15. Juni 2016

Zum Tod von Muhammad Ali Ali(bi)-Trauer

Es fehlt der großmäulige Kerl, nicht der demütige Kranke

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Bildquelle: Featureflash Photo Agency / Shutterstock.com Kein großer politischer Aktivist: Muhammad Ali

Dies ist kein weiterer wohlfeiler Nachruf auf den „großartigen und liebevollen Menschen“ Muhammad Ali, sondern ein Suchaufruf: Die Welt braucht mehr arrogante, besessene, von sich selbst überzeugte Menschen mit Eiern.

Der Tod von Muhammad Ali reißt eine Lücke, die nicht einmal durch den globalen Erinnerungsmarathon zu füllen ist. Die Lücke tritt sogar in den Gefühlsfluten noch deutlicher zutage: Die Betroffenheit und das wehmütige Erinnern an den größten Boxer aller Zeiten haben etwas Einseitiges, Zensorisches, Ausblendendes. Der Ali, dessen nun gedacht wird, ist in vielerlei Hinsicht nur ein Alibi.

Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, was man von einem Menschen in Erinnerung behalten will. Das gilt für Angehörige ebenso wie für Personen des öffentlichen Lebens. Und selten wird eine eigene Erinnerung an einen Menschen ein umfassendes und objektives Abbild ergeben. Doch wenn man sich vor Augen führt, wie und wodurch Cassius Clay alias Muhammad Ali groß geworden ist, wie er aufgetreten ist und für was er gestanden hat, so muss die nahezu alternativlose Popularität und Einstimmigkeit überraschen: Ali stand für all das, was heute als ziemlich veraltet, verpönt und rückschrittlich gilt.

Ali war zuallererst ein Großmaul, ein Kerl, der sich selbst für den Größten, Besten und Schönsten hielt. Er war der Inbegriff dessen, was heute als männlicher Größenwahn, als Machismus, als unerträglich maskuline Arroganz und als testosterongetränkte Überheblichkeit geächtet wird. All dies erscheint in unserer modernen Erinnerungskultur jedoch eher wie eine Fußnote, wie ein Beleg dafür, dass selbst große Menschen in ihrer wilden Jugend „Fehler“ machen und nicht in jeder Hinsicht ernst zu nehmen sind.

Diese Nivellierung ist bedrückend und auch entwürdigend, denn es ist gerade Alis vor Kraft strotzende Großmäuligkeit, die ihn so von den „Größen“ unserer Tage unterscheidet. Zuweilen wirkt es auf mich so, als ob man Ali eher für sein späteres Leiden, für seine Reduziertheit, für sein Schweigen und für seine Gebrechlichkeit mag und bewundert als für sein jugendlich penetrantes Selbstvertrauen und seine Besessenheit, was das Boxen angeht. Er erschien irgendwie wie ein Alien, ein zunehmend verbleichender Überlebender einer längst verstrichenen Zeit und als schattenhafter Protagonist eines längst verflogenen Zeitgeistes.

Selbstverständlich wird gerade in diesen Tagen auch auf Alis politische Haltung verwiesen, auf seine Kritik am Vietnamkrieg, auf seine Verdienste für die schwarze Bevölkerung und für die Bürgerrechtsbewegung. Aus einer 50-jährigen Distanz ist dies jedoch recht risikolos und kostet auch nichts. „Querdenker sind immer beliebt – wenn sie seit mindestens 50 Jahren tot sind“, lautet ein weiser Satz dazu. Wenn von seinem Übertritt zum Islam gesprochen wird, dann selten ohne sofort auf sein gemeinsam mit Will Smith veröffentlichtes Statement gegen die Pauschalverurteilung der Muslime nach dem 11. September zu verweisen. In der allgemeinen Erinnerung darf Ali offensichtlich nicht als jemand weiterleben, der dem Mainstream unaufhörlich rechte wie linke Haken versetzte.

Es passt zu unseren duckmäuserigen Zeiten, dass wir eine Faszination spüren, wenn sich in alten Filmen Leute gegen den Mainstream zur Wehr setzen und eine große Klappe und keinen Respekt haben. Gleichzeitig aber haben viele Menschen heute große Angst davor, auf ihrem Recht zu bestehen, selbst eine große Klappe zu haben. Ali wird heute dafür beklatscht, dass er sich früher nicht angepasst hat und bereit war, vieles dafür aufzugeben. Gleichzeitig führen wir heutzutage alle Jahre wieder eine Debatte darüber, ob Fußballnationalspieler die deutsche Hymne singen müssen oder nicht. Die Liebe zur Unangepasstheit lebt nur in der Vergangenheit, sie hat weder Gegenwart noch Zukunft.

Mit Sicherheit hat sich Ali selbst viele Freiheiten genommen – für diesen Mut kann man ihn in guter Erinnerung behalten. Aber man sollte ihn nicht zu einem großen politischen Aktivisten stilisieren. Das war er nicht. Er war selbstbewusst bis zum Anschlag, arrogant, männlich in einer aus feministischer Sicht geradezu widerwärtigen Ausprägung. Er hat einen zutiefst politisch unkorrekten Sport betrieben und diesen perfektioniert. Er hat sich sogar rassistisch geäußert, um seine Gegner zu irritieren, sowohl im Ring als auch im wirklichen Leben. Er hat provoziert, weil er „die Eier“ dazu hatte.

Für mich ist dieser junge, wilde und maßlose Ali der wertvollere. Solche Typen bräuchten wir heute. Es gibt sie sicherlich noch, aber sie kommen schwerer nach oben, weil Anpassung, Konformität und Demut heute als die gewinnbringenden Eigenschaften gelten. In der modernen Welt des Sports drängen sich Kerle wie Ali nicht auf – Kerlinnen übrigens auch nicht. Und wenn Sportler polarisieren und in manchen Bereichen Allüren haben, kritisiert man sie schnell als arrogant oder beschränkt – wie Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimović –, oder man verdächtigt sie des Dopings – wie Usain Bolt oder Claudia Pechstein – selbst dann, wenn man ihnen nichts nachweisen kann.

Ich bin mir sicher: Ein Typ wie Muhammad Ali würde heute nicht nur von der halben Öffentlichkeit als Extremist verteufelt, sondern auch von der anderen Hälfte als „Täter“ und „Provokateur“ kritisiert werden – und zwar von genau den Leuten, die heute des alten, gebrechlichen, kranken Mannes, des „Opfers“ Ali, gedenken.

Dieser Artikel erschien in der BFT Bürgerzeitung.


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