03. Juli 2016

„Rechtsextremismus-Studie“ Ganz enthemmt im journalistischen Hier und Jetzt

Die Selbstkontrolle der Medienbranche funktioniert manchmal noch

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Bildquelle: shutterstock Oft emotionsgeleitet: Journalisten

Die Universität Leipzig veröffentlichte kürzlich eine Studie mit dem Titel „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“. Auftraggeber: die Heinrich-Böll-Stiftung (den Grünen nahe), die Otto-Brenner-Stiftung (gewerkschaftsnah) und die Rosa-Luxemburg-Stiftung (Die-Linke-nah).

Eigentlich müsste angesichts von Untersuchungen, an denen derart einschlägige Kräfte mitgebastelt haben, bei kritischen Journos ein Warnsignal angehen. Sollte bestimmtes Medienfutter nicht sehr, ja ganz besonders intensiv berochen werden – ähnlich wie Studien, die von arbeitgebernahen Instituten erstellt werden –, bevor man es in die Welt hinaus trötet? Njet. Die Leipzig-Papers schafften es ungeprüft in viele – wenn auch nicht alle – Medien, von der „Tagesschau“ bis zu „Spiegel Online“.

Die angesichts der Auftraggeberschaft leicht vorhersagbaren Ergebnisse der Studie verdickte „Spiegel Online“ unter der Schlagzeile „Deutschlands hässliche Fratze“ gleich zu Beginn seines Stücks zum handelsüblichen Brei: Aus der „Mitte der Gesellschaft“ erwachse „inzwischen ein großes antidemokratisches Potential“. Was „die NPD in der Vergangenheit nicht geschafft habe, gelinge nun der AfD: diese Wählerschaft für sich zu mobilisieren“.

Der Mediendienst „kress“ (jedenfalls nicht AfD-nah) nahm die Studie, ihre Methodik und ihre Rezeption in den Medien unter die Lupe und urteilte („Wenn Journalisten nicht selbst mehr hinschauen“) hart aber quer: „Eine Studie der Universität Leipzig zum Rechtsextremismus in Deutschland fand vergangene Woche sehr große Beachtung in den Medien. ‚Spiegel Online‘ und Co übernahmen die Zahlen völlig ungeprüft und dramatisierten sie zum Teil noch. Ein Bärendienst für die Glaubwürdigkeit des Journalismus, denn ein genauerer Blick auf die Untersuchung zeigt: Sie hält bei weitem nicht, was sie verspricht.“

Speziell zur Aufbereitung der Leipziger Papiere durch „Spiegel Online“ schrieb „kress“: „Den Vogel schoss Spiegel Online ab – die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information der Leser zu tun hat, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus.“

Woraufhin der Autor des „Spiegel Online“-Artikels sich im hauseigenen „Spiegel“-Blog zu rechtfertigen versuchte. Vielleicht auch mit Blick auf seine Chefs? War doch die Leipziger „Studie“ von ein paar ideologieresistenten Kollegen in renommierten Medien gnadenlos verrissen worden. Die filibusternde Verteidigungsschrift in einem Duktus, als habe der Hausjurist dem Schreiber die Feder geführt, liest sich für Branchenkenner in weiten Passagen freilich eher wie eine implizite Bestätigung der Vorwürfe an die „Spiegel Online“-Adresse. Zitat: „Dass ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen antidemokratische Positionen vertritt, kann man durchaus hässlich finden. Deshalb halten wir die Kritik von ‚kress‘ nicht für gerechtfertigt.“

Kleines Glück: In Teilen funktioniert sie noch, die Selbstkontrolle der Medienbranche. Alles lässt die „Lückenpresse“ nun auch nicht durchgehen. Der Stuss muss dann aber schon recht hässlich aussehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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