19. Mai 2016

Österreichische Hochschule in Europa Sträucher der Freiheit pflanzen

Hayeks Vision wird Wirklichkeit

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Bildquelle: Wikimedia Commons Würde sich freuen: Friedrich August von Hayek

Im Februar 1973 richteten zwei junge Ökonomen ihren Unmut an die Teilnehmer einer Studentenkonferenz der Uni Sydney. Die allgemein vertretene Volkswirtschaftslehre befinde sich in einer Krise. Das Fach tauge schon lange nicht mehr, die Probleme der Welt zu begreifen, geschweige denn, mit diesen fertig zu werden. Der Debattenbeitrag wurde als so wertvoll erachtet, dass er im „Australian Quarterly“ abgedruckt wurde. Knapp zwei Jahre später sollte sich kein „Australian“, sondern ein „Austrian“ daran machen, ins selbe Horn zu blasen. Nur saßen dieses Mal im Publikum deutlich weniger Studenten, und auch der Anlass war ein anderer. „Als Berufsgruppe haben wir einen Schlamassel angerichtet.“ Anzuerkennen, dass Wissen begrenzt sei, und den Studenten eine „Lektion in Bescheidenheit“ beizubringen, sollten zu den Hauptaufgaben der heutigen Ökonomen zählen. Der Hang zur Bescheidenheit hat den Lehrmeister nicht davon abgehalten, auch immer wieder sich selbst zu zitieren: Friedrich August von Hayek: „Die Theorie komplexer Phänomene“.

Der Nobelpreisträger hat in seiner Festrede nicht vergessen, darauf hinzuweisen, worauf es der Wirtschaftswissenschaft ankommen sollte. Der „szientistische“ Ansatz der VWL „ist entschieden unwissenschaftlich – im wahrsten Sinne des Wortes“. Hayek sorgte wohl zumindest für Kopfschütteln, wenn nicht gar für ungehaltene Schweißausbrüche unter der wirtschaftswissenschaftlich umtriebigen Zuhörerschaft. Die dominante „makro-ökonomische“ Theorie sei verantwortlich für Inflation und Arbeitslosigkeit. Hayek hat sich nicht getraut, es direkt auszusprechen, doch was er eigentlich sagen wollte, war: „Mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie seid ihr besser bedient!“ Und das haben seit Hayeks Rede – wenn nicht schon zuvor – immer mehr junge Menschen verstanden. Mit den Austrian Economics beschäftigen sich viele Interessierte im Rahmen eines Selbststudiums. Man liest die grundlegenden Werke von Menger über Mises bis hin zu populärwissenschaftlicher Literatur wie „Wie andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ von Marquart und Bagus.

Letzterer, Philipp Bagus, unterrichtet in Spanien. Wer Lust hat, sich seine Kenntnisse in Austrian Economics mit einem Diplom attestieren zu lassen, sich aber nicht jahrelang mit dem Mainstream der Inflationstheoretiker herumschlagen möchte, der ist in Madrid gut aufgehoben. Der dortige Studiengang dauert zwei Semester. Der Master an der Universität Rey Juan Carlos wurde von keinem Geringeren als Jesús Huerta de Soto ins Leben gerufen. Auf der iberischen Halbinsel darf man sich der scholastischen Tradition der Austrians ganz nahe fühlen. Schon im 15. Jahrhundert haben Schüler von Thomas von Aquin an der Uni in Salamanca über die Logik menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Organisationen philosophiert. Heute kann man für etwa 2.000 Euro die Reife erwerben, die zum Doktorstudium befähigt. Im Gegensatz zum Master ist die Promotion auch auf Englisch möglich. Die Verleihung des Doktors in Austrian Economics, ein Privileg, das den Professoren Mises und Rothbard zeit ihres Lebens vorenthalten wurde – in der spanischen Hauptstadt ist sie möglich.

Auf Mises‘ Werk liegt der Schwerpunkt des Masterstudiums „Entrepreneurial Economics“ an der Business and Information Technology School in Berlin. Über drei Semester wird „Human Action“ gelesen und ausgewertet. Darüber hinaus werden aber auch alle anderen ökonomischen Denkschulen behandelt, so dass die Studenten die Vorzüge der Österreichischen Schule noch besser verstehen, und zudem ist all dies verknüpft mit Kursen im Bereich Business und Management. Im vierten Semester widmet man sich der Masterarbeit.

