30. März 2016

„Zensur“ auf Facebook Hört auf, zu jammern!

Schafft unabhängige Gegen-Öffentlichkeit!

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Bildquelle: shutterstock Hilft nichts: Jammern über angebliche Zensur

Adi wirkt ja immer. Falls Sie Ihr Söhnchen nicht genügend erzogen (beziehungsweise politisch gebildet) haben, kann es gut passieren, dass er Ihnen ein „Hausaufgabenfaschist!“ an den Kopf wirft. Und Töchterchen verweigert die Suppe (wegen Hühner-KZs).

Einer aus meinem Freundeskreis wollte nun seine Hausaufgaben auch nicht machen. Auf Facebook, dem privaten Portal, das allzu viele mit einem öffentlich-rechtlichen Medium verwechseln, postete er, schön ausgeschmückt mit Wörtlein wie „SS“, „NSDAP“, „Holocaust“, ein kleines Gleichnis vom guten und vom bösen Faschismus – übertragen: vom guten und vom bösen Islam. Man könnte nun trefflich darüber debattieren, ob das Bild nicht knapp daneben (und damit eben vorbei) ging. Der Faschismus ist eine im Kern verbrecherische totalitäre Ideologie. Der Islam ist – erst einmal – eine Religion, die nicht-totalitäre Interpretationen der Ergüsse Mohammeds ebenso zulässt wie die neo-faschistische Auslegung durch islamistische Ideologen und ihre terroristischen Erfüllungsgehilfen. Aber – geschenkt – wer das anders sieht, möge es anders sehen. Die Debatte darüber, was es für den säkularen Rechtsstaat bedeutet, eine komplette Religion unter Generalverdacht zu stellen, ist hier nicht mein Thema.

Der erwähnte Text wurde jedenfalls gesperrt auf Facebook (Sie können ihn auf Freitum, einem libertären Blog, nachlesen, ganz unzensiert). Einer der Billiglöhner aus Zuckerbergs Löschkolonnen hatte ein Erfolgserlebnis: Jemand hat hinter die Toilette geschissen, iieh, wie widerlich. Faschoalarm! Guckt, ich hab was! Ich putz es weg, Chef, okay?

Das ist natürlich traurig. Vorrangig, weil es ein Licht auf die Kompetenz des Dienstleisters wirft, den Facebook engagierte, um seine Community-Standards zu gewährleisten. Wie auch immer – jeder von Ihnen, der das Netzwerk nutzt, hat den AGBs zugestimmt. Aber es wäre wohl zu teuer, sinnvollerweise Arabischkenntnisse von den PC-Hiwis zu fordern, die dann die tagtägliche und tatsächliche menschenverachtende Hetze auf Facebook besser identifizieren könnten. Traurig ist es auch, weil es einiges über die Stresstoleranz unserer polit-medialen Öffentlichkeit, deren Teil das Netzwerk ist, aussagt. Adi wirkt beim avisierten Zielpublikum hierzulande ähnlich wie in Facebooks Stammland Fotografien weiblicher Milchdrüsen.

Auf den ersten Blick liegt es nahe, „Zensur!“ zu rufen. Ist aber grundfalsch. Sehen wir uns doch einmal die Definition in der Wikipedia an: „Da Grundrechte traditionell als Abwehrrechte Privater gegenüber dem Staat zu verstehen sind, ist in Deutschland eine verbotene Zensur im Sinne von Artikel 5 Absatz 1, Seite 3 Grundgesetz nur die Zensur durch den Staat oder dem Staat zurechenbare Stellen. Eine Vorauswahl privater Stellen, ob Beiträge veröffentlicht werden oder nicht (zum Beispiel einer Zeitungsredaktion vor der Veröffentlichung von Leserbriefen oder eines Forenmoderators vor oder nach der Veröffentlichung von Beiträgen in Online-Foren), ist daher keine Zensur im Sinne des Grundgesetzes und verfassungsrechtlich unbedenklich.“

Unterstreiche „Abwehrrechte Privater gegenüber dem Staat“. Auch wenn Heiko Maas und seine Freunde vielleicht manchmal feucht von einer Überführung des Netzwerks in „öffentlich-rechtliches“ Staatseigentum träumen: Facebook ist ein privates Medium, das Netzwerkdienstleistungen liefert und damit Geld verdient. Zuckerberg ist Unternehmer. Er maßt sich keinen „öffentlichen Auftrag“ an. Insofern findet dort per Definition keine Zensur statt, nirgends. In Sachen Karfreitags-Tanzverbot hatte ich mit etwas besinnlicher Musik gespottet auf meinem Profil. Vielleicht gibt es unter Marks deutschen Putzkräften wenige Katholiken. Oder sie sind einfach etwas toleranter geworden die letzten Jahre. Auf der Online-Repräsentanz des Bistumsblättchens hätte das trotzdem wohl keine fünf Minuten gestanden. Hätten Sie es aber nicht als albern und völlig überzogen empfunden, wenn ich anschließend tränenerstickt zur Solidarität gegen katholische Zensur aufgerufen hätte?

Zu meinem Bengel sag ich immer: Hör auf zu heulen – tu was! Diese Empfehlung auch an all die, die laut von „Facebook-Zensur“ schwadronieren, wenn dort ihre mehr oder weniger intelligenten Elaborate wieder verschwinden. Man kann zum Beispiel ein dezentrales und nicht-kommerzielles, damit weniger kontrollierbares, Netzwerk wie Diaspora zur Befriedigung seines Mitteilungsdranges nutzen. Bei der Achse des Guten oder anderen Blogs schreiben. Oder, wenn die „zensieren“ (weil es nicht zu ihren Standards passt, inhaltlich oder vom Qualitätsniveau), ein eigenes Blog gründen, so wie ich es schon vor mehr als zehn Jahren getan habe. Das erfordert natürlich eine gewisse Nachhaltigkeit im Schaffen und auch einige Mühe, sein Anliegen zu formulieren. Viele technische Kenntnisse übrigens nicht – Facebooks Konkurrent Google und andere bieten mit Plattformen wie blogger.com diesbezüglich eine hervorragende Basis. Wenn ich auf antibuerokratieteam alles als Facebook-Statusmeldung hinrotzen würde, würde das wahrscheinlich keine S... – Entschuldigung, jetzt war ich zu sehr bei Facebook – niemand von Ihnen zur Kenntnis nehmen.

Falls Sie nicht schreiben können oder wollen: Unterstützen Sie alternative Medien. Wir alle machen das nicht für Geld, sondern by passion. Aber es kostet. Zuckerbergs Infrastruktur zu nutzen, ist natürlich viel einfacher und – auf den ersten Blick – billiger. Das ist ja das Geschäftsmodell. Ich schreibe dort auch gerne und viel: Vernetzungsleistung gegen persönliche Daten. Zu den Bedingungen, die das Unternehmen definiert. Einhaltung der – bewusst – schwammig formulierten Standards gehört dazu. Das ist der Deal. Kein schlechter. Man nennt es „Marktwirtschaft“, nicht „Zensur“. Monopole schaffen wir uns nur aus Faulheit selbst. Aber bitte nicht weinen, wenn dann die Zensuren nicht so berauschend wirken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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Dossier: Facebook-Zensur

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Achim Hecht

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