hand.  Bei ihrer mentalen Angleichung an die Huffington Post und Twitter macht die Presse beachtliche Fortschritte. Schon Tage vor der Pegida-Demonstration am 9. November in Dresden berichteten etliche Medien im Grunde nicht, sondern unterstützten einen „Appell“ des Dresdner Bündnisses Dresden für alle, der von dem Oberbürgermeister forderte, die Pegida-Veranstaltung am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 auf dem Theaterplatz zu verbieten. Texte in der „Sächsischen Zeitung“ und anderen Blättern ähnelten eher Pressemitteilungen der Linkspartei und Grünen als journalistischen Arbeiten. Jeder Artikel enthielt den feierlichen Hinweis auf eine Online-Petition auf change.org für ein Demo-Verbot, keine kam ohne die historische Entdeckung aus, der zentrale Platz habe bis 1945 Adolf-Hitler-Platz geheißen. Ausführlich durfte der Intendant des Dresdner Staatsschauspiels Robert Koall die Stadtverwaltung als „gedankenlos“ und „geschichtsvergessen“ beschimpfen, weil sie den Platz trotz aller Proteste Pegida „zugesprochen“ habe.

Mit anderen Worten: Die Medien kolportierten die Erregung der Erregten und erregten sich im gleichen Takt.  Ein Journalist der „Sächsischen Zeitung“ schleuderte Oberbürgermeister Dirk Hilbert den Satz entgegen, es gebe durchaus Mittel, Pegida das Demonstrieren an diesem Tag zu verbieten. Hilbert antwortete, leider habe der Redakteur vergessen, zu schreiben, welche das sein sollten. Die Aufklärungsleistung der Presse hätte darin bestehen können, auf das Versammlungsrecht des Grundgesetzes zu verweisen, das auch Trägern absurder und ressentimentgeladener Meinungen zusteht. Sie hätte darauf hinweisen können, dass ein Grundrecht durch eine Online-Petition nicht ausgehebelt und nicht durch den Brief eines Kulturfunktionärs weggewischt werden kann – und dass eine Demokratie Pegida spielend aushält, aber nicht einen Verfassungsbruch aus Gesinnungsgründen.

Merkwürdigerweise verstehen Journalisten in Zeitungsredaktionen und Funkhäusern einen Punkt nicht, der sie selbst betrifft: Wenn ihre Arbeit nur noch darin besteht, Twittermeldungen, Pressemitteilungen und offene Briefe der obersten Erregungsstufe zusammenzukehren und in einem eigenen Kommentar noch einmal nachzuplappern, dann fällt es zunehmend schwer, dafür Geld zu verlangen. Tweets, Online-Petitionen und Pressemeldungen stehen nämlich schon kostenlos im Netz.

Wie gründlich das affektive Prinzip mittlerweile die Erklärungsmacht der Presse verdrängt, hatte vor kurzem der Medienkritiker Timo Rieg auf spiegelkritik.de nachgezeichnet. Der Bürgermeister der brandenburgischen Stadt Jüterbog, Arne Raue, hatte öffentlich darauf hingewiesen, dass unter Migranten Infektionskrankheiten wie offene TBC, Hepatitis A und B, Keuchhusten und Windpocken auftreten könnten, bat die Bevölkerung um Vorsicht und bot an, städtische Angestellte auf kommunale Kosten impfen zu lassen, falls diese das wünschten. Für die Vorsicht gibt es gute Gründe: In der Dresdner Ausländerbehörde steckten sich zwei Mitarbeiterinnen an offener Tbc an.

Statt über Infektionskrankheiten aufzuklären, begaben sich die meisten Medien, die über den Fall berichteten, umgehend in die Erregungsschleife: andere Politiker anrufen, die den Bürgermeister einen Rassisten und Menschenfeind nennen, und die Hysterieabsonderungen drucken. Diese Neigung wirkt offenbar virulenter als Tbc und Keuchhusten zusammen. Bei der „Märkischen Allgemeinen“ etwa kamen die Redakteure auf die Idee, einfach den nächsten erreichbaren Repräsentanten der erregtesten Partei Deutschlands anzuklingeln, um dessen Statement dann in die eigenen Zeitungsspalten zu verklappen: „Angesichts von Stimmungsmache gegen Flüchtlinge sei Raue ‚unhaltbar’, so Grünen-Landeschef Clemens Rostock. Es sei ein von rechten Kräften in die Welt gesetztes Gerücht, dass Flüchtlinge die Gesundheit anderer gefährdeten.“
Dass sich Deutschland tatsächlich abschafft, ist nicht besonders sicher – es hält nämlich erstaunlich viel aus. Der Journalismus in Deutschland allerdings fiebert seiner Selbstabschaffung sehr aufgeregt entgegen – und ist schon gut vorangekommen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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