30. Juni 2016

Deutsche Reaktionen auf Brexit-Referendum Gott strafe England

Journalismus Marke Pawlow

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Bildquelle: shutterstock Wieder empfehlenswert: Feindsender hören

Im Ersten Weltkrieg kam in Deutschland die Parole „Gott strafe England“ auf, die desto häufiger auf Briefumschläge, Untertassen und Briketts gedruckt und geprägt wurde, je länger sich der Kampf gegen Albion hinzog.

Seit dem 24. Juni 2016 legen deutsche Qualitätsjournalisten die technisch modernisierte Variante des Stempels gar nicht mehr aus der Hand. Wer als Leser noch nicht ahnte, was Propaganda ist, erfährt es nach der Brexit-Entscheidung der Briten. Noch verlaufen die Linien der Züchtigungsoperation allerdings etwas wirr: Im Zentralorgan Helldeutschlands, „Spiegel Online“, führt ein Schreiber aus, die Folgen des Brexits würden für das Königreich „dramatisch“ sein, für die EU dagegen „überwiegen die Vorteile“.

Wozu eigentlich die Aufregung, wenn die Briten das Bestrafen gleich selbst in die Hand nehmen? Endlich ist die EU ihren zweitgrößten Nettozahler los, es blockiert auch bald ein Land weniger den französischen Traum einer zentralistischen EU-Wirtschaftsregierung, der „Spiegel“-Mann weiß daher gar nicht, welche positive Wirkung des Referendums er am ehesten loben soll, entscheidet sich dann aber für eine dritte: Der Brexit werde Nachahmer abschrecken. Denn: „Dafür werden schon die Wellen an schlechten Nachrichten sorgen, die in den kommenden Wochen und Monaten von der britischen Insel auf den Kontinent schwappen.“

Jeden Tag eine Meldung über Not und Elend auf der Insel

Die Welle schlechter Nachrichten schwappen zu lassen, wird den Öffentlich-Rechtlichen, „Spiegel“ und Kollegen Kampfauftrag und Verpflichtung sein. Jeden Tag eine Meldung über Not und Elend auf der Insel, um mögliche Deserteure einzuschüchtern – so macht Resteuropa endlich wieder Spaß. Bei der Triumphmeldung über den im Postbrexit gefallenen Pfund-Kurs („stürzt ab wie nie“ – „Süddeutsche“) schoben die nach ihrem Septembererlebnis von 2015 erprobten Kampfjournalisten beispielsweise die Tatsache beiseite, dass ein sinkender Währungskurs einem exportorientierten Land unterm Strich mehr nützt als schadet. Propagandisten geht es schließlich nicht darum, sich zu Tode zu differenzieren oder den Gegner zu beeinflussen. Sie wollen den Zusammenhalt der eigenen Schäfchen stärken.

Einerseits also sind die Briten Schmiede ihres eigenen Unglücks und sollen so schnell wie möglich auch formal raus, andererseits keimt in den Lageberichten deutscher Medien auch die Hoffnung, es könnte noch ganz anders kommen. „Spiegel Online“ jedenfalls berichtet über den „gigantischen Zulauf“ für eine Onlinepetition, die eine neue Abstimmung erzwingen will. Jede neue Zahl („drei Millionen wollen neues Brexit-Referendum“) vermeldet die Plattform wie weiland versenkte Bruttoregistertonnen

Das Nachrichtenkompetenzzentrum T-Online juhut sogar über „drei Millionen Briten“, die ein Zweitreferendum wünschen. Während es sich bei T-Online offenbar um die einzige Plattform handelt, die die Nationalität von Computernutzern erkennen kann, suggeriert „Spiegel Online“, über deren Motiv Bescheid zu wissen: Es handelt sich nicht etwa um die unterlegene Remain-Fraktion, die begreiflicherweise Revanche fordert, sondern um viele, achwas, Dutzende enttäuschte Brexiters, die jetzt erst begreifen, was sie angerichtet haben.