Neben dem Programmleiter Stefan Kooths stehen mit Hendrik Hagedorn und Eduard Braun hochkarätige Dozenten zur Verfügung. Eingeladen sind alle Studenten, die akademisches Vorwissen aus den Bereichen Mathematik, VWL oder Philosophie aufweisen. Das Studium, das insgesamt mit knapp 20.000 Euro zu Buche schlägt (für vier Semester), versteht sich explizit als Entwicklungsforum für Unternehmerpersönlichkeiten. „Und dies funktioniert ganz stark über Austrian Economics.“ Das Ziel, erklärt BiTS-Dozent Hendrik Hagedorn, „ist es, dass unsere Absolventen ein Systemverständnis erwerben, das ihnen später im Arbeitsalltag zum Vorteil gereicht, weil sie nicht alles glauben müssen, was ihnen erzählt wird, sondern in der Lage sind, ihr Umfeld und die Geschehnisse selbständig einzuordnen.“

Bachelorabsolventen aller Disziplinen werden ebenfalls ab kommendem Herbst in Prag willkommen geheißen. Der Master in „Philosophy, Politics and Economics“ (PPE) bietet wohl das am breitesten aufgestellte Programm, das Austrian Economics in sein Curriculum mit einschließt. Das PPE-Programm blickt auf eine lange Tradition zurück. Bereits ab den 1920ern wurde in Oxford der Abschluss möglich, der sich bis heute gehalten hat. Das CEVRO-Institut in der Prager Altstadt, das sich ebenso wie das BiTS in Berlin einen kompletten Neustart traut, hat sich Verstärkung aus den USA und Deutschland geholt: Neben Michael Munger und Peter Boettke werden unter anderem auch Stefan Kolev und Jörg Guido Hülsmann unweit der Moldau unterrichten. Selbst tschechische Zentralbanker ließen sich in das Programm einspannen, das über drei Trimester verteilt (ein Jahr) 4.200 bis 8.400 Euro kosten wird, gerne aber auch mittels Bitcoin bezahlt werden kann. Der Schwerpunkt des Studiums kann individuell gelegt werden. Der Programmleiter Josef Šíma ermuntert „alle, die sich für die Ideen Hayeks, Mises‘ oder Rothbards interessieren und sich um Freiheit kümmern und freiheitliche Wissenschaft unterstützen, sich zu bewerben“.

Einen interessanten Einstieg in die Ideenwelt der Österreichischen Schule bietet ab Oktober der Lehrgang der Liechtenstein Academy „Understanding How Society Works. An Introduction to the Austrian School of Economics“. Das Kursprogramm wird in acht selbständige Module eingeteilt, die mit jeweils zwei „academic units“ bewertet werden. „Mindestmaß theoretischen Wissens, welches über das Wiederholen leerer Phrasen hinausführen soll, muss immer Voraussetzung jeder ernsthaften politischen Diskussion sein“, weiß Kursleiter Professor Kurt Leube, der schon an der Stanford University unterrichtet hat. Der innovative Lehrgang wurde besonders für Unternehmer, Journalisten und die interessierte Allgemeinheit ohne spezielle sozialwissenschaftliche Vorbildung oder Kenntnisse entworfen. Er wird in Deutsch, Englisch und bald auch in Spanisch angeboten. Der Kurs soll eine verständliche Zusammenfassung der methodologischen Position, der wesentlichen rechts- und sozialphilosophischen Grundgedanken und der entscheidenden Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien der Austrian Economics bieten. Die Teilnehmerzahl beschränkt sich auf 25 Interessierte pro Modul, dessen Kosten sich auf 1.900 Franken belaufen – Unterkunft und Verpflegung inklusive. 

Gesicherte Englischkenntnisse werden von Madrid bis Prag vorausgesetzt. Mögen diese von künftigen Uni-Absolventen auch genutzt werden, um ihre Erkenntnisse nicht nur im „Quarterly Journal of Austrian Economics“, sondern auch im „Australian Quarterly“ zu verbreiten. Die Schüler der Österreichischen Schule sollten sich zwar in Bescheidenheit üben – jedoch nicht, wenn es um die Verbreitung ihrer Lehre geht. Immer mehr Sträucher der akademischen Freiheit werden gepflanzt, deren Früchte hoffentlich künftig von einer wachsenden Anzahl junger Menschen geerntet werden. Hayek würde es freuen.


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