06. April 2016

NSU-Dreiteiler in der ARD Kein Bock auf Beate

Überdruss zur Prime Time

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Bildquelle: shutterstock Wird selbst zur Prime Time abgeschaltet: NSU-Doku-Soap

Auf ihren Sendeplatz um 20.15 Uhr kann die ARD im Prinzip das abseitigste Gerümpel aus dem Fundus stellen. Selbst eine Folge der „Schönsten Bahnfahrten durch den Nordschwarzwald (Nachtversion)“ würde noch eine Einschaltquote von drei oder vier Millionen erbringen. Was damit zu tun hat, dass zuvor die Hauptausgabe der „Tagesschau“ läuft. Die wird von einem Teil Rentner-Deutschlands noch immer als nachrichtliches Hochamt empfunden. Die „Tagesschau“ generiert meist eine Quote zwischen fünfeinhalb und sieben Millionen. Viele Zuschauer bleiben hernach bei der ARD hängen, bügeln, lesen, knabbern oder machen ein Nickerchen. Was da genau auf dem Bildschirm zappelt und wuselt und flimmert, ist ihnen im Grunde so wurscht wie einem Säugling, der „schon aus hirnphysiologischen Gründen unfähig (ist), die Bilder aufzulösen und zu decodieren, so dass sich die Frage, ob sie irgendetwas ‚bedeuten‘, gar nicht erst stellen kann“ (Hans Magnus Enzensberger in einem Essay von 1988 über das „Nullmedium“ Fernsehen).

Insofern war es eine kleine Sensation, als Mediendienste meldeten, das Erste habe am 30. März mit einer Sendung zur Prime Time lediglich 2,89 Millionen Zuschauer versammelt. Die zweite Folge – es handelte sich um einen Dreiteiler –, am 4. April ebenfalls um 20.15 Uhr ausgestrahlt, sackte gar auf 2,34 Millionen Zuschauer ab, ein historischer Tiefstand des Zuschauerinteresses. Was war da los?

Los war eine Rocky-Horror-Beateshow unter dem tenorsetzenden Obertitel „NSU – Mitten in Deutschland“. Sie bot in drei Teilen einen wirren Mix aus Spielfilm, Doku-Soap, Verschwörungstheorien und Thesengeklingel und grätschte dabei voll in eine noch längst nicht abgeschlossene Ermittlung hinein, in die drei Angehörigen der Neonaziszene zugeschriebene Serie von Morden an Geschäftsleuten mit Migrationshintergrund.

Das ist nicht nur unter persönlichkeitsrechtlichen Aspekten – bei Bedarf von der ARD himmelhoch gehalten – ziemlich fragwürdig. Etwa wenn „Beatchen“, „Böhni“ und „Mundi“ den Zuschauern vorgeführt werden, als agierten hier die drei echten Protagonisten des Dramas in akkurat nachgestellten, durch Dokumente oder Zeugenaussagen belegten Szenen. Die „Unschuldsvermutung“ werde hier „grob verletzt“, kritisierte die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen.

Noch kruder, wenn die Trilogie aus sattsam bekannten Skandalen wie ermittlungstechnischen Schlampereien und einseitigem behördlichen Vorgehen den Verdacht andeutet, der Verfassungsschutz habe, bildlich gesprochen, bei der NSU-Mordserie quasi mitgeschossen. Das Gedöns der Produzentin Gabriela Sperl bei der Pressevorführung des Films, da sei „unter dem Schutz der ARD“ eine „eingeschworene Gemeinschaft von Menschen“ entstanden (nämlich die tapferen Mitstreiter des Filmprojekts), die „gemeinsam den Willen hatten, zur Aufklärung und zur Wahrheitsfindung beizutragen“ – derlei prätentiöser Schmonzes über Fernseh- und Theaterfuzzis, die weder irgendein Mandat noch die geringste Befähigung besitzen, einen politischen Sumpf trockenzulegen, erboste sogar potentielle Sympathisanten des NSU-Filmprojekts.

„Warum können die Filmschaffenden nicht warten, bis irgendein Vorgang im Rahmen der Aufarbeitung des NSU-Komplexes abgeschlossen ist, etwa durch ein Urteil in München?“, fragte die Filmkritikerin des Periodikums „konkret“, das ansonsten unter jedem besseren Sofa einen Nazi in Nadelstreifen wittert, der den Dritten Weltkrieg plant.

Dass das breite Publikum der NSU-Trilogie die kalte Schulter zeigte (immerhin sehenswert war die mittlere Folge, eine berührende Nahaufnahme der Opfer der Mordserie), hatte natürlich nichts mit moralischer oder juristischer Bedenkenträgerei zu tun. Es lag an zwei Umständen. Erstens an der Langeweile, den das bloße Kürzel „NSU“ inzwischen auslöst. Denn die Medien haben das Thema beispiellos ausgewalzt; nicht selten, um darauf ihr politisches Lieblingssüppchen zu kochen. Nämlich die trübe Bouillon, das Neonaziwesen sei kein politisches Randständigen-Phänomen, sondern entspringe der „Mitte der Gesellschaft“.

Den Überdruss mit dem zuschandengerittenen Sujet mussten übrigens auch die Macher einer anderen NSU-Soap namens „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ erfahren. Die ZDF-Sendung erreichte am 26. Januar zur Prime Time ebenfalls nur magere 2,46 Millionen Zuschauer.

Entscheidender für den furiosen Misserfolg war aber, dass der von den Medien mit üppigen Vorschusslorbeeren umkränzte ARD-Dreiteiler eine handwerkliche Katastrophe darstellt. Mit Handlungssträngen ausgestattet, die beliebig zwischen reiner Fiktion und halber Realität hin und her springen; mit Anspielungen überfrachtet, die kein Mensch versteht. Vor angestrengter Wichtigmacherei sich ständig auf die Zehen tretend, ist das Ganze ein erschütterndes Arbeitszeugnis von Menschen, die vielleicht mal Filmhochschulen von innen, aber offenkundig niemals den Film „Z“ gesehen haben. Das ist der Vater aller dicht an der Realität gebauten Politthriller.

Wer das exemplarische Elend von Filmschaffenden besichtigen möchte, die nach dem Applaus der Guten im Lande gieren, aber noch nicht einmal einen halbwegs spannenden, nachvollziehbaren Plot zustandebringen, kann sich das heute antun: „Die Ermittler. Nur für den Dienstgebrauch“, ARD, 6. April 2016, 20.15 Uhr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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