Aber selbst wenn alle Petitionsklicks von der Insel kämen: Gut 17 Millionen Briten stimmten für den Brexit; nach dem knappen 51,9-zu-48,1-Prozent-Ausgang entschieden sich nur unwesentlich weniger für das Gegenteil. Bei einer Wahlbeteiligung von 72,2 Prozent dürften sich außerdem etliche der 27,8 Prozent Nichtteilnehmer für ihre Enthaltung verfluchen.

40.000 Stimmen aus dem Vatikanstaat

Angesichts dieser Zahlen wären selbst die Stimmen von drei Millionen echten Briten für ein zweites Referendum eher wenig. Dass eine unterlegene Seite bei einem knappen Ausgang noch einmal abstimmen lassen möchte, ist überall trivial – nur nicht in den deutschen Medien. Aber wie schon erwähnt: Die Onlinepetition zählt Klicks von IP-Adressen. Mitnichten „unterschreiben“ – anders als in den meisten Berichten von der Heimatfront – Personen mit nachprüfbaren Daten. Die Verwaltung des britischen Unterhauses entfernte mittlerweile nach eigenen Angaben etwa 77.000 zu offensichtlich betrügerische Stimmen, darunter rund 40.000 aus dem Vatikanstaat – ein bemerkenswertes Wunder der Technik, da die weitläufige Gegend um den Petersdom laut letzter Statistik 832 ständige Einwohner zählt.

Niemand in Großbritannien zweifelt daran, dass vor allem die unterlegenen Bremainer eine neue Abstimmung fordern und dabei alles nutzen, was das Internet an Möglichkeiten hergibt. Das Londoner Unterhaus wird sich zwar mit dem Ergebnis der Onlinepetition befassen. Allerdings besteht die Befassung traditionell nur in einer Debatte, nicht in einer Entscheidung. Und über das Brexit-Referendum muss ohnehin das Parlament mit einem letzten Wort befinden. Entsprechend gedämpft fällt die mediale Aufmerksamkeit für die Onlineklicksammlung auf der Insel selbst aus. Labour-Chef und Oppositionsführer Jeremy Corbyn rief inzwischen dazu auf, das Ergebnis des Brexit-Referendums zu akzeptieren.

In sehr vielen deutschen Qualitätsmedien fehlt dieses Zitat, um die Schutzbefohlenen nicht unnötig zu verwirren. Stattdessen steigt dort ein neuer Star auf: der bis eben selbst im Vereinten Königreich ziemlich unbekannte linke Labour-Abgeordnete David Lammy. Er rief die Parlamentarier dazu auf, das Brexit-Votum zu ignorieren und den „Wahnsinn“ durch eine Gegenabstimmung des Unterhauses zu stoppen. Anders als im deutschen Mutter- und Vaterland der modellierten Demokratie überschütten außerordentlich viele Briten Lammy dafür mit noch mehr Hohn und Spott als die Wiederholungs-Petenten und deren IT-Techniker. „Noch besser: Warum ignorieren wir nicht Lammys Wahlergebnis und geben den Sitz dem Kandidaten, der nach ihm kam?“, fragt beispielsweise ein „Independent“-Leser im Onlineforum. Das erfährt der geneigte Beobachter allerdings nur, wenn er britische Medien konsumiert. Schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg war das ein probates, in Deutschland allerdings selten genutztes Mittel, um den Überblick zu behalten.

Wer das tut – oder sich einfach nur etwas skeptische Tugend bewahrt –, der dürfte aus der Qualitätsmedienoffensive eher eine Diagnose einheimischer Geisteszustände herauslesen. Im Ersten Weltkrieg schrieb Karl Kraus folgenden Kurzdialog: „Wie können Sie so mit den Engländern sympathisieren? Sie können ja noch nicht mal Englisch.“ – „Nein, aber Deutsch.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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