03. Mai 2016

SINUS-Studie Die geistige Vergreisung der Jugend

Der Zeitgeist ist pomadig und altklug

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Bildquelle: shutterstock Die Jugend von heute: Brav und angepasst

Die in dieser Woche vom SINUS-Institut veröffentlichte Studie „Wie ticken Jugendliche 2016“ findet deutliche Worte: Die 14- bis 17-Jährigen wollen sein wie jedermann, sie vermeiden es, anzuecken oder aufzufallen. Große Subkulturen, die zur Erwachsenenwelt in einem signifikanten Sinnkontrast stehen, gibt es nicht mehr, Abgrenzung und gezielte Provokation gehören der Vergangenheit an. Das ehemalige Schimpfwort „Mainstream“ wird mittlerweile neutral verwendet, um die eigene Position und Persönlichkeit zu beschreiben. So wenig überraschend die Ergebnisse der Studie sind, so schockierend sind sie dennoch. Denn dass die heutigen Jugendlichen so klingen wie Erwachsene, ist schon sehr außergewöhnlich. Wenn man die Aussagen über Wertvorstellungen und Lebensziele liest, vergisst man schnell, dass es sich um Teenies handelt.

Die Jugendlichen sind also nicht nur gechillt und tun abgeklärt und erwachsen, sie denken und meinen es auch so! Und nur, wer seine eigene Jugend erfolgreich verdrängt hat, kann dies gut finden. Dabei sollte man sich nicht von Äußerlichkeiten leiten lassen: Ja, es gibt heute mehr Tattoos als jemals zuvor, die Mädels sehen mit zwölf schon aus wie 18, und es ist nicht davon auszugehen, dass sie keinen Ärger mit ihren Eltern haben. Jugendlichen scheint es heute vor allen Dingen wichtig zu sein, sich voneinander möglichst wenig zu unterscheiden, sie wollen sein wie alle anderen. Und wenn fast alle Tattoos haben, dann kommt man ohne eben nicht wirklich an. Dann haben Tattoos aber auch ihre Bedeutung verloren, zumindest ihre ursprüngliche. Die Forscher des SINUS-Instituts nennen dieses Phänomen „Neo-Konventionalismus“.

Die Jugend in Deutschland ist also zu einem großen Teil „anständig“ und „brav“ – und auch irgendwie langweilig. Dazu passt auch, dass den Ergebnissen des aktuellen Drogenreports der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge der Anteil der rauchenden zwölf- bis 17-Jährigen auf einem historischen Tiefststand von 7,8 Prozent angelangt ist – zur Jahrtausendwende lag er noch bei knapp 28 Prozent – und auch der Alkoholkonsum deutlich zurückgeht. Die heutigen Jugendlichen halten sich an Regeln und Empfehlungen, sie lehnen sich nicht auf, sie rebellieren nicht, sie sind auch nicht unzufrieden mit dem, was ist, sondern sie wollen es möglichst bewahren. Das mag alles sehr vernünftig und für manch einen auch positiv und zielstrebig klingen. Die Jugendlichen handeln mit Augenmaß, sie sind sich ihrer Verantwortung und ihrer Ziele bewusst, und gerade in Zeiten wie diesen erscheint es ihnen wichtig zu sein, zusammenzuhalten. Zudem geben sie sich mehrheitlich tolerant und weltoffen. Dagegen kann man doch nun wirklich nichts haben!

Und dennoch beschleicht mich bei alledem ein seltsames Gefühl: Aufbegehren in Jugendzeiten trainiert wichtige Muskeln, die man später immer wieder einsetzen kann. Das Eintreten für eigene Überzeugungen ist ein Akt sowohl des individuellen als auch des gesellschaftlichen Erwachsen- und Mündigwerdens. Wenn dieser Prozess nicht stattfindet, wird intergeneratives Lernen zur bloßen Weitergabe von bereits bestätigtem Wissen und bereits gemachten Erfahrungen, ohne dass eine tatsächliche Modernisierung stattfindet. Jugendliche rutschen so in die Rolle von Empfängern und nicht von Gestaltern. Wer sich nie gewehrt hat und immer den Weg des geringsten Widerstandes geht, wird es auch schwer haben, sich destruktiven gesellschaftlichen Entwicklungen erfolgreich entgegenzustellen. Werden sich die „Braven“ gegen „die Bösen“ behaupten können, oder werden sie umfallen?

