25. November 2015

Der Fall Matussek Journalismus in einer durchgeknallten Welt

Die Nerven liegen blank

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Bildquelle: shutterstock In deutschen Redaktionsstuben allgegenwärtig: Nervosität

Nach den Anschlägen von Paris liegen die Nerven blank – offenbar auch in den Chefredaktionen deutscher Tageszeitungen. Anstatt gerade jetzt die Freiheit – und gerade auch die Meinungsfreiheit – offensiv zu verteidigen, geschieht das Gegenteil: Die „Welt“ setzt ihren Kolumnisten Matthias Matussek nach einem Streit über einen harmlosen Facebook-Eintrag vor die Tür.

„Welt“-Kolumnist Matthias Matussek hatte unmittelbar nach den Anschlägen in Paris folgenden Eintrag auf Facebook veröffentlicht: „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen.“ Am Ende dieses Eintrags stand ein Smiley. Matusseks Chefredakteur und „Welt“-Chef Jan-Eric Peters distanzierte sich daraufhin im Namen der Zeitung und verurteilte das Posting als „durchgeknallt“. Dann eskalierte dieser Disput, und die „Welt“ trennte sich mit sofortiger Wirkung von Matussek.

Kann es sein, dass Menschen für dieselbe Meinungsfreiheit ihr Leben riskieren, die andere wegen eines Facebook-Eintrags samt Smiley (!) mit Füßen treten? Wir reden immer von „Stärke zeigen“ und von „Selbstbewusstsein“ – aber ein dem Wortlaut nach so harmloses Facebook-Posting mit Smiley führt schon zu einem solchen Eklat? Mann Mann Mann, was für eine durchgeknallte Welt!

Es ist schon ein vielsagender Schritt, wenn ein angesehener Journalist wie Peters als Chefredakteur einer angesehenen Tageszeitung, die in der Vergangenheit immer wieder mal kontroverse Artikel publizierte (wofür ich sie schätze), so einen Facebook-Eintrag wie den von Matussek meint öffentlich als „durchgeknallt“ bezeichnen zu müssen.

Ob bei dem Rauswurf Matusseks für längere Zeit gepflegte Animositäten eine Rolle spielten, ist mir hier völlig egal. Wäre dies tatsächlich der Fall, so hätte man hier einen Akt der Meinungsfreiheit instrumentalisiert, um andere Süppchen zu kochen. Ich finde, gerade jetzt müssen wir aber, was Meinungsfreiheit angeht, ein dickeres Fell haben. Das gilt auch für Journalisten und auch für Chefredakteure.

Dieser Kommentar ist am 17.11.2015 in der BFT Bürgerzeitung  und am 18.11.2015 bei der Achse des Guten erschienen.


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