25. November 2015

Xavier Naidoo Warum der ESC zum Politikum wird

Die Botschaft wird verstanden werden

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Bildquelle: Reeed / Shutterstock.com Auch eine politische Veranstaltung: Eurovision Song Contest

So viel Anlass zum Kopfschütteln war selten. Für die, die es nicht mitbekommen haben sollten, hier nur mal in Kürze: Die ARD hatte den Sänger Xavier Naidoo, bekannt sowohl als Solist als auch als Mitglied der Gruppe Söhne Mannheims, als deutschen Act des European Song Contest (ESC) nominiert. Nachdem man in den vergangenen Jahren mit per Umfrage gewählten Vertretern Deutschlands – sagen wir mal – durchwachsene Erfahrungen gemacht hat, wollte man sich offensichtlich auf die eigene Expertise verlassen. Ruckzuck waren aber die Bedenkenträger zur Stelle: Hatte Naidoo nicht mal eine spontane Rede in Berlin bei den Reichsbürgern gehalten und behauptet, die Bundesrepublik als solche existiere gar nicht? Und gab es nicht mal ein Lied, in dem er gegen Kindesmissbrauch Stellung genommen hatte und das manche als Angriff auf Homosexuelle gewertet hatten?

Und schon wurde aus dem vermutlich besten Pop-Sänger (jedenfalls stimmlich) Deutschlands ein „umstrittener“ Sänger, der im Verdacht steht, homophob und rechts zu sein. Zack, die Klappe fällt, und der NDR zieht als verantwortlicher Sender die Nominierung zurück. Allerdings nicht ohne den Hinweis, dass man nicht glaube, dass an den Vorwürfen etwas dran sei, man habe aber die potentiellen Reaktionen unterschätzt und wolle dem ESC durch die Nominierung Naidoos nicht schaden. Das Eingeständnis des völligen Fehlens eines wie auch immer gestalteten Rückgrats!

Dafür kommt jetzt die Retourkutsche: Künstler wie Til Schweiger und Michael Mittermeier oder andere Musiker wie Rea Garvey und Sasha, allesamt eher unverdächtig, stellen sich demonstrativ hinter Naidoo, selbst linke Zeitungen wie die „taz“ attestieren dem NDR mangelndes Demokratieverständnis. Und in der Tat kann man jetzt mit Spannung erwarten, welche Stimme denn nach welchem Verfahren nun als Vertreter Deutschlands beim ESC ausgesucht werden wird. Der oder die wird jedenfalls ein dickes Fell brauchen: Mit der Stimmgewalt eines Xavier Naidoo wollen sich vermutlich die wenigsten verglichen wissen.

Als Außenstehender fragt man sich allerdings schon, was eigentlich passiert ist, seit Nicole mal ihr „bisschen Frieden“ geträllert hat, in der Zeit des Kalten Krieges, auf einem Höckerchen mit Gitarre sitzend. Vielleicht verklärt das die Vergangenheit, aber es will mir scheinen, der ESC ist seither derart politisiert, wie man sich das damals kaum vorstellen konnte. Es war mal ein Gesangswettbewerb, genauer Schlagerwettbewerb, bei dem europäische Sängerinnen und Sänger gegeneinander antraten und sich dem Urteil anderer Nationen stellten. Mit dem zwischenzeitlichen Niedergang des Schlagers drohte auch der ESC zur Lachnummer zu werden, in Deutschland personifiziert durch Guildo Horn oder Stefan Raab, die aber immerhin die Bühne noch ganz unpolitisch („Guildo hat euch lieb!“ und „Wadde hadde dudde da?“) rockten. Vielleicht war es eine Gegenreaktion der Schlagersternchen, die endlich ernst genommen werden wollten, die dazu geführt hat, dass aus einem harmlosen Sängerwettstreit ein Politikum geworden ist, in dem Sängerinnen mancher Staaten Propaganda vorgeworfen wird, während ein(e) Conchita Wurst als Inbegriff der Toleranz gefeiert wird, deren Botschaft man gefälligst nicht zu widersprechen habe.

Möglicherweise ist es genau dieser Kontrast, der jetzt deutlich wird, wenn ein Sänger hätte antreten sollen, der die Toleranz der Toleranten am weitesten herausfordert: Über seinen Auftritt bei den „Reichsbürgern“ kann man streiten, ihn ob der Aussage, es gebe seit dem Zweiten Weltkrieg kein freies Deutschland, in die rechte Ecke stellen zu wollen, ist aber zumindest nicht stringent argumentiert. Vielleicht ist es eher etwas ganz anderes, vor dem zumindest die lautesten Lobbygruppen in diesem Land Angst haben: Im Lied „Die Wahrheit“ seines Projekts „Straßenunterhaltungsdienst“ empfiehlt Naidoo mit den Worten „So seh ich’s auch“ die Lektüre der libertären Denker Murray Rothbard und Oliver Janich. Zu dessen Buch „Die Vereinigten Staaten von Europa“ habe ich schon mal was geschrieben, nicht unbedingt positiv, was aber generell bei Naidoo auffällt, ist die Regierungskritik gegen rechts wie links und die Bezüge zur Freiheit. Hat sich da in den traditionell eher links orientierten Musikbetrieb ein Libertärer eingeschlichen, dessen Botschaften man lieber nicht hören möchte?

Der Libertäre an sich entzieht sich den Kategorisierungen von links und rechts: Wenn er etwas auf sich hält, kann er mit jeder politischen Einstellung leben, solange die sich nicht auf Kosten der Freiheit durchsetzt: Sollen doch die Sozialisten einen Staat gründen, wenn sie niemanden zwingen, bei diesem Unsinn mitzumachen! Gleiches gilt natürlich auch für nationale Sozialisten! Die politische Linke, die das Prinzip der Freiheit eigentlich für sich gepachtet hatte – im Gegensatz zum angeblichen politischen Korsett der Rechten –, sieht sich mit den wahren Liberalen (also in Abgrenzung zur FDP in Deutschland) einer Kraft gegenüber, die im politischen Proporz klein ist, aber deutlich macht, wie wenig linke Politik eigentlich mit Freiheit zu tun hat, wie totalitär der Anspruch auf Toleranz auftritt. Da ist man schnell versucht, mit der Nazi-Keule zuzuschlagen und den ultimativen Vorwurf, die Neutronenbombe im gesellschaftlichen Streit hervorzuholen: den der Homophobie.

Nun sind solche „Argumente“ immer so gut wie diejenigen, die sie zu akzeptieren bereit sind. Auch das ist ein Wettstreit, einer der politischen Ideen, und dass da mit harten Bandagen, bisweilen auch unfair gekämpft wird, wundert einen kaum. Man kann das bedauern, ist aber letztlich dazu aufgefordert, dagegenzuhalten, damit totalitäre Kräfte der Parteien nicht den Durchbruch schaffen. Da stimmt es einerseits hoffnungsvoll, dass das Absetzen Naidoos jetzt flächendeckenden Widerspruch hervorruft (auch von politischen Linken, die noch nicht gegen Vernunft geimpft sind). Andererseits beziehen weite Teile der Gesellschaft ihre politische Einstellung und Bildung aus öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem NDR. Wenn der hinsichtlich der Besetzung eines Gesangswettbewerbs vor einem lautstarken Mob einknickt, welche Botschaft sendet das aus?

Machen wir uns nichts vor: Die wenigsten sehen das Vorgehen des Senders als weiteres Argument für die Abschaffung, mindestens drastische Einschränkung, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Hier wird knallhart Politik gemacht, und die Mehrheit wird die Botschaft, was noch gesagt werden kann und was nicht, verstanden haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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