08. Juli 2016

Studie der Amadeu Antonio Stiftung Wenn der Nazi mit dem Trecker kommt

Die Braunen fallen unter den Grünen kaum auf

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Von einem echten Bio-Bauern kaum zu unterscheiden: Bio-Bauer-Nazi

„Nazi-Siedler umzingeln Hamburg. Ihr Ziel: Herrschaft über die Dörfer“. So titelte die „Hamburger Morgenpost“ neulich. Eine alarmierende Graphik, wie einer Kriegsausgabe der Deutschen Wochenschau entnommen, zeigte den Vormarsch der braunen Horden. Hakenkreuzflaggen waren da geballt im Hamburger Umland zu sehen, ebenso im meckpommerischen Dunkelschland. Eine Hitler-Swastika flatterte sogar südlich von Kiel, dem Born demokratischer Urgesteine wie Ralf Stegner.

Für mich war der Bericht ein Schock, lebe ich doch in einem Dorf bei Hamburg. Dort habe ich mich bisher vor Nazis sicher gefühlt. Aber wird das so bleiben? Da ich wohl nicht genug den Anfängen gewehrt, stattdessen immer feige weggeguckt habe, werde ich dafür nun die verdiente Quittung kriegen? Wehrsportübungen auf Nachbars Wiese? Rauschende Gartenpartys am 20. April? Marschmusik all night long? Woher kommt die Nazibrut, was hat sie vor?

Schon seit Jahren, berichtete die „Morgenpost“, würden sich „völkische Siedler“ im Norden niederlassen, „Anhänger der faschistischen Blut-und-Boden-Ideologie“. Das Tückische: Sie fallen in „Sippen“ über den ländlichen Raum her, erregen bei harmlosen Gemütern jedoch keinerlei Anstoß. Sie engagieren sich in Sportvereinen, Kirchen, Schützenvereinen und in der Elternvertretung an der Schule. Pflegen Brauchtum wie den Maitanz und halten reaktionäre Rollenbilder hoch. Die Frauen sind für Haus und Hof zuständig, die Männer schaffen das Geld ran und haben das Sagen. Alles stinknormal, vordergründig. Wie es sich auf dem deutschen Land und in vielen Zuwanderermilieus so gehört.

Die aktuelle Nazisturmwarnung verbunden mit Möglichkeiten der Spendengenerierung

Die aktuelle Nazisturmwarnung ist Frucht einer, nun ja, Studie der Amadeu Antonio Stiftung. Diese Initiative hat sich dem Kampf gegen „rechts“ verschrieben, beziehungsweise den damit verbundenen Möglichkeiten der Spendengenerierung und der Fördergeldabgreifung aus Quellen wie dem Bundesinnenministerium. Die Stiftung wurde übrigens 1998 von einer Dame gegründet (und wird von dieser seit 2003 hauptamtlich geleitet), die zwischen 1974 und 1982 als „IM Victoria“ für die Stasi gespitzelt hatte. Was in antifaschistischen Zusammenhängen offenbar kein Makel ist, womöglich eher ein Befähigungsnachweis.

„In den Gemeinden“, weiß die Stiftung, „treten die völkischen Siedler/innen als nette, hilfsbereite Nachbar/innen auf, die sich mit ihrer zupackenden Art beliebt und letztendlich unentbehrlich machen.“ Das haben sie mutmaßlich von der Partei SED/PDS/Die Linke gelernt, die genauso verfährt. Um sich vollends „wie Fische im Wasser“ (Mao) zu bewegen, gründen die Nazis Handwerkskooperativen und Biobauern-Verbände.

Irritiert, dass braune Naturfreunde vielfach als grüne durchgehen

Der Ökodrall der Nazi-Siedler treibt die Stiftung besonders um. Davon irritiert, dass braune Naturfreunde vielfach als grüne durchgehen, führt die Siedler-Untersuchung zu diesem heiklen Punkt aus: „Die völkischen Siedler/innen entscheiden sich für ein Leben auf dem Land, um jenseits größerer Städte eine unabhängige, rückwärtsgewandte Lebensweise zu führen. In dünn besiedelten Gebieten können sie ungestörter ihrer menschenfeindlichen Weltanschauung folgen und ihre Kinder mit weniger Einflüssen von außen erziehen. Häufig arbeiten die völkischen Siedler/innen in traditionellen Berufen wie der (Bio-) Landwirtschaft, im Kunsthandwerk oder als Hebammen und haben einen starken Bezug zum Naturschutz. Ein Leben auf dem Land und eine ökologische Produktionsweise sind noch lange kein Verweis auf völkisches Siedeln. Aber die völkischen Siedler/innen treffen in ihrer Umgebung auf vielZustimmung, weil sich ökologisch nachhaltige Konzepte in der Gesellschaft zunehmend durchsetzen, während ein kritisches Bewusstsein für problematische Überschneidungen zu rechten Naturschützer/innen häufig fehlt. Die völkischen Siedler/innen werden so oft nur als harmlose alternative Aussteiger/innen gesehen, Naturschutz dient ihnen aber lediglich dazu, die deutsche ‚Volksgemeinschaft‘ und ihren ‚Lebensraum‘ zu bewahren.“

Das Brett vorm Kopf, das die Autoren der Studie spazieren führen, versperrt freilich manchen Zugang zum Phänomen des völkischen Siedelns. Zum Beispiel die Tatsache, dass die gern kleinteilig vor sich hin wurschtelnde Szene der Ökofreaks von Anfang an „rückwärtsgewandte Lebensweisen“ pflegte. Über die braunen Wurzeln der grünen Bewegung ist mittlerweile so viel recherchiert und geschrieben worden, dass Jeremiaden über den angeblichen Klau grüner Ideen durch nazistische „Sippen“ bestenfalls ahnungslos anmuten.

Wahrscheinlicher ist, dass die Klageführer sich bloß dumm stellen. Für ein linkes Tendenzprojekt wie die Amadeu Antonio Stiftung wäre es selbstredend höchst peinlich, mal festzuhalten: Grün und braun passt in vielen Punkten – wenn auch beileibe nicht in allen – prima zusammen. Beide Richtungen haben beispielsweise Antiamerikanismus, Antikapitalismus, Globalisierungsfeindschaft und Abscheu vor modernen landwirtschaftlichen Produktionsmethoden sowie Atomkraftwerken in ihrer ideologischen DNS.

Im Wendland, Hotspot grüngestrickten Wurzelseppentums und militanter Castor-Blockaden

Auch das könnte ein Grund sein, weshalb die völkischen Siedler „bisher wenig aufgefallen“ sind, wie die Stiftung moniert. Wenn derlei Gestalten im Wendland, Hotspot grüngestrickten Wurzelseppentums und militanter Castor-Blockaden, irgendwie auffallen wollten, müssten sie auf dem Marktplatz von Lüchow schon lauthals „Heil Hitler!“ brüllen.

Oder liegt der Hauptgrund für die bisherige Unauffälligkeit der Nazisiedler darin, dass es sich bei ihnen vielleicht bloß um eine verschwindend kleine, zum Popanz aufgeblasene Minderheit handelt? Ein Häuflein versprengter Sektierer, einflussloser NPD-Fuzzis, lachhafter Großfamilien-Faschos, allesamt zusammengenommen nicht mehr als eine vernachlässigbare Größe? Es gebe, räumt die Stiftung ein, „keine offiziellen Statistiken über sie. Doch Beratungsstellen erhalten zunehmend besorgte Anfragen von Menschen, die mit den Siedler/innen zu tun haben.“

Anfragen. Zunehmend. Besorgt. Klingt nicht gerade nach einer dramatischen Faktenlage. Eher wie: Wir basteln ein Problem – irgendwas mit Rechten. Die Kohle fließt uns dann ganz von selbst zu.

Wenigstens ich bin nun etwas weniger besorgt. Dass Ewiggestrige mein Dorf mittelfristig umzingeln könnten, halte ich nach sorgfältiger Lektüre der Studie für nicht sehr wahrscheinlich. Die Ewigmorgigen werden das verhindern. Die nächste Studie kommt bestimmt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Linksextremismus

Mehr von Wolfgang Röhl

Über Wolfgang Röhl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige