14. April 2016

Erdoğan-Satire Je suis Böhmermann?

Er ist ein Flegel

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Bildquelle: Jonas Rogowski(CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Auch nur „gratismutig“: Jan Böhmermann

Eigentlich müsste ich jetzt mindestens ein Gedicht über einen mir unliebsamen Staatsmann, einen mir nicht genehmen Kabarettisten oder unsere Regierung verfassen. Der Text müsste beleidigend sein, mindestens hart an der Grenze zur Strafbarkeit – Schenkelklopfen des buchstäblichen kleinen Mannes auf der Straße (sprich: „Hohoho, der traut sich aber was!“) würde zum Mindestmaß gehören, was an Reaktionen erwartet werden muss. Damit würde ich mich im Rahmen dessen bewegen, was sich derzeit um den Fall Böhmermann so tut: Der ist hart an die Grenze dessen gegangen, was man hierzulande als erträglich ansieht, auch wenn sein Schmähtext aufgrund des Kontextes nicht strafrechtlich relevant sein sollte. Lustig kann das Gedicht wohl nur jemand finden, der die Stufe des Pennälerhumors nie verlassen hat. Ob nun einfach aus dem Grund, dass es sich bei dem Geschmähten um ein Regierungsmitglied einer anderen Nation handelt, daraus eine derartige Staatsaffäre gemacht werden muss, dass sich auch der letzte Kommentator dazu aufgefordert fühlt, für oder gegen Böhmermann Partei zu ergreifen… man kann das in Frage stellen.

Natürlich kann man den Fall auch zu einer Frage der Meinungsfreiheit machen – zu Recht: Beleidigungen sind nie besonders schön, aber was hat ein Potentat wie Erdoğan da eigentlich zu kamellen? Mittlerweile habe ich gelernt, dass es einen Paragraphen 103 Strafgesetzbuch gibt, der Staatsmänner vor Beleidigungen besonders schützen soll. Man kann auch in Frage stellen, ob man so einen Paragraphen braucht, aber was die Kriterien für eine strafbewehrte Beleidigung angeht, würde ich die gerade bei Politikern, bei denen man hinter einer solchen Beleidigung noch am ehesten eine verkappte Meinung vermuten darf, besonders eng stecken. So jemand sollte mehr aushalten als Lieschen Müller von nebenan, die von einer anderen Nachbarin angegangen und über Beleidigungen gemobbt wird. Die Einmischung unserer Bundeskanzlerin war insofern mindestens mal unglücklich und ist wohl der Tatsache geschuldet, dass man die Türkei als „Partner“ in der Flüchtlingskrise gewählt hat. Wie so eine Partnerschaft aussieht, wenn schon wegen eines weniger beleidigenden Liedes der Botschafter einbestellt wird… auch das kann man in Frage stellen.

Sollte es also wirklich zu einer Anklage und zu einer Verurteilung von Jan Böhmermann kommen: Deutschland könnte sich das Attribut der Meinungsfreiheit gleich selbst aberkennen. Dass unser Justizminister hart daran arbeitet, dass alles, was ihm politisch nicht ins Konzept passt, im Zweifel als beleidigend oder als Hasskommentar bewertet werden soll, passt da genauso ins Bild wie seine Bestrebungen, seinen Mitbürgern nun endlich den Sexismus auszutreiben und entsprechende Werbung verbieten und damit am Ende unter Strafe stellen zu wollen. So geht Freiheit den Bach runter!

Das, was da oben steht, werden Sie aber vermutlich schon an anderer Stelle in einer ähnlichen Form gelesen haben. Von meinem Kommentar in der Sache hängt das Heil der Welt also wahrlich nicht ab. Der Einstieg war aber wichtig, um zu einem anderen Punkt zu kommen. Denn auch wenn ich der Ansicht bin, dass Böhmermann und Co das Recht haben sollten, jeden Staatsmann zu beleidigen, vor allem in der beschriebenen Form, stelle ich mir andererseits die Frage: Muss ich jemanden beleidigen, nur weil ich das darf? Freiheitlichkeit bedeutet auch, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt ist. Eine Umkehrung – „im Zweifel verboten“ – würde jede Freiheitlichkeit auf den Kopf stellen. Im Zweifel sollte – so mein Grundsatz – alles erlaubt sein, verboten nur das, was der Freiheit eines anderen schadet. Das heißt aber nicht, dass man verpflichtet ist, jede Beleidigung, die nicht verboten ist, auch auszusprechen.

Die Methode Böhmermann ist nicht gerade die der feinen Art. Sie erinnert mich eher an die kindischen Jungs, die sich vor andere stellen und so tun, als würden sie sie schlagen wollen, bis die so genervt sind, dass sie selbst zuschlagen. Wer hat dann zuerst zugeschlagen: natürlich der bisher unbescholtene Junge, der sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Ich weiß schon, der Vergleich hinkt, Erdoğan ist alles andere als unbescholten, seine Vorstellungen zur Rechtsstaatlichkeit sind – sagen wir mal – interessant; dass man überhaupt in Erwägung zieht, einen Staat unter der Führung dieses Möchtegernpotentaten als Partner zu wählen, hängt eher an politischen Zwangslagen denn an echter Überzeugung – auch wenn man das ihm gegenüber natürlich nicht so zum Ausdruck bringen möchte. Wenn also Erdoğan verbal „auf die Fresse“ kriegt, hält sich mein Mitleid in sehr engen Grenzen.

Trotzdem kann ich dem Schmähtext, auch in der rechtlich abgesichert vorgetragenen Form, nichts abgewinnen. Der eine oder andere versucht, die Böhmermann-Performance zur Satire hochzustilisieren, aber das ist sie nicht: Es ist der Text eines Flegels, der der Ansicht war, er könne gefahrlos auf diese Art und Weise austeilen. Wäre das gelungen, hätte Erdoğan das einfach ausgesessen und die Kanzlerin nicht reagiert, man hätte es unter „Gratismut“ abgehakt: Gegen Erdoğan zu keilen, braucht es hierzulande wirklich nicht viel Mut. Jetzt droht ihm diese Taktik um die Ohren zu fliegen, und ich kann mich einer gewissen Belustigung auch hierüber nicht ganz frei sprechen.

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass Böhmermann verurteilt gehört, und wenn es hierzulande Gesetze gibt, die eine solche Verurteilung ermöglichen, gehören die abgeschafft. Aber, um im Bild von eben zu bleiben: Wenn der Provokateur mit seinen angedeuteten Schlägen gehörig eine abbekommt, gefällt mir das in Summe besser, als wenn nur der Provozierte am Pranger steht. Ich fürchte, Jan Böhmermann wird hinsichtlich Stil nicht viel aus dem Geschehen lernen, vor allem deshalb nicht, weil hoffentlich niemand auf den Gedanken kommt, ihn wirklich wegen sowas ins Gefängnis zu stecken. Aber wir alle, die wir uns als Christen oder als Bewahrer christlicher Werte verstehen, sollten Abstand nehmen von solchen schmierigen Tricks, wie sie Böhmermann hier angewandt hat. Erdoğan bietet genügend sachgerechte Angriffsfläche für eine politische wie auch eine satirische Auseinandersetzung. Solche getarnten Beleidigungen gehören sich einfach nicht, egal, gegen wen sie sich richten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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