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Kinder ziemlich genau so ticken wie die Erwachsenen, die in früheren Generationen „Spießer“ genannt worden wären? Und dies wohlgemerkt in einer Welt, die nun wirklich nicht problemfrei ist und der neue Impulse in vielen Bereichen sicherlich guttäten. Was passiert, wenn diese verjüngenden Denkanstöße ausbleiben? Meine Antwort lautet: Die Gesellschaft vergreist, aber nicht am oberen Ende der Alterspyramide, sondern vom unteren Ende ausgehend. Modernisierungskonflikte sind wie eine Frischzellenkur für die Gesellschaft, denn sie justieren das Machtgefüge zwischen alt und jung immer wieder neu. Diese Erneuerung wird zweifellos durch die demographischen Verschiebungen erschwert, denn Jugendliche werden sich schon rein mengenmäßig immer schwerer durchsetzen. Dementsprechend wird immer davon geredet, dass wir ein Problem haben, weil es so viele alte Menschen gibt. Betrachtet man aber die Ergebnisse der aktuellen SINUS-Jugendstudie, so scheint das größere Problem darin zu liegen, dass wir so viele greise Jugendliche haben.

Während Jugendliche sich wie Erwachsene geben und sich einrichten in dem, was ist, ist in den letzten Monaten ein weiterer Trend deutlich zu spüren: Die Erwachsenen über 40 trauern inbrünstig den jüngst verstorbenen Stars ihrer Jugend und somit ihren eigenen Träumen und Zukunftsvisionen nach. Allein in den letzten sechs Monaten starben David Bowie, Prince, Maurice White (Earth, Wind & Fire), Glenn Frey (Eagles), Black, aber auch Prominente wie Harper Lee, der Weltfußballer des letzten Jahrhunderts Johan Cruyff, Geistesgrößen wie Umberto Eco, Politiker von Weltrang wie Helmut Schmidt oder Hans-Dietrich Genscher – oder deutsche alternative Sympathieträger wie Peter Lustig.

Viele Erwachsene jenseits der 40 haben den Eindruck, dass ihnen gerade in den letzten Wochen und Monaten einiges Wichtiges, das sie ihr ganzes bisheriges Leben begleitet hatte, für immer verlorengegangen ist. Sie vermissen David Bowie und schwelgen in Erinnerungen, aber im Radio wird dessen letztes Album nicht gespielt, das ist nämlich nicht Mainstream. Der Ü-40-Nostalgie tut das aber keinen Abbruch, denn die Menschen spüren, dass es solche Künstler wie Bowie oder Prince in Zukunft nicht mehr geben wird. Dieses Gefühl passt gut zur gesellschaftlichen Stimmung, in der die Zukunft der Welt, die wir ja ohnehin nur geborgt haben sollen, skeptisch beurteilt wird. Die – durchaus verklärende – Sehnsucht nach vergangenen Zeiten wird immer dann zu einem vorherrschenden Moment, wenn die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht eben stark ausgeprägt ist. Die einen schwelgen im Vergangenen und moderieren die Zukunft ab, an die die anderen ohnehin nie geglaubt haben – wie soll hier eine modernisierende Dynamik entstehen?

Aber sagt nicht jede Generation, dass ihre eigene Jugendzeit einzigartig war und nichts mehr so sein werde, wie es einmal war? Mit Sicherheit ist dies der Fall. Und jede Generation hat damit auch auf ihre Weise recht. Weil die Welt sich verändert, gerade auch durch den Konflikt zwischen alter und junger Generation. Ein solcher Veränderungsschub täte heute not. Doch der aktuelle Zeitgeist ist pomadig und altklug, da ihm dieser rebellische Konflikt unbekannt ist. Er kann nicht einmal mehr die Reste des 60er-Jahre-Aufbruchsgefühls nachvollziehen, das für das Austesten von Grenzen, den Protest gegen Konventionen und das Ausleben von Freiheit stand. Stattdessen predigt er Konformität und Geschlossenheit, Anpassung und Verantwortung, Risikoscheu und Sicherheitsstreben. Was fehlt, ist der positiv-rebellische und zugleich auch individualistisch-kreative und befreiende Impuls. Und das zeigt sich an Deutschlands stromlinienförmiger Jugend mehr als deutlich.

Dieser Artikel erschien in der BFT Bürgerzeitung.


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