14. April 2016

Öko-Berichterstattung Es war einmal ein Adler, der hatte viele Tadler

Kein Protest, wenn die Schurken nicht ins Weltbild passen

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Bildquelle: shutterstock Symbolträchtig: Weißkopfseeadler

Haben Sie die Meldung gelesen? In Norddeutschland, wo seit langem Konzerne umstrittene Pläne für Energieförderung durchzupeitschen versuchen („Fracking“), wurde am 10. Februar ein in seinem Horst erschossener Seeadler gefunden. Der Seeadler zählt zu den bedrohten Tierarten, die in Deutschland und Europa streng geschützt sind. Es war bereits der fünfte Fall in der Region, „bei dem Seeadler vorsätzlich durch Gift oder Schusswaffen ums Leben gekommen sind“, wie der NDR berichtete. Lange gab es keine Hinweise auf Täter. Doch das änderte sich nach dem letzten Fall, der hohe Wellen schlug.

Nachdem eine Belohnung von weit über 10.000 Euro für Hinweise auf den Schützen ausgelobt worden war (der Löwenanteil davon kam dankenswerterweise vom Naturschutzbund), konnte die Staatsanwaltschaft Stade im März einen Tatverdächtigen präsentieren. Es handele sich, wie Oberstaatsanwalt Kai Thomas B. bekanntgab, um einen 65-jährigen Jagdscheininhaber aus der Gemeinde Balje-Hörne. Er sei Ende Januar von Zeugen beobachtet worden, als er „in der Nähe des Adlerhorstes in den Wald“ ging, so das „Hamburger Abendblatt“. Kurze Zeit später hätten die Zeugen einen Schuss vernommen.

Das Motiv des Tatverdächtigen, so der Staatsanwalt, sei möglicherweise finanzieller Art. Einem nahen Verwandten des Beschuldigten, der sich inzwischen von einer Anwältin vertreten lässt und bislang zu den Vorwürfen schweigt, gehöre Grundbesitz in der Nähe des Adlerhorstes. Der potentielle Wert dieses Grundstücks, sagen Anwohner, hätte durch die unbotmäßige Anwesenheit von Seeadlern sinken können, da die Gegend für Energiekonzerne hoch attraktiv ist. Langfristige Planungen für die Aufstellung von hohen Türmen zur Energieförderung hätten durch die Existenz der seltenen, besonders geschützten Seeadler in diesem Gebiet durchkreuzt werden können. Denn solche Anlagen müssen erhebliche Abstände zu den Brutplätzen von Seeadlern aufweisen.

Der mutmaßlich aus Profitgier erfolgte Kill an einem Seeadler hat bundesweit für Entrüstung gesorgt. Medien wie „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ berichteten darüber in großer Aufmachung. Zumal Umweltschutzorganisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Mahnwachen vor den Geschäftszentralen der Energieunternehmen organisierten und Greenpeace-Aktivisten auf dem Dach von ExxonMobil eine riesige Banderole mit der Aufschrift „Fracking tötet – auch den Seeadler!“ anbrachten (die „Tagesschau“ berichtete). Der beschuldigte Jäger, dessen Name sich über soziale Netzwerke blitzartig verbreitete, steht inzwischen unter Polizeischutz, weil ihn radikale Tierschützer bedrohen („Wir wissen, wo du wohnst...“).

Wie? Sie, lieber Leser, haben von all dem gar nichts mitgekriegt? Entschuldigung. Ich habe da wohl was vertüdelt. Der Fall, den ich geschildert habe, stimmt zwar. Aber nur im Prinzip. Also, der Seeadler wurde erschossen, der Naturschutzbund hat vorbildlich reagiert, der Stader Oberstaatsanwalt ebenfalls.

Den Rest habe ich jetzt mal erfunden. Denn die Chose hat – außer an der Nordseeküste – natürlich nur kleine Wellen geschlagen. Und auch die sind längst verebbt. Den großen Medien, im Bedarfsfall mit jedem Juchtenkäfer solidarisch („Stuttgart 21“) ging das Ganze am Arsch vorbei. Unnötig, nachzutragen: Es gab im Fall des erschossenen Seeadlers mitnichten Greenpeace-Aktionen, auch keine BUND-Mahnwachen. Und radikale Tierschützer haben bekanntlich andere Aktionsfelder. Zum Beispiel bei der Firma Wiesenhof.

Ahnen Sie, warum? Bingo!

Bei den Energiekonzernen, die jeden Landwirt auf der Einkaufsliste führen, dessen Grundstücke für ihre Fördertürme attraktiv sind, handelt es sich in unserem Fall selbstredend nicht um die Fracking-Lobby. Sondern um Windpark-Kapitalisten, die im Zuge des „Repowering“ die Kulturlandschaften mit immer mächtigeren Beton- und Stahlmonstern zustellen. Derzeit sind Höhen von über 200 Metern am profitabelsten. Aber da ist noch viel Luft nach oben.

Außer, es flattern irgendwelche blöden Seeadler in der Gegend rum. Knallt man die Viecher nicht rechtzeitig ab, vermehren sie sich auch noch. Das kann juristischen Stress vor den Verwaltungsgerichten bedeuten. „Es war einmal ein Adler, der hatte viele Tadler“ (Bertolt Brecht, „Kinderverse“). Ein exemplarisch anmutender Fall wie der in Balje – wann hat man schon mal eine derartige Steilvorlage vom Staatsanwalt – wäre natürlich unschwer aufzudröseln.

Er wäre für Profis, zum Beispiel öffentlich-rechtlich alimentierte Funk- und Fernsehjournalisten mit viel Zeit und einem hübschen Spesenkonto, wunderbares Recherchefutter. Würde allerdings tief in die hässlichen Eingeweide jener Deals führen, die beim ökologisch-industriellen Komplex seit Jahrzehnten laufen. Schmutzige Deals, die Dörfer spalten und Gemeinschaften vergiften. Wo hernach ein paar Gewinner leben und ganz viele Verlierer.

Ein Tipp vom Landbewohner, liebe Kollegen: Norddeutsche Dörfer sind beileibe nicht von Mauern des Schweigens umgeben. Diese gibt es nur in doofen NDR-Fernsehkrimis mit Maria Furtwängler. Werden irgendwo ein paar Hühner misshandelt, schickt dann der NDR nicht ein Reporterteam an den Ort des Grauens und wird sogleich fündig?

Auch im Baljer Fall gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Vielleicht hat sich einfach nur ein Schuss gelöst, als der hobbyjagende Bauer zufällig um den Horst des Seeadlers strich, um eine Prise Nordseeluft zu schnuppern? Und die Seeadlerfamilie, die vor knapp einem Jahr in Dithmarschen, dem Zentrum des nordischen Windradwahns, rätselhaft verstarb (sie hatte sich an einem mit Gift präparierten Ferkelbein gelabt), hätte die nicht verdammt nochmal besser aufpassen können?

Sicher ist nur dies: Mit dem investigativen Eifer der vierten Gewalt ist es Sense, sobald die Schurken nicht ins erneuerbare Weltbild passen.

Wie schön ist da doch Panama!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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