20. Mai 2016

Medienkrise Journalismus immer besser!

Faszinierende Kausalitäten

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Bildquelle: shutterstock Auflage und Qualität: Journalismus im Keller

Dass sich „immer mehr Menschen“ der DKP zuwenden würden, gehörte in den 1970ern zu den rührenden Mantras der von Ostberlin ausgehaltenen Zwergpartei. Allerdings vermochte selbige nie schlüssig zu erklären, weshalb ihre ungeheure Popularität sich nicht so recht in den Wahlergebnissen abbildete. Jetzt hat ein Prof. Dr. phil. Michael Haller, Leiter der „Journalismusforschung an der Hamburg Media School“, anlässlich der Verleihung von nach Henri Nannen benannten Journalistenpreisen den Versuch unternommen, einem ähnlichen Mysterium auf die Schliche zu kommen.

„Journalismus wird immer besser – seine Reputation immer geringer“, schreibt der Forscher in der Publikation „Nannen Preis 2016“. Aber warum nur, warum? Haller erklärt das Paradox unter anderem so: Trotz spitzenmäßiger Journalismusleistungen werde noch immer nicht genug „gegen den Strich“ gebürstet oder „Selbstverständliches in Frage gestellt“.

Könnte man doch glatt unterschreiben, oder? Da wären ja manche Dinge, die mainstreammedienseitig nie grundsätzlich hinterfragt oder gar gegengebürstet werden. Beispielsweise die abermilliardenteure, längst krachend gegen die Wand gesemmelte Energiewende und der raffzähnige ökologisch-industrielle Komplex, der sich von ihr fett zehrt. So etwas ist für unsere „investigativen“ Journalisten tabu. Kunststück, die sind clever. Sie wissen ja: Einen Blumentopf können sie mit dem Thema keinesfalls gewinnen.

Aber das meint unser Prof nicht. Was er vermisst, ist Haltung. Und zwar die richtige. Offshore-Enthüllungen wunderbar, Sommermärchen-Kill noch besser. Aber was ist mit den „Hassrednern aus dem AfD-Lager“? Diese Frauke Petry mal hart rannehmen (interviewtechnisch) und ihr schonungslos die Maske runterreißen – das kriegen unsere AfD-affinen Schreiberlinge natürlich nicht gebacken. Schilt Haller: „Da musste erst ein britischer Journalist kommen und Frauke Petry ein bisschen hartnäckiger und schroffer befragen als unter deutschen Journalisten üblich – und schon ist es eine Sensation.“

Na logisch: Weil die bekanntlich von allen deutschen Medienschaffenden seit Jahren glorifizierte Nazibraut (Erinnerung: Petry zierte unlängst das „Spiegel“-Cover von Heft 6/2016, das ihren sepiabraun eingefärbten Bubikopf in Riefenstahlscher Reichsparteitags-Pose vorführte), weil also diese Rampensau der Rechten einfach keinen Gegenwind durch die ihr hündisch ergebenen Pressebengels erfährt und nie erfahren hat, aus genau diesem Grund schlagen immer mehr darob bitter enttäuschte Menschen („Lügenpresse!“) einen Bogen um den Kiosk, wo die eigentlich immer besser werdenden Erzeugnisse des sowieso schon tollen Qualitätsjournalismus stapelweise vergilben. Was wiederum zur Folge hat, dass Auflagen und Einnahmen fast sämtlicher Printerzeugnisse mit Macht dem Souterrain zustreben („Medienkrise“). Faszinierende Kausalitäten. Da muss einer erst mal drauf kommen.

Insgesamt zeigt der Essay des Medienwissenschaftlers auf: „Medienwissenschaftler“ ist ein Oxymoron, wie der Begriff „Flüssiggas“. Das Wort verdient einen Preis. In der Kategorie Kurzwitz.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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