03. April 2016

Unruhe, Revolution, Aufstand Nicht in Deutschland – oder?

Umfrage zu „Legitimität und Legitimation“

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Bildquelle: Die Woche, Moderne illustrierte Zeitschrift, 1907 (Wikimedia Commons) Erforschte Kapitalismus und Legitimität: Max Weber (1864-1920)

Wenn man die Unzufriedenheit, die weite Teile der Bevölkerung in Deutschland ergriffen zu haben scheint, in Stichpunkten Revue passieren lässt, dann fragt man sich unwillkürlich und nach mehr oder weniger kurzer Zeit, warum es in Deutschland so ruhig ist: Warum gibt es keinen Aufstand, keine Unruhe, angesichts: einer Flüchtlingskrise; einer Enteignung durch die Geldpolitik der EZB; des endemischen Nepotismus, mit dem politische Spezl sich gegenseitig versorgen;einer politischen Klasse, die mehr mit abweichendem Verhalten als mit dem Alltagsleben der Bürger befasst ist; eines Rentensystems, das nicht aufrechterhalten werden kann, in das die Bürger aber dennoch ihr Geld bezahlen müssen; einer Ungleichheitsstruktur, die manche Frauen von der Arbeit, die vollerwerbstätige Männer und Frauen verrichten, in allen Lebenslagen bis ins hohe Alter profitieren lässt; einer weitgehenden Pervertierung demokratischer Werte von individueller Freiheit, Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit; einer Instrumentalisierung von Schulen als Kaderschmieden; und, und, und?

Für Max Weber ist die Legitimation einer politischen Ordnung in modernen Gesellschaften eng an die Legalität, „die Fügsamkeit gegenüber formal korrekt und in der üblichen Form zustandegekommenen Satzungen“ gebunden. Dabei ist er explizit der Ansicht, dass es nicht um die tatsächliche Legitimation einer politischen Ordnung geht, sondern um die „Vorstellung vom Bestehen einer legitimen Ordnung“. Mit anderen Worten, für Weber ist eine politische Ordnung dann legitim und somit stabil, wenn die Bürger, die der entsprechenden Ordnung unterworfen sind, die Ordnung als legitim ansehen und dieses Ansehen auf ihre Vorstellung bauen, dass alles mit demokratischen und rechten Dingen zugeht, dass die Institutionen der demokratischen Ordnung, die Parlamente, die Gesetzgebung, die Gerichte, in einer legalen und den Regeln entsprechenden, keinen bevorzugenden oder benachteiligenden Weise funktionieren.

Die Vorstellung von der Legitimität oder der Glaube an die Legitimität der politischen Ordnung sind für Max Weber zentral, denn: „Soweit ‚Abstimmungen‘ als Mittel zur Schaffung oder Änderung von Ordnungen legal sind, ist es sehr häufig, dass der Minderheitswille die formale Mehrheit erlangt und die Mehrheit sich fügt, also: die Majorisierung nur Schein ist.“

Damit sind wir zurück bei der eingangs gestellten Frage: Wenn es in demokratischen Systemen für organisierte Minderheiteninteressen ein Leichtes ist, eine Schein-Majorisierung zu erreichen, also für sich fälschlicherweise in Anspruch zu nehmen, den Willen der Mehrheit zu repräsentieren, dann folgt daraus zwangsläufig, dass die Anzahl derer, die sich politisch übervorteilt oder nicht repräsentiert sehen, immer größer, die Liste der Entscheidungen, die letztlich gegen den Willen der Mehrheit getroffen wurden, immer länger wird. Also stellt sich einerseits die Frage, wie viel Legitimität die geltende politische Ordnung noch hat, um andererseits die Frage zu beantworten, warum, trotz all der aufgezählten Fehlentwicklungen und Probleme der deutschen politischen Ordnung, es in Deutschland keinen Aufstand gibt.

Wir haben uns aufgemacht, diese Frage in unserer neuesten Befragung auf Surveynet zu beantworten und hoffen, dass sich viele unserer Leser an der Befragung zu „Legitimität und Legitimation“ beteiligen.

Befragung „Legitimität und Legitimation“ auf Surveynet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Sciencefiles.


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Michael Klein und Heike Diefenbach